Dienstag , 23 Juli 2024
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Outscoring, Twitter, Facebook und Diaspora

wellmanns_wilde_wochen„Habe mir gerade ein Wurstbrot geschmiert und dann gegessen. War lecker, aber jetzt muss ich aufstoßen und dann was trinken. Am besten Cola.“ So, oder so ähnlich sehen etwa 95 aller Einträge bei Facebook, Twitter und Co. aus und ich frage mich ein ums andere Mal: „Warum?!“ Da geht um uns herum die Welt zugrunde, in der Nachbarschaft werden Kinder vergewaltigt und der dritte Weltkrieg steht vor der Tür und ich habe echt nichts besseres zu tun, als „meinen Freunden“ mitzuteilen, wie es meiner Verdauung geht?!

Gott, was haben wir nur früher gemacht, als man noch umständlich zum, mit Puschelvelours bezogenem, Telefon gehen musste, weil das auf der Flurgarderobe stand, um dann bei dem Versuch den Freund zu erreichen erst mal nett zu dessen Eltern sein und sich anhören musste: „Der Andreas macht grad Hausaufgaben, was willste denn?“ Ich bin mir jetzt nicht ganz sicher, aber ich glaube mich zu erinnern, dass ich dann nicht gesagt habe: „Ach, wissen Sie Frau Müller, ich hab mir grad ein Wurstbrot geschmiert. Wäre nett wenn sie das dem Andreas nachher, wenn er fertig ist, einfach mal so ausrichten könnten. Vielleicht will er ja einen Kommentar dazu abgeben.“ Oder? Nein verdammt, das habe ich nicht gemacht.

Warum also sollte ich das heute, als über 40 jähriger Mensch tun? WARUM?! Ich weiß es nicht. Ich betreibe ein Ein-Mann Unternehmen und kann mir teure Werbung dafür nicht leisten. Deshalb greife ich, Wohl oder Übel, auf Soziale Netzwerke zurück, mit denen ich diese Werbung kostenlos machen kann. Aber sind die Menschen, die ich damit erreiche denn eigentlich auch Freunde? Es gab Zeiten, da hatte man einen besten Freund, oder Freundin. Dann gab´s eine Menge Kumpels, noch mehr Bekannte und es gab die Familie. Und selbst wenn dieser Kreis mehr als 300 Leute beinhaltete, habe ich doch nicht jedem erzählt wann ich heute aufgestanden bin und was es zum Frühstück gab. Was treibt Menschen also heute dazu jeden, noch so unwichtigen, Scheiß ins Internet zu schreiben? Vielleicht können Sie mir das ja hier in einem Kommentar beantworten.

Aber um mal von meiner persönlichen Sozialnetzwerkerträglichkeitsgrenze weg zu kommen, es ist ja so, dass es unter den sogenannten Freunden bei Facebook und Twitter usw., auch ganz schnell mal welche gibt die, gelinde ausgedrückt, gar nicht wirklich welche sind. Ja die ich noch nicht mal annähernd kenne, weil sie nur Freunde von Freunden von Freunden eines Kollegen sind, der sie auch nur mal eben in die Liste derer aufgenommen hat, die nun täglich all meine Informationen lesen können. Und nicht nur das. Seit kurzem können die auch noch sehen wo ich gerade bin. Das nennt sich dann „Facebook Places“, oder „Google Latitude“, „Gowalla“ oder „Foursquare“. Wozu also noch Satellitenüberwachung, wenn es Facebook gibt?

Mussten sich früher die Einbrecher noch tagelang auf die Lauer legen, um Gewohnheiten und etwaige Regelmäßigkeiten ihrer potenziellen Opfer zu erkunden, reicht heute dafür ein kurzer Blick ins Internet. Und während ich im Urlaub, über meinen iPod die ganze Welt davon unterrichte, das ich gerade auf einen Seeigel getreten bin, räumt mir zu Hause ein „Freund“ die Bude aus.

Da ich mir ziemlich sicher bin, dass die Menschen auf Soziale Netzwerke im Netz nicht mehr verzichten wollen, drängt sich mir der Gedanke auf, dass es in Kürze ein neues Verfahren geben wird, womit man „sicher“ gehen kann, dass es sich bei dem neuen Freund nicht um jemanden handelt, der Böses im Sinn hat. Das hat dann einen Namen wie „Social Network Outscoring“, oder so, hat verblüffende Ähnlichkeit mit den aktuellen Wahrscheinlichkeitswerten der SCHUFA und sieht etwa so aus:

 

Du hast ein Freundesanfrage!

Name: Ewald Eimergesicht

Scorewert: 107 (Wird errechnet aus dem Mittelwert der anderen mit diesem Score bewerteten Anfragen)

Bekanntheitsgrad: 0,3 %
(Ist einer von 387 Freunden von „Mupfel“, der ihn auch nur deshalb kennt, weil seine derzeitige Beziehung, „Rainbow Lady“, mal eine Nacht mit dem Schwager ihrer Arbeitskollegin verbracht hat, der ihr dann erzählt hat, er kennt da einen Typen, der mal einen ganz schlimmen Ausschlag im Genitalbereich hatte)

Bisherige Beziehungsstörungen: Überdurchschnittliches Risiko
(Hat seine letzten drei Freundinnen jeweils mehrmalig betrogen. Soll schon mal bei einer Swingerparty im Tierheim gesehen worden sein)

Postingaktivität letztes Jahr: Überdurchschnittliches Risiko
(Gilt eher als ständiger Beobachter und stellt wenn, dann nur sehr auffällig intime Fragen. Pädophil-Gefahr Einstufung kann auf Wunsch angefordert werden.)

Allgemeine Daten: Überdurchschnittliches Risiko
(Hat außer Namen und Geburtsdatum, welche natürlich gefälscht sein können, keine Informationen freigegeben)

Gesamturteil: Überdurchschnittliches Risiko
(Informationen zu vertragswidrigem Verhalten, Polizeiliches Führungszeugnis und Krankenakte liegen auf Wunsch vor – gebührenpflichtig!)

Hinweis: Freundesanfrage möglichst sofort mit Vermerk „potenzielle Gefahr, evtl. Terrorist“, zum Verfassungsschutz weiterleiten.

 

Ja ich weiß, dass sich das alles wieder sehr übertrieben und schwarz gemalt anhört, bzw., anliest. Aber das hat man mir auch gesagt, als ich im Januar 2009 vor der Pandemiestufe 6 gewarnt habe. Immerhin gibt es ja jetzt, genauer gesagt seit heute, etwas neues auf dem Social Network Markt. Nämlich DIASPORA. (Ein Schelm der…, was auch immer dabei denkt). Eine dezentrale Facebook-Alternative, was immer das genau bedeuten soll.

Wer darüber mehr wissen will, der schaut bitte z.B. hier. Denn ich muss mich mal eben um fünf neue Veranstaltungsvorschläge bei Facebook kümmern. Nachher sind die Kollegen noch beleidigt, wenn ich ohne triftigen Grund einfach absage und nicht 800 Km weit fahre, um mir „Heinz & Gerda Blöbonske“ (Lustige Sketche und Gedichte), auf der offenen Bühne Niederhummelsbach anzuschauen.

Ick wünsche einen netzwerkigen Restwochenverlauf.

www.oliver-wellmann.de

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