Dienstag , 29 September 2020
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Lässt sich Bargeld restlos abschaffen?

cash_dollarsBargeldloser Zahlungsverkehr birgt sowohl Vor- als auch Nachteile in sich. Zum gegebenen Zeitpunkt werden beide Möglichkeiten parallel praktiziert – mit einer deutlichen Tendenz zur elektronischen Abwicklung. In Europa bietet sich wieder einmal Schweden als Vorreiter an, wo die Zahl der Befürworter einer restlosen Abschaffung von Bargeld seit einigen Monaten im Steigen begriffen ist. Dass sich ohne der Existenz von Geldscheinen viele Verbrechen unterbinden ließen, ist ein stichhaltiges Argument. Allerdings, auch wenn die meisten von uns nichts zu verbergen haben, wirklich wohl fühlt sich wohl niemand beim Gedanken, dass absolut jede finanzielle Transaktion aufgezeichnet werden soll.

Es gab Zeiten, und ältere Jahrgänge erinnern sich noch daran, als am Monatsende sogenannte Lohntüten verteilt wurden. Die Notwendigkeit für Privatpersonen, über ein Girokonto zu verfügen, begann erst in den 1960er-Jahren um sich zu greifen. Schritt um Schritt wurden mehr Zahlungen direkt vom Bankkonto aus getätigt. Und dazu kam eines Tages die Kreditkarte. In manchen Ländern, allen voran die USA, wird es immer mehr zur Gepflogenheit, auch kleinere Einkäufe oder sogar das Bier in der Kneipe mit dem Plastikkärtchen zu bezahlen. Ein Freudenfest für Steuereintreiber, die immer mehr Transaktionen, auch im niedrigsten Bereich, nachvollziehen können.

Wie in den Medien gelegentlich berichtet wird, werden in Schweden mittlerweile immer schärfere Geschütze gegen die Verwendung von Bargeld aufgefahren. „Bargeld hat ausgespielt“ und „Wer Bargeld hat, hat etwas zu verbergen“, behauptete Maria Löök von der schwedischen Bankgewerkschaft, wie schon im Sommer im Spiegel zu lesen war. Die Stockholmer Polizeichefin Carin Götblad formulierte es noch härter: „Bargeld ist das Blut in den Adern der Kriminalität!“

Insbesondere unter dem Verweis auf Überfälle, Diebstahl, Drogenhandel und letztendlich auch Steuerhinterziehung finden sich immer mehr Argumente, die sich noch dazu schwer widerlegen lassen, die eine Abschaffung von Bargeld befürworten. Dazu kommt noch, wenn wir uns den Ablauf eines normalen Tages vor Augen führen, es finden sich relativ wenige Situationen, die nicht wirklich die Bezahlung mittels Karte ermöglichen. Wenige, aber es gibt sie.

Seinem Neffen das Taschengeld durch einen Scheck über 20 Euro aufzubessern, wäre zwar möglich, doch ziemlich sonderbar. Werfen wir einem Straßenmusikanten einen Scheck in den Hut, könnten wir sogar darauf hoffen, dass ihn der Wind wegbläst, und er niemals eingelöst wird. Ein wesentlich delikaterer Punkt fällt mir dazu auch noch ein. Liebesdienerinnen per Kreditkarte zu bezahlen? Nun ja, in Deutschland würde dies den Steuereintreibern letztendlich zugute kommen und in Schweden dem Staatsanwalt – dort ist Prostitution nämlich illegal.

Allerdings, selbst wenn wir uns dazu überwinden, auch Geschenke, Trinkgelder oder Spenden für angenehme Gesellschaft bargeldlos zu begleichen, wenn wir davon ausgehen, dass auch ein Bettler für seine Einnahmen Steuern zahlen könnte, ist es wünschenswert, dass alles, was wir bezahlen, aufgezeichnet wird? Um dem so oft zitierten Datenschutz blind zu vertrauen, bedarf es schließlich einer gewissen Naivität. Wenn ich mir am Monatsende dann die Abrechnung von Visa näher betrachte und nachrechne, dass ich 300 Euro für Zigaretten ausgegeben habe, etwa ebenso viel für Bier in der Kneipe, zweimal im Kino war, eine Nacht in einem Hotel verbracht habe, im Durchschnitt alle fünf Tage meinen Tank fülle, dann habe nicht nur ich einen guten Überblick über meine Ausgaben, jeder, der diese Informationen einsieht, lernt dabei immer mehr über meine Lebensgewohnheiten. Ja, richtig, ich habe nichts zu verbergen. Aber trotzdem, wohl fühle ich mich bei diesem Gedanken auch wieder nicht.

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