Sonntag , 19 Mai 2019
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Was besagt Breiviks Mitgliedschaft bei den Freimaurern?

masonic_apronBerichte über Breiviks mittlerweile bestätigte ehemalige Mitgliedschaft beim Orden der Freimaurer halten sich in Grenzen. Dies ist auch begrüßenswert, nachdem es völlig unangebracht wäre, diese Bruderschaft mit den Verbrechen Breiviks in Verbindung zu bringen. Trotzdem tauchen gleichzeitig aber immer mehr Gerüchte auf, die über unsinnige Zusammenhänge spekulieren. Demzufolge erachte ich es als angebracht, diesbezüglich für Klarstellung zu sorgen. Es gibt keine „maurerische Verschwörung“. In Logen werden keine Komplotte geschmiedet. Im Gegenteil: Jedes neu aufgenommene Mitglied wird formell darauf hingewiesen, dass er die Gesetze des jeweiligen Landes seines Aufenthaltes kompromisslos zu respektieren hat.

„Ich bin über die schrecklichen Gräueltaten, die im Regierungsviertel und auf der Insel Utøya  begangen wurden, entsetzt“, schreibt Ivar A. Skar, derzeitiger Großmeister des Freimaurerordens von Norwegen zu Beginn seiner Stellungsnahme auf der Webseite der Großloge. In weiterer Folge informiert er, dass Anders Breivik mit sofortiger Wirkung aus dem Orden ausgeschlossen wurde. Unmissverständlich erklärt der Unterzeichnende, dass die Handlungen, deren Breivik beschuldigt wird, mit den Prinzipien der Freimaurerei absolut unvereinbar sind. (Im Falle weniger schwerwiegender Rechtsverletzungen, wird dem Betroffenen die Möglichkeit eingeräumt, sich vor einer maurerischen Kommission zu rechtfertigen.) Es folgt eine kurze Aufzählung einiger der ideologischen Grundpfeiler: Die aktive Pflege christlicher und humanistischer Werte, Wohltätigkeit, Friede und Gutherzigkeit gegenüber allen Mitmenschen.

Als zumindest eine positive Auswirkung „Politischer Korrektheit“ lässt sich feststellen, dass fehlerhaftes und insbesondere verbrecherisches Verhalten einzelner Personen, die einer bestimmten Rasse, Nationalität, Religion oder Vereinigung angehören, nicht mehr automatisch auf die gesamte Gruppe in seinem Umfeld übertragen wird. (Es mag wenige Ausnahmen geben, doch auf diese möchte ich hier nicht näher eingehen.) Nachdem Breivik in seinen Internet-Veröffentlichungen jedoch nicht nur die Freimaurerei als eines seiner Hobbys genannt, sondern auch ein Bild von sich selbst mit maurerischem Schurz und Bijou eingesetzt hatte, ist es natürlich unvermeidbar, dass dieser Umstand gewisse Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Somit ist es auch kaum verwunderlich, dass dieser Orden, der sich mit einem Flair von Geheimnissen umgibt, in Blogs und Foren wieder einmal als Thema aufgegriffen wird.

Der eigentliche Ursprung der Freimaurerei ist nicht bekannt. Als offizielles Gründungsdatum gilt das Jahr 1717. Es gibt wenige Texte älteren Datums, die maurerische Rituale enthalten, doch setzten sich nur wenige Interessierte damit auseinander.

Wer sich eingehender mit dem Thema befassen möchte, den verweise ich gleich vorweg auf den Artikel „Freimaurerei – Was steckt wirklich dahinter?“. Jetzt geht es mir darum, in kurzer Form zu erklären, was in Logen vor sich geht, was ausgeschlossen ist und was Männer dazu motiviert, sich diesem Orden anzuschließen.

Hervorzuheben wäre, dass in maurerischen Kreisen traditionelle und gehobene Umgangsformen gepflegt werden. Diese drücken sich sowohl in der Kleidung als auch in der Wortwahl aus. Es ist weder Vermögen noch der gesellschaftliche Rang, was über eine Aufnahme entscheidet, sondern das Auftreten, die Umgangsform und, soweit es sich beurteilen lässt, charakterliche Eigenschaften. Ein Kernsatz der Maurerei lautet: Sie dient dazu, aus guten Männern bessere zu machen!

Auch wenn ich jetzt vielen, die von geheimer Mystik fasziniert sind, ihre Illusionen rauben könnte, in Logen passiert absolut nichts, was wirklich verborgen bleiben müsste. Ja, es gibt Passwörter (die meisten davon sind im Internet zu finden) und auch eine bestimmte Art des Handschlags als Erkennungszeichen. Die rituellen Texte, so schwört der Kandidat bei seiner Aufnahme, dürfen nur innerhalb von Logen rezitiert werden (und auch die finden sich großteils im Internet), doch wer glaubt, es gäbe auch nur irgend etwas für Außenstehende Interessantes zu beobachten, der wäre bitterlich enttäuscht, gelänge es ihm, diese Rituale zu belauschen. Ein Mann mit ungeschliffenem Schwert in der Hand überprüft, ob die Tür auch verschlossen ist. Ein sogenannter „Aufseher“, versichert dem „Meister vom Stuhl“, dass auch tatsächlich nur Freimaurer präsent sind. Die einzelnen Funktionäre werden in vorgegebenen Worten befragt, was ihre Aufgabe ist. Gut, und dann erklärt der Meister die Loge für eröffnet.

Wird es jetzt spannend? Nicht wirklich. Es mag sein, dass Briefe von anderen Logen verlesen werden, die zu einem Tanzabend laden. Es mag förmlich erklärt werden, wann der nächste Besuch des Großmeisters erfolgen wird. Es werden fällige Rechnungen verlesen. Dann steht plötzlich jemand auf und gibt von sich: „Ehrwürdiger Meister. Ich beantrage, dass diese Rechnungen in gewohnt maurerischer Form beglichen werden.“ Ein anderer erhebt sich: „Ehrwürdiger Meister, ich unterstütze diesen Antrag.“ Dann fragt der Meister, ob auch wirklich alle damit einverstanden sind, klopft mit dem Hammer auf ein Pult und der Logensekretär ist somit ermächtigt, die Schecks auszustellen. Schecks wofür? Postgebühren, Briefpapier für die regelmäßigen Rundschreiben, Miete für die Räumlichkeiten und vielleicht auch die Feuerversicherung.

Ach ja, was steht in den Rundschreiben? Erinnerungen, wann das nächste Treffen stattfindet und was am Programm steht.

Programm? Was für ein Programm?

Jetzt kommen wir zum eigentlichen Teil des Abends. Es könnte sein, dass ein neues Mitglied eingeweiht wird. Oder, dass einer der Brüder einen Vortrag hält. Über irgend ein Thema, dass direkt oder indirekt mit der Freimaurerei in Verbindung steht. Etwa: „Maurerische Ethik im Umgang mit Nichtmaurern.“ Was genau könnte damit gemeint sein? Wieder warne ich vor einer Enttäuschung. Sei nett und großzügig. Der Maurer soll ja schließlich mit gutem Beispiel vorangehen.

Wenn Freimaurer gelegentlich erklären, dass es bloß darum ginge, aussterbende Tugenden zu erhalten, dann meinen sie das tatsächlich ehrlich. Ob der Grad der praktizierten Tugenden bei Freimaurern auch wirklich höher liegt als bei Nichtmaurern, sei dahingestellt.

Mit ähnlich verkorksten Worten wie beim Eröffnungsritual wird die Loge wieder geschlossen. Ach ja, man bedankt sich noch beim „Großen Baumeister aller Welten“, wie Gott genannt wird, dafür, dass er wieder einmal für Harmonie während der „maurerischen Arbeit“ gesorgt habe und bittet ihn, dies auch in Zukunft zu tun. Was ist mit „maurerischer Arbeit“ gemeint? Genau das, was ich soeben beschrieben habe.

Doch endlich komme ich zum wahren Kern. Endlich erzählte ich davon, warum sich die Brüder tatsächlich einmal pro Woche, teils einmal im Monat, zusammen finden. Jetzt geht’s nämlich an die Tafel. Es wird gespeist, ein paar Gläser Wein getrunken und man unterhält sich zwanglos über dieses und jenes.

Und das soll wirklich alles sein, mag der Leser nun fragen. Wie sieht es mit geheimen Absprachen aus und mit gegenseitiger Unterstützung? Auch werden die Leute doch nicht ohne Grund die teils recht saftigen Beiträge zahlen. Was passiert übrigens mit diesen Geldern? Irgend jemand muss doch profitieren. Wie sonst wäre es möglich, dass sich dieser Verein, den es schließlich weltweit gibt, solange am Leben erhält?

Es ist eine maurerische Grundregel, dass weder über Politik noch über Religion diskutiert wird. Jedes Gerücht, dass politische Komplotte in Logen geschmiedet werden könnten, ist allein deswegen schon Unsinn. Die berüchtigte Loge „Propaganda Due“ in Italien, die vor vielen Jahren für Schlagzeilen gesorgt hatte, mag sich zwar als maurerisch betrachtet haben, gehörte aber nicht diesem internationalen Orden an, der hier behandelt wird. Auch dass ein großer Teil der Gründerväter der Vereinigten Staaten von Amerika zu den Mitgliedern zählte, besagt keineswegs, dass es sich bei der Unabhängigkeitserklärung um einen maurerischen Beschluss gehandelt hat. Mit Sicherheit nicht. Nachdem damals jedoch eine nennenswerte Zahl jener Männer, die Rang und Namen hatten, Logen angehörte – es handelte sich um eine der wenigen Möglichkeiten gesellschaftlicher Zusammenkünfte in den Kolonien – gibt es unter den Unterzeichnern eben auch einige Maurer. Wenn zwanzig Leute eine Vereinbarung unterschreiben und die Hälfte davon sind Katholiken, spricht ja auch niemand von einer katholischen Verschwörung.

Die Freimaurerei genießt in fast allen Ländern den rechtlichen Status einer gemeinnützigen Organisation. Keiner der Mitglieder erhält Zahlungen. Im Gegenteil. Jeder leistet seinen Beitrag. Ein Teil geht für die Erhaltung des Tempels auf. Ein anderer für die Bereitstellung von Essen und Trinken.  Und regelmäßig wird Geld für wohltätige Zwecke gespendet. Krankenhäuser, Forschungsprojekte oder auch kaum bekannte Vereinigungen, die etwa Obdachlosen Unterstützung gewähren.

Offen bleibt aber trotzdem noch eine Frage und zwar, wie sieht es aus mit Lobbying? Sollte man nicht davon ausgehen können, dass sich die Brüder gegenseitige Gefälligkeiten erweisen? Es wäre doch wirklich unglaublich, wenn dem nicht so wäre.

Ja, natürlich ist dies der Fall. Wenn Sie ein Problem mit Ihrem Auto haben und ein Freund von Ihnen besitzt eine Werkstatt, werden Sie Ihren Freund konsultieren oder einen Fremden? Wenn zwei Leute der Freiwilligen Feuerwehr angehören und gemeinsam ein Geschäft eröffnen, weil sie sich einfach schon lange kennen, wäre irgend etwas daran verdächtig? Vielleicht handelt es sich dabei tatsächlich um eine Motivation für manche der Mitglieder, dass es Kontakte zu knüpfen gibt. Doch auch dies hält sich in Grenzen und wird, falls es übertrieben wird, geringschätzig als „Geschäftsmaurerei“ abgetan. Es soll Versicherungsvertreter gegeben haben, denen der Zutritt zu einer Loge ermöglicht wurde, und daraufhin begannen sie, ihre „Brüder“ zu quälen. In so einem Fall dauert es nicht lange, bis so einem Quälgeist erklärt wird, dass ein derartiges Verhalten unstatthaft ist.

Im anfangs erwähnten Artikel lässt sich noch einiges mehr nachlesen. Bei Recherchen im Internet rate ich zur Vorsicht. Es findet sich ebenso viel verlässliche Information wie haarsträubender Unsinn. Bei der Mehrzahl der Freimaurer handelt es sich unumstritten um Ehrenmänner. Dass sich jedoch unter einigen Millionen von Menschen auch Schwarze Schafe finden, das ist wohl unvermeidlich. Bis hin zu einzelnen Extremen, wie der tragische Vorfall in Norwegen zeigt. Sollten Sie aber auf eine Behauptung stoßen, dass der Orden der Freimaurer auch nur in irgend einem Zusammenhang mit dieser Wahnsinnstat – oder auch anderen Verbrechen und Machenschaften –  stehen könnte, dann handelt es sich dabei um nichts anderes als ein Hirngespinst. Die Freimaurerei ist keine Religion, doch ihre Mitglieder glauben an ein „Höheres Wesen“, ungeachtet der vielen Namen, die für den Schöpfer des Universums in Verwendung sind. Sie nehmen Christen ebenso auf wie Juden, Muslime, Drusen, Sikhs, Hindus, Buddhisten oder Agnostiker, die sich zwar keiner Religion verschreiben, die Existenz eines Schöpfers aber doch für möglich halten.

Vielleicht vermittelt die Symbolik des Tragens eines Schurzes zum Abschluss noch einen gewissen Eindruck, der darauf verweist, welche Art von Männern sich in Logen zusammenfindet. Während die „operativen Maurer“, also die Handwerker, einen Schurz tragen, um ihre Kleidung vor Schmutz und Staub zu schützen, tragen die „spekulativen“ also die sogenannten „Freien Maurer“, ihren Schurz als symbolisches Schild gegen Sünden und Untugenden. Bei Breivik hat dies leider nicht gewirkt. Aber es handelt sich ja auch nur um eine Symbolik.

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