Dienstag , 17 Oktober 2017
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Nicht nur die Wirtschaft, auch die Natur nähert sich ihrem Ende

Leicht gerät in ein schiefes Licht, wer die gegebene Situation kritisiert. Wer an der Möglichkeit eines weiteren Wachstums der Wirtschaft zweifelt, gilt rasch als „Schwarzmaler“. Und wie oft werden Umweltschützer belächelt? Dann gab es ja auch noch die Warnungen vor der Erderwärmung – gefolgt von den kältesten Wintern seit Jahrzehnten. Trotzdem, die tatsächliche Situation ist erschreckend. Ein Konzept, das daran erinnert, führt den Namen „Ökologischer Fußabdruck“. Falls Sie noch nie davon gehört haben, so liegt dies vermutlich daran, dass jeder Versuch, unseren Planeten zu retten, der Entwicklung der Wirtschaft schadet.

sunrise_mountains_cloudsSchon in den frühen 1990er-Jahren setzten sich William Rees und Mathis Wackernagel mit dem Problem auseinander: Wie viele Hektar Land stehen den Menschen weltweit zur Verfügung – und wie viele Hektar werden benötigt?

Auch wenn wir selten darauf hingewiesen werden, der Platz, den wir persönlich zum Leben brauchen, ist nur ein Bruchteil von der Fläche, die für unsere Erhaltung benötigt wird. Anbauflächen für Nahrungsmittel, Weideflächen für Vieh, Wälder für die Holz- und Papiererzeugung und, neben anderen Dingen, die wir konsumieren, bedarf es auch einer ansehnlichen Fläche, um die Abfallstoffe, die wir produzieren, aufzunehmen. Der Zeitpunkt, an dem die Menschheit davon ausgehen konnte, dass die Erde dafür schon groß genug sei, ist bei einer Bevölkerungszahl von sieben Milliarden schon lange überschritten.

Nach jahrelangen Vorbereitungsarbeiten, wurde 2003 das Global Footprint Network ins Leben gerufen. Detaillierte Erklärungen über die verschiedenen Berechnungsmethoden, der jeweilige Stand der Dinge sowie aktuelle Publikationen gelangen auf der Webseite der Organisation, auch auf deutsch, regelmäßig zur Veröffentlichung.

Nachdem die Biokapazität einzelner Flächen eine sehr unterschiedliche ist, wird in diesem Konzept die Erdoberfläche mit rund 12 Milliarden Bio-Hektar (hag) bemessen. Zwar beträgt die tatsächliche Fläche 51 Milliarden Hektar, doch 70 Prozent davon sind mit Wasser bedeckt. Die Nahrungsmittelgewinnung aus dem Meer ist natürlich um ein Vielfaches niedriger als von Agrarland. Die Tundra und die Antarktis tragen zur Erhaltung des Lebens ebenso wenig bei wie die Wüstengebiete.

Wie die folgende Graphik zeigt, standen im Jahr 1961, bei einer Weltbevölkerung von rund drei Milliarden, jedem einzelnen noch 3,7 Bio-Hektar zur Verfügung. Mittlerweile sind wir bei sieben Milliarden angelangt, und dementsprechend hat sich die verfügbare Fläche auf wenige als 1,8 hag reduziert.

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Doch nun zum Bedarf. Dieser ist zwar, von 1961 bis jetzt nur geringfügig von 2,4 hag auf 2,7 hag angestiegen, doch stehen dem Einzelnen, aufgrund des Anstiegs der Gesamtbevölkerung, eben nur noch 1,8 hag zur Verfügung. Das bedeutet, dass die Menschheit regelmäßig mehr Umwelt zerstört als diese zur Selbsterneuerung fähig ist. Dass dies vorübergehend durchaus funktionieren kann, wird von Mathis Wackernagel mit finanzieller Verschuldung verglichen. Wer 2.000 Euro im Monat verdient und regelmäßig 3.000 ausgibt, kann sein Leben über einige Zeit hinweg durch Kredite finanzieren. Doch eines Tages führt dies, mit mathematischer Gewissheit, zum Zusammenbruch.

Der genannte Durchschnitt schließt natürlich auch Länder wie Indien ein, wo der Bedarf bloß bei 0,9 hag pro Person liegt. In Deutschland beträgt er 5,1 und in Nordamerika sogar 7,9. Wie in dem, am Ende eingesetzten, Video demonstriert wird, ließe sich diese Umweltbelastung durch einige Maßnahmen, weniger Fleischgenuss, Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel etc. zwar reduzieren, aber nur auf 3,5 – also noch immer deutlich höher als unser Planet es noch verträgt.

Wie ebenfalls aus der oben eingesetzten Graphik ersichtlich ist, entfällt ein wesentlicher Anteil, exakt sind es 52 Prozent, der benötigten Fläche auf die Aufnahme des Co2-Ausstoßes. Ob dies eine Erwärmung der Erdoberfläche nach sieht zieht oder nicht, steht hier keineswegs zur Diskussion. Fest steht, dass sich die Erdatmosphäre verändert, sobald produziertes Kohlendioxid von der Pflanzenwelt nicht mehr zur Gänze verarbeitet werden kann. Welche irreversiblen Folgen sich daraus ergeben werden, darüber zerbrechen sich einige Wissenschaftler schon lange die Köpfe.

In diesem Zusammenhang möchte ich auch an einen Umstand erinnern, der leider viel zu selten unsere Beachtung findet. Die Natur wird vom Menschen immer weiter verdrängt. Täglich sterben Arten aus, weil es ihnen an Lebensraum fehlt. Es gibt kaum mehr unberührte Landschaften. Die letzten unkontaktierten Indiostämme in den scheinbar endlosen Wäldern des Amazonas müssen immer öfter Plantagen weichen. Die großen Naturgebiete der Vergangenheit waren unsere Reserve. Mittlerweile betragen sie nur mehr drei Prozent der gesamten Erdoberfläche, informiert Mathis Wackernagel.

Natürlich wurden auch schon mehrmals Kritiken an diesem Konzept des Ökologischen Fußabdrucks laut. Die einzelnen Berechnungen würden zu oft von der Realität abweichen, Gebiete mit hoher Bevölkerungskonzentration und Städte würden die Umwelt im Vergleich weniger belasten als der Eindruck vermittelt wird und einiges mehr. Doch handelt es sich dabei letztendlich um pseudointellektuelle Haarspaltereien. Tatsache ist, dass die Menschheit ihre eigene Lebensgrundlage systematisch kaputt macht. Dass wir mittlerweile bereits anderthalb Planeten bräuchten, um diese sieben Milliarden Menschen zu versorgen. Dass wir drei Planeten bräuchten, würde sich unser europäischer Lebensstil über die ganze Welt verbreiten.

Doch wovon werden all diese Warnungen überschattet? Von der Wirtschaftskrise, von der Euro-Krise, von der dringenden Notwendigkeit einer Rückkehr zu Wachstum, um auch weiterhin brav die Zinsen für die Schulden begleichen zu können. Wir leben im Zeitalter der Widersprüche. Und haben wir es hier nicht mit dem schwerwiegendsten aller Widersprüche zu tun? Unser Planet ist nicht mehr groß genug, um die Menschheit unbeschadet zu versorgen, doch wir brauchen unbedingt Wirtschaftswachstum, um unser Finanzsystem aufrecht zu erhalten.

Wenn über ein Problem berichtet wird, so erwartet der Leser meist auch sogleich einen einfachen Lösungsvorschlag. Ja, natürlich gibt es Lösungen. Aber nicht, solange jedes Abweichen vom derzeitigen Lebensstil, der fast ausschließlich auf Produktion und Konsum ausgerichtet ist, zurückgewiesen wird. Nicht, solange von jedem Menschen erwartet wird, dass er 40 Stunden pro Woche arbeitet. Nicht, solange die derzeitigen Umsätze der Wirtschaft unter allen Umständen erhalten werden müssen, um den Finanzsektor zu befriedigen. Mutter Erde mag vielleicht noch etwas länger Geduld mit uns haben als die Herren in der Wallstreet und in der Londoner City. Aber eben, nur etwas länger.

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