Sonntag , 26 Mai 2019
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Schnittstellen – Ein Buch das in die Tiefe geht

schnittstellen_minicoverNackte, glatte, helle Haut. Silbrig glitzert es in der Hand. Den Schmerz und die Wut loswerden, ja, das Ansetzen der Rasierklinge löst freudige Erwartung aus. Ein Schnitt, noch einer und noch einer. Die Haut öffnet sich, Blut strömt heraus und das erlösende Gefühl findet seinen Weg. Einen Weg, der in „Schnittstellen“, geschrieben von Meike und Anja Abens, plastischer nicht beschrieben werden kann. Keine Fiktion verbirgt sich auf den Seiten, sondern die schmerzvolle Wahrheit einer jungen Frau. Einer von vielen, behaftet mit dem Dilemma, sich und die Welt nicht mehr aushalten zu können.

Warum verletzen sich Menschen, und hier sehr häufig Jugendliche, selbst? Was geht in ihnen vor, dass sie nur durch das Ritzen eine Art kurzfristige Erlösung für all das finden, was sie innerlich auffrisst? Aufgrund Erlebnissen aus der persönlichen Umgebung, interessierte mich dieses Buch natürlich besonders und ich muss sagen, es ist sehr aufschlussreich. Meike, ein Teenager, und ihre Mutter Anja haben mit „Schnittstellen“ einen großen Teil ihres Lebens aufgeschrieben. Immer abwechselnd im Erzählen, kann man als Leser die Gedankengänge von Mutter und Tochter verfolgen. Meike, einst ein williges und braves Mädchen, verändert sich mit den Jahren und durchläuft eine innerliche und äußerliche Verwandlung, die eigentlich für Jugendliche gänzlich normal ist. Doch bei Kindern wie Meike herrscht keine Normalität, im Gegenteil.

Meike lässt einen teilhaben an ihrem Hass und ihrer Wut auf die Gesellschaft, die Menschen und besonders auch auf ihre Eltern. Nein, eher auf ihre Mutter, die aus ihrer Sicht immer nur Leistung fordert. Besser sein und immer besser werden, scheinen Meikes junges Leben zu durchziehen, denn auch Lehrer fordern nur. Zuviel für Meike, die sich selbst in ihrer Haut nicht mehr ertragen kann und will. Und sich den Tod wünscht, allerdings Angst vor dem Sterben an sich hat. Ihre Mutter Anja erzählt in diesem Buch aus ihrer Sicht, berichtet von ihrer Hilflosigkeit, ihrer eigenen Jugend, die gewisse Parallelen zu der ihrer Tochter aufweisen und von der Ohnmacht nicht verstehen zu können was mit Meike los ist. Und der Sorge, dass ihre Tochter sich doch das Leben nehmen könnte.

schnittstellen_cover„Schnittstellen“ ist ein sehr bewegendes Buch. Nachdenklich wird man beim Lesen, kann fast den Schmerz und die Verzweiflung von Meike und Anja fühlen. Und man entwickelt ein noch besseres Verständnis für Menschen, die nur durch das eigene Verletzen für kurze Zeit eine Erleichterung in sich spüren können. Begleitet wird das Ritzen vielfach von einem tiefen Selbsthass und einer Essstörung, die sowohl eine Magersucht als auch eine Bulimie sein kann. Was hilft aus diesem fatalen Kreislauf heraus? Wo können Eltern und auch die betroffenen Jugendlichen einen Ansatz finden, um aus diesem enggeschnürten Korsett des Lebens entrinnen zu können?

Viele Antworten finden Eltern und auch Jugendliche in dem Buch und ich kann es wirklich nur weiterempfehlen. Selbst wenn man nicht von dieser Thematik betroffen ist, lohnt es sich darin zu vertiefen, denn nur was man näher kennenlernt, kann man mit großem Verständnis begegnen.

Das Buch umfasst 240 Seiten, ist im Bastei Lübbe Verlag zu einem Preis von 8,99€ erschienen und sowohl im Buchhandel als auch direkt hier erhältlich.

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