Dienstag , 23 Juli 2024
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Aus dem Tagebuch eines Hartz IV Empfängers

radieschen„Vielen Menschen geht’s viel, viel schlechter. Hab dich mal nich´so!“, sagte Inge letztens, als ich gerade dabei war die Scheidungspapiere zu unterschreiben. „Du wirst schon wieder Arbeit finden. Kannst doch erst mal bei so´ne Leihfirma gehen. Ein Dach über´m Kopf haste doch jetzt erst mal. War doch auch nett von der alten Dame dir das Zimmer zu vermieten. Gut, iss nich´so groß, aber wenn du die Waschmaschine ´n Stück beiseite räumst, dann passt die Matratze da doch gut hin. Musst halt unter dem Schlauch durch kriechen, wenn du nachts mal auf´s Klo gehst. Und an den Geruch gewöhnst du dich schon…, die Frau iss eben schon alt. Und wenn´s jetzt ein bisschen kühler wird, nimmste halt ´ne Decke mehr. Das in so´ner Kammer kein Heizkörper iss, iss ja wohl klar. Außerdem iss doch der Hund immer da. Der strahlt doch auch was Wärme aus.“

Daran musste ich jetzt so denken, als mein Blick abwechselnd in meinen Einkaufswagen und auf meine Hände fiel und ich mich entscheiden musste, ob ich mir die „Doggys Rindssnacks“ leisten wollte, um Herrn Hubert, den Bernhardiner der alten Dame, wenigstens ab und zu davon abzulenken, mir seine unerschütterliche Zuneigung zu zeigen, oder ob ich doch die Dose Linsensuppe mit Bauchspeck mit ihm teilen sollte.

Dann sah ich aus dem Augenwinkel auf das grüne Körbchen auf dem Boden, in dem sich die „Ware von gestern“ befand. Ein Bund Radieschen und eine Salatgurke für zusammen 0,56 Euro. Ich rechnete kurz nach. Na ja kurz ist übertrieben. Kopfrechnen war noch nie meine Stärke. Brauchte ich auch nie. Ich bin Kraftfahrer. Ich war Kraftfahrer, um genau zu sein. Bis zu dem Tag, als der Buchhalter der Firma mit der Kleinen aus dem Büro nach Brasilien abgehauen ist. Mit dem gesamten Inhalt des Safes, der schon seit Jahren im Büro vom Chef stand und ihm als gleichwertigen Ersatz für eine Bank diente, die ja sowieso alle „Betrüger und Verbrecher“ waren. „Dem Buschmann“, damit meinte er den Buchhalter, „dem kann man vertrauen“, sagte er immer. Zehn Jahre lang sagte er das. Bis er eines morgens vor dem offenen, leeren Safe stand und einen Herzanfall erlitt. So war ich von einem Tag auf den anderen ein arbeitsloser Kraftfahrer.

Meine Rechnung ergab, dass Radieschen mit Salatgurke, anstatt Linsensuppe, die Möglichkeit ergab die „Doggys Rindssnacks“ auch kaufen zu können. Besser in Ruhe Radieschen mit Salatgurke essen, als das Vieh ständig mit dem Kopf in der Schüssel zu haben, dachte ich und war ein kleines bisschen stolz auf diesen gelandeten „Coup“. Ich ging rüber zum dem grünen Körbchen und wollte gerade zugreifen, als eine Frau mir, ziemlich eindeutig mit Absicht und recht heftig, ihren Einkaufswagen in die Hüfte donnerte. „Die hab ich jetzt aber zuerst gesehen!“, keifte sie mich an. „Wie unhöflich, einer Dame die Lebensmittel vor der Nase weg zu schnappen.“ Dame ist wohl äußerst unpassend für so eine bucklige Brotspinne wie dich, lag es mir auf der Zunge. Doch ich brachte nur ein stammelndes: „Ähhh, ich…“ zustande. „Was, Ähhhh ich…?“, keifte sie noch etwas lauter. „Wollen sie jetzt auch noch frech werden, sie Lümmel?! Solche Penner wie sie kann ich leiden. Älteren Damen das Gemüse klauen und dann noch das Maul aufreißen.“ Inzwischen war sie leicht rot angelaufen und schob mir immer wieder ihren Einkaufswagen in die Seite.

„Aber ich hab doch gar nicht…“, brachte ich wiederum nur hervor. Doch als sie mir ein weiteres Mal den Wagen in die Seite rammte, schoss es aus mir heraus, wie aus einer Pistole, die gerade ihre Ladehemmung überwunden hatte. Ich nannte sie all das, was mir vorher bereits durch den Kopf gegangen war und noch ein bisschen mehr. „Ich kann nämlich genauso gut Linsensuppe essen, verstehst du. Ich bin auf dein Gammelgemüse nicht angewiesen. Ich bin nämlich Kraftfahrer. Und wenn du mich noch einmal mit deinem Einkaufswagen anfährst, dann stopf´ ich dich, mit dem Kopf zuerst, da drüben ins Käseregal!“

Das Letzte an das ich erinnere ist der Schirm, den sie mir auf den Kopf drosch. Dann wachte ich auf der Polizeiwache wieder auf, wo ich eine Anzeige wegen Belästigung einer alten Dame bekam und wieder nach Hause geschickt wurde. Auf dem Weg dorthin fiel mir ein, dass ich nun gar nichts zu essen hatte und ich schwor mir, beim nächsten Mal gleich die Linsensuppe mit Bauchspeck zu nehmen.

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