Dienstag , 29 September 2020
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Wir brauchen wieder unabhängige Staaten

monroe_jamesGlobalisierung bringt zweifellos auch Annehmlichkeiten mit sich. Allerdings, und es zeigt sich wieder einmal deutlich, die Nachteile überwiegen. Während die Weltwirtschaft in einer Abwärtsspirale gefangen ist, fehlt es sonderbarerweise an Forderungen, den Prozess der Globalisierung wieder umzukehren. Im Gegenteil. Es erschallen Rufe der Begeisterung, weil China sich anträgt, den Euro zu unterstützen. Wir brauchen „internationale Investoren“, wir müssen auf den „internationalen Märkten“ konkurrenzfähig bleiben. Wir müssen uns an neue Situationen anpassen. Wir gleiten immer mehr in eine internationale Abhängigkeit. Wenn in einem Teil der Welt die Märkte erschüttert werden, stürzen auf der anderen Seite des Erdballs die Häuser ein. Geschieht dies wirklich im Interesse der Völker?

Im Jahr 1823 drückte der damalige US-Präsident James Monroe vor dem Kongress seine Forderungen nach Unabhängigkeit aus. Als Monroe-Doktrin wird dieses Bestreben meist in einem einzigen Satz zusammengefasst: Amerika den Amerikanern.

Nachdem eine Forderung wie „Deutschland den Deutschen“ von manchen Leuten missverstanden werden könnte, schließe ich sofort an: Italien den Italienern. Griechenland den Griechen. England den Engländern.

Nicht eine Isolierung vom Rest der Welt sollte das Ziel sein, sondern friedliche Co-Existenz mit harmonisch nachbarschaftlichen Beziehungen. Wenn Sie in einer Wohnsiedlung leben, dann unterhalten Sie wahrscheinlich gute Kontakte zu den Bewohnern der anderen Häuser. Auch wenn Sie einander gegenseitig zum Essen einladen, werden Sie nicht Ihre eigene Küche aufgeben und jede Mahlzeit gemeinschaftlich organisieren. Sie werden Ihr eigenes Familienbudget verwalten, anstatt sich in einem Kibbuz-System zusammen zu schließen. Sie erhalten sich ihre Privatsphäre, bringen andersdenkenden Nachbarn zwar Respekt entgegen, doch werden Sie sich gewiss nicht damit einverstanden erklären, dass alle Bewohner des ganzen Viertels in eine einheitliche Schablone gepresst werden.

Unsere Welt mit mittlerweile mehr als sieben Milliarden Bewohnern zeichnet sich durch eine begrüßenswerte Vielfalt an Kulturen, Sprachen, Mentalitäten, Religionen und individuellen Interessen aus. Ob ein Inder deswegen anders denkt als ein Deutscher, weil er so erzogen wurde oder weil es seiner Natur entspricht, macht dabei überhaupt keinen Unterschied. Auch lässt sich keine Bewertungsskala im Sinne von „besser“ oder „schlechter“, „fortgeschritten“ oder „rückständig“ anwenden. Das einzige was zählt ist, dass jedem Menschen die Möglichkeit offen stehen sollte, in seiner eigenen Umgebung, seinen Gewohnheiten und Vorstellungen entsprechend, friedlich und mit den notwendigsten Gütern versorgt, zu existieren.

Das eigentliche Problem liegt jedoch keineswegs in der massiv unterstützten Umsiedlung von Bevölkerungsgruppen, es liegt in der unlösbaren Verkettung der einzelnen Staaten im Finanz- und Wirtschaftswesen. Über Jahre hinweg blühte das Spekulationsgeschäft mit Hypotheken auf private Häuser in den Vereinigten Staaten. Dann platze plötzlich diese Immobilien-Blase. Die Konsequenzen verbreiteten sich rund um die Welt.

Alle Staaten der Euro-Zone, Deutschland eingeschlossen, sind unbezahlbar überschuldet. Einige davon haben die Grenzen überschritten und sind nicht mehr fähig, die anfallenden Zinsen zu begleichen. Nicht nur, dass der Rest Europas darunter leidet, Kursverluste an den amerikanischen Börsen werden, zumindest zum Teil, dadurch erklärt.

Natürlich steht es um die Vereinigten Staaten, was das Schuldenproblem ebenso betrifft wie die kollabierende Wirtschaft, um nichts besser als um Griechenland. Hinter dem Zerfall der US-Wirtschaft steckt zweifellos – im günstigsten Fall – Fahrlässigkeit. Schon während der 1980er-Jahre wurde die landeseigene Produktion immer mehr durch Importe aus Billigländern, vor allem aus China, ersetzt. Ganze Industriezweige verschwanden. Arbeitslosigkeit setzte ein. Die Reallöhne sanken. Die Verschuldung sowohl des Staates als auch der Konsumenten wurde vorangetrieben. Ebenso wie in Griechenland reichen die Mittel schon lange nicht mehr aus, um auch nur die Zinsen begleichen zu können. Jede Ausweitung der Verschuldung kann das bevorstehende Chaos bestenfalls verzögern, denn, wie erwähnt, die Arbeitskraft der Menschen reicht nicht mehr aus, um die Mittel für die Zinsen aufzubringen.

Und der Rest der Welt wird von dieser Entwicklung mitgerissen. Verkettungen sowohl im Finanzsektor als auch im Bereich der Produktion und der Absatzmärkte brachten eine gegenseitige Abhängigkeit mit sich. „Systemrelevante“ Kreditinstitute halten Anteile an wiederum „systemrelevanten“ Banken in anderen Ländern. Als die US-Bank Lehman Brothers im September 2008 insolvent wurde, gerieten die Bilanzen all jener Institute ins Wanken, die über zu viele Anteile an Lehman Brothers verfügten. Ein Domino-Effekt drohte einzusetzen. In Panikaktionen mussten öffentliche Mittel bereitgestellt werden, um einem totalen Kollaps des Finanzsektors vorzubeugen. Die Staaten des Westens haben, im Laufe des 20. Jahrhunderts, den unverzeihlichen Fehler begangen, die Kontrolle der Finanzmärkte privaten Institutionen zu überlassen. Unüberschaubare Spekulationsgeschäfte bringen mit sich, dass fast jedes dieser „systemrelevanten“ Institute von Insolvenz bedroht ist, sobald sich die Märkte anders als erwartet entwickeln. Auf welchem Wege die gigantischen Gewinne der Vergangenheit in „sichere Häfen“ umgebucht wurden, lässt sich in den seltensten Fällen nachvollziehen. Tatsache ist, dass eine Kettenreaktion von Bankenpleiten innerhalb weniger Tage oder Wochen zu einem restlosen Zusammenbruch des Finanzsystems führen kann.

Ich weiß, dass kaum jemand bereit ist, sich vorzustellen, dass so etwas heutzutage noch passieren könnte. Warum nicht? Was soll an dieser Welt, in der wie leben, so fortgeschritten sein? NATO-Kräfte fallen regelmäßig über andere Länder her. Millionen von Menschen in Afrika und Asien leiden Hunger, weil einige Spekulanten die Preise für Reis und Bohnen in die Höhe treiben. 15,5% der Deutschen leben unter der offiziellen Armutsgrenze. Millionen von Amerikanern sind obdachlos. Mehr als 40 Millionen US-Bürger sind auf „Food-Stamps“ angewiesen. Auch wenn wir technische Fortschritte beobachten können, in seinen grundlegenden Eigenschaften hat sich der Mensch um nichts geändert. Warum sollte er auch?

Die meisten Länder wären durchaus in der Lage, die eigene Wirtschaft auch wieder in die eigene Hand zu nehmen. Wäre es wirklich eine Tragödie, wenn auf deutschen Straßen vorwiegend deutsche Autos unterwegs wären, so wie Renaults und Citroens auf französischen und Fiats auf italienischen? Was gibt es gegen Kleidung aus landeseigener Produktion einzuwenden? Weil es einfach „cool“ ist, Jeans aus China mit einem amerikanischen Etikett zu tragen?

Das geht heute nicht mehr? Wir sind vertraglich gebunden? Die Konsumenten wollen es so? Soll es wirklich nicht möglich sein, einen begangenen Fehler noch rechtzeitig einzusehen, bevor die Auswirkungen tatsächlich in einer Katastrophe enden?

Zweifellos wirkt es vorübergehend als durchaus bestechend, nach deutschem Preisniveau bezahlt zu werden und Billigimporte aus China und aus Indien zu konsumieren. Gleichzeitig siedeln sich aber immer mehr Betriebe in Ländern an, in denen die Lohnkosten einfach niedriger sind.

Gewiss, innerhalb der EU finden sich unzählige Regelungen und Importbeschränkungen für Nicht-EU-Produkte. In den USA hat man auf den Schutz der heimischen Wirtschaft restlos verzichtet. Das geht sogar soweit, dass Sie bei einer US-Fluglinie anrufen und es antwortet eine Stimme mit indischem Akzent. Jedoch nicht, weil ein Einwanderer den Hörer abnimmt. Das Gespräch wird nach Indien weiter geleitet, weil Arbeitskräfte dort billiger sind. Wie soll die Wirtschaft eines Landes funktionieren, wenn immer weniger Einkommensmöglichkeiten zur Verfügung stehen?

Eine Kette ist so stark wie ihr schwächstes Glied. Dank der bereits weit fortgeschrittenen Globalisierung, sind die meisten Länder auf dieser Welt miteinander verkettet. Wenn die US-Wirtschaft zusammenbricht, wird Europa davon ebenso in Mitleidenschaft gezogen wie China.

Dass es sich um einen langwierigen und komplizierten Prozess handeln würde, die landeseigene Produktion wieder auf den eigenen Bedarf abzustimmen, ist unumstritten. Dass unzählige internationale Verträge in gegenseitigem Einvernehmen gelöst werden müssten, brächte immense Anstrengungen mit sich. Auch wären Veränderungen im Konsumverhalten nicht zu vermeiden. Stehen wir jedoch vor der Wahl, uns in internationaler Abhängigkeit zu verlieren, hilflos von einer Entwicklung mitgerissen zu werden, auf die wir keinerlei Einfluss mehr ausüben können, wäre es nicht vorzuziehen, noch zeitgerecht vernünftige Veränderungen in die Wege zu leiten? Warum finden sich keine Politiker, der in dieser Richtung Vorschläge unterbreitet? Warum finden wir uns mit dem Schicksal ab, Spielball der globalen Finanzmärkte zu sein?

Wenn Länder mit gravierenden Unterschieden im Preisniveau in Konkurrenz zueinander stehen, dann muss die Wirtschaft jener Länder Schaden erleiden, in denen die Produktionskosten höher liegen. Wenn Staaten sich auf internationalen Kapitalmärkten verschulden, dann geben sie ihre nationale Souveränität auf. Wenn Bürger gezwungen werden, sich internationalen Maßstäben anzupassen, werden sie ihrer nationalen Identität beraubt.

Die jüngste Generation wurde bereits dazu erzogen, Internationalisierung als etwas Positives zu beurteilen. Weder individueller noch nationaler Unabhängigkeit wird Wert zugesprochen. Die „Neue Weltordnung“ muss mit allen Mitteln bis zum Ende durchgezogen werden. Kaum jemand denkt im Detail darüber nach, wie eine solche sich tatsächlich manifestieren wird.

Dass die Finanzmärkte ebenso komplizierten Mechanismen unterliegen wie der Welthandel, scheint den Einzelnen nicht zu stören. Mit blinder Vertrautheit liefert er sich den Entscheidungen Anderer aus. Und viele mögen sogar glauben, dass ohnehin alles zum Besten der Allgemeinheit geschieht.

In gegenseitiger Abhängigkeit zu leben kann nur unter einer einzigen Bedingungen funktionieren. Und zwar, wenn alle Beteiligten, ausnahmslos, das Gemeinwohl vor Augen haben. Sobald Konkurrenzkampf und Profit im Vordergrund stehen, bringt gegenseitige Abhängigkeit unabänderlich negative Konsequenzen für jene Menschen mit sich, die sich vertrauensvoll den Entwicklungen hingeben. Den „internationalen Investor“ interessiert es nicht, ob die lokale Bevölkerung von seinen Vorhaben profitiert. Der Kapitalmarkt scheut nicht davor zurück, weitere Millionen von Menschen in Not und Elend zu treiben, solange die Zinsen bezahlt werden. Und nationale Maßnahmen zu setzen, um das eigene Volk zu schützen, widerspricht in den meisten Fällen internationalen Vereinbarungen. Es wäre an der Zeit, zu erkennen, wohin dies alles führt. Es wäre an der Zeit, die Probleme beim Namen zu nennen. Es wäre an der Zeit, einen Schlussstrich zu ziehen. Doch wer würde es wagen, den ersten Schritt zu setzen?

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