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Ein Wirtschaftssystem, das in seinen Wurzeln krankt

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flutkatastropheWäre es für ein Land wünschenswert, von Katastrophen, Seuchen und Krankheiten verschont zu bleiben? Vom wirtschaftlichen Standpunkt aus betrachtet, keineswegs! Denn alles, was Kosten verursacht, bedeutet gleichzeitig auch Wachstum. Woher das Geld kommt, das ist erst die zweite Frage. Diese brutale Voraussetzung, je mehr Schaden, desto mehr Geschäft, begleitet von der unabdingbaren Notwendigkeit, sich immer tiefer zu verschulden, hat unsere Zivilisation dahin gebracht, wo sie heute ist.

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Unser derzeitiges Wirtschafts- und Währungssystem, beides untrennbar miteinander verbunden, setzt anhaltendes Wachstum voraus. Wovon der Mensch vielleicht träumen mag, eines Tages seine Ziele erreicht zu haben, um den hart erarbeiteten Komfort endlich genießen zu können, ist vom wirtschaftlichen Standpunkt aus einfach ausgeschlossen.

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Wird eine Region von einer Naturkatastrophe heimgesucht, werden auch rasch Zahlen bezüglich des entstandenen „volkswirtschaftlichen Schadens“ bekanntgegeben. Für die Betroffenen handelt es sich zweifellos um eine Tragödie, wenn ihre Häuser von Fluten hinweggerissen wurden, wenn Straßen und andere Infrastrukturen von einem zum anderen Tag plötzlich nicht mehr vorhanden sind. In einem Nullsummenspiel ist des Einen Schaden jedoch immer des Anderen Nutzen. Eingebrochene Straßen, zerstörte Häuser, vernichtete Möbel bis hin zu unbrauchbaren Kleidungsstücken, all dies verlangt nach Erneuerung. Unternehmen erfreuen sich steigender Aufträge, Arbeitsplätze werden geschaffen, die Steuereinnahmen steigen. Alles, wonach sich die Wirtschaftstreibenden sehnen, ist plötzlich gegeben. Der Rubel rollt.

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Wie wünschenswert wäre es, Krankheiten zumindest weitgehend zu besiegen? Wirklich gesunde Lebensweise, ausreichende Bewegung, ausgeglichene Ernährung und vor allem der Abbau von Stress, tragen zweifellos dazu bei, so manche Leiden erst gar nicht entstehen zu lassen. Doch so sehr Krankenkassen über steigende Kosten klagen, für die Wirtschaft wäre es eine untragbare Situation, würde sich die Zahl der Krankheitsfälle plötzlich halbieren. Die Umsätze der Pharmaindustrie wären rückläufig, Krankenhäuser wären unausgelastet, Personal müsste abgebaut werden, steigende Arbeitslosigkeit, weniger Steuereinnahmen, weniger Kaufkraft – der Dominoeffekt würde einen nicht wieder gutmachbaren wirtschaftlichen Schaden auslösen.

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Die Kette unerfreulicher Ereignisse, die letztendlich der Wirtschaft zugutekommen, lässt sich aber noch wesentlich weiter ausdehnen. So stellte etwa der britische Ökonom John Stuart Mill (1806 – 1873) folgende Frage:

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Ein Feind verlässt ein durch Feuer und Schwert vernichtetes Land, zerstört und nimmt beinah sein ganzes bewegliches Vermögen mit fort; alle Einwohner sind ruiniert, und wenige Jahre später ist doch alles wie vorher. Diese ‘vis medicatrix naturae’ hat oft Staunen hervorgerufen… Es ist aber gar nichts wunderbares dabei.”

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In einer Veröffentlichung der Universität Münster findet sich die einfache Erklärung:

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Die Rekonstruktionshypothese lautet nun wie folgt: Langfristig entwickelt sich die Volkswirtschaft nach einem Wachstumstrend, dessen Steigung durch die Aufnahmefähigkeit der Arbeitskräfte für technologische Neuerungen bestimmt wird. Infolge des Krieges wird zwar der Sachkapitalstock einer Wirtschaft zerstört, nicht jedoch das Humankapital. Der Wiederaufbau einer Wirtschaft nach einem Krieg vollzieht sich sehr schnell, weil (i) Investitionen in die Infrastruktur Engpässe beheben, (ii) Arbeitskräfte nach Beseitigung von Wohnraum- und Nahrungsmittelnotstand wieder gemäß ihren Qualifikationen eingesetzt werden können und (iii) sich die Qualifikation der Arbeitskräfte während des Krieges weiterentwickelt hat und damit technologischer Rückstau abgebaut werden kann.“

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Was würde aus der umsatzträchtigen Rüstungsindustrie werden, gäbe es keine angenommenen Feinde oder auch keine kriegführenden Länder, von denen die Tötungsmaschinen erworben werden?

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Wie viele Menschen würden wohl davon träumen, über eine bestimmte Anzahl von Jahren hinweg einfach hart zu arbeiten, um irgendwann einmal „alles erreicht zu haben“? Ist es nicht unser aller Wunschvorstellung, in einer Gemeinschaft zu leben, in der soziale Gerechtigkeit und ein harmonisches Umfeld vorherrschen? Lässt sich an der Existenz von Dieben und Einbrechern etwas Positives erkennen? Aber selbstverständlich. Denn wir brauchen Versicherungen, teure Schlösser an den Türen und vielleicht auch Alarmanlagen. Und wenn immer etwas gestohlen wird, so muss es neu gekauft werden. So absurd es klingen mag, Menschen, die sich am Eigentum Anderer vergreifen, dienen der Wirtschaft genauso wie Orkane und Überschwemmungen, Viren und krebserregende Substanzen in der Umwelt. Genauso hängt die Wirtschaft von der Unzufriedenheit der Menschen ab. Würde nur das gekauft werden, was wirklich gebraucht oder gewollt wird, wären weder Produktionsanlagen noch der Einzelhandel ausgelastet. Das sogenannte „Schaffen eines Bedarfs“, womit manipulative Werbung gerne bezeichnet wird, bringt nicht nur Umsätze für die Werbenden, sondern auch für die Werbeagenturen und alle, die von denen ihre Aufträge erhalten.

Ich weiß, dass derartige Überlegungen umbequem sind. In der Psychologie gibt es den Begriff der „Kognitiven Dissonanz“. Diese besagt, dass das Unterbewusstsein des Menschen dazu neigt, auch belegbare bzw. logisch zusammenhängende Tatsachen zurückzuweisen, wenn darauf basierende Überlegungen dazu zwingen würden, ein bestehendes Weltbild neu zu überdenken. Dieser Effekt hat absolut nichts mit Manipulation oder Gehirnwäsche zu tun – auch wenn man sich in diesen Bereichen derartiger Erkenntnisse bedient. Auch hochintelligente Wissenschaftler sind davon betroffen, wenn ihr Lebenswerk durch neue Entdeckungen ins Wanken geraten könnte.

Muss die Wirtschaft nun unter allen Umständen unaufhaltsam weiterwachsen, so erfordert dies gleichzeitig, dass immer mehr Geldmittel in den Kreislauf gepumpt werden. Geld entsteht zum überwiegenden Teil, indem Banken reale Werte, zu denen auch die zukünftige Arbeitskraft zählt, als Sicherheiten anerkennen und einen entsprechenden Geldbetrag (aus dem Nichts) „schöpfen” und als Kredit gegen Zinsen zur Verfügung stellen. (Sieh dazu: Artikel „Geldschöpfung“, Wikipediaeintrag „Geldschöpfung“)

Ich will den folgenden Punkt, der in mehreren anderen Artikeln ohnehin oft genug ausführlich behandelt wurde, hier nur kurz andeuten. Um ein anhaltendes Wachstum der Wirtschaft zu gewährleisten, ist nicht nur ein entsprechender Bedarf von Nöten, sondern auch die finanziellen Mittel. Nachdem Geld und Kredit identisch sind (jeder Euro auf Ihrem Konto wird von irgendjemandem irgendeiner Bank geschuldet), steigt bei zunehmendem Geldvolumen gleichzeitig die Zinsbelastung. Und falls Sie sich wundern, dass das vorherrschende System ja über Jahrzehnte bestens funktioniert hat, dann erklärt genau dieser letztgenannte Punkt, warum es plötzlich nicht mehr funktioniert. Denn zu allen unwillkommenen Faktoren (Krieg, Kriegsvorbereitung, Katastrophen, Krankheit, Kriminalität, Unzufriedenheit) kommt bei steigendem Wachstum die immer größer werdende Zinsbelastung. Auch die rapide angewachsenen Kapitalmengen verlangen nach Ertrag. Denn Geld (genauer gesagt: Vermögen) muss ja schließlich „arbeiten“, auch wenn es nur darum ginge, die unaufhaltsame Entwertung von Geld auszugleichen. Je höher die Zinslast und die Ertragserwartungen des Kapitals ansteigen, desto schneller dreht sich die Spirale.

Was immer sich ein Mensch unter Lebensqualität vorstellt, die wirtschaftlichen Voraussetzungen sprechen sich dagegen aus!

Natürlich mag es Einzelnen gelingen, ihre Lebenssituation im materiellen Sinne entsprechend zu verbessern, um sich eines Tages wirklich auf den Lorbeeren ausruhen zu können. Dieser „Luxus“ muss sich aber auf eine verschwindende Minderheit beschränken, andernfalls das System zusammenbrechen würde.

Zweifellos findet die Mehrheit der Menschen nichts Anstößiges daran, ein Leben lang hart zu arbeiten, um mit dem Einkommen die Notwenigkeiten, vielleicht auch mit etwas Komfort, finanzieren zu können. Doch ist die Tatsache, dass Katastrophen, Kriege und Krankheiten dieser Wirtschaft dienen, und somit zu etwas Positivem werden, nicht in sich selbst schon schockierend? Wäre es nicht für alle wünschenswert, ohne dem Eintreten tragischer Vorfälle schlichtweg besser dazustehen? Ist ein System, das Leid und Krankheit erfordert, nicht in seinen Wurzeln krank?

Die Ursachen für diese durchaus absurde Situation lassen sich natürlich leicht erkennen: Es ist die Notwendigkeit des anhaltenden Wachstums. Diese ist wiederum auf die ständig steigende Zinslast und die ebenso steigenden Ertragserwartungen wachsender Vermögenswerte zurückzuführen. Zweifellos ließe sich beides ändern.

Aus den bekannten wirtschaftlichen Experimenten, den verschiedenen Varianten von Kapitalismus aber auch Kommunismus, lassen sich die einzelnen Elemente in ihren jeweiligen positiven und negativen Auswirkungen herauskristallisieren. Zweifellos würde es die überwiegende Mehrheit der Menschen begrüßen, das eigene Wohlergehen im Zentrum des neu zu erarbeitenden Systems zu wissen. Wer sich nach materiellen Gütern sehnt, dem sollen auch Möglichkeiten offenstehen, diese durch Fleiß zu erlangen. Wer es vorzieht, ein bescheidenes Dasein zu führen, dem sollte aber gleichzeitig ebenso das Recht zustehen, seine Energien für seine persönlichen Interessen einzusetzen.

Der wichtigste Punkt, der nach dringlich notwendigen Veränderungen verlangt, ist die Gesetzgebung. Wir leben in einer Demokratie. Wenn die Gesetze nicht nach den Vorstellungen der Bürger gestaltet werden, nach wessen Vorstellungen dann?

Wäre es wirklich so undenkbar, diese beiden parasitären Mechanismen, Zins und Kapitalertrag, neu zu regeln? Wäre der Staat, die Gesamtheit der Bürger, nicht fähig, die Geldwirtschaft in die eigenen Hände zu nehmen? Sollte es auf diesem Wege nicht möglich sein, sich von der Herrschaft des Finanzsektors zu befreien? Über welchen Wert würden die vielen Billionen Euro, die in Steueroasen versteckt werden, noch verfügen, wenn es Gesetze gäbe, die uns von der Abhängigkeit dieses Kapitals befreien?

Bei diesen erwähnten Anregungen kann es sich natürlich nur um einen simplen Hinweis handeln, der die Richtung zeigt, aus der die wirtschaftlichen Probleme kommen und wo dringend radikale Veränderungen notwendig wären. Und wenn sich bis heute nur Wenige darüber wundern, dass genau in jenen Jahren, in denen den Bürgern erklärt wird, dass sie den Gürtel nun enger schnallen müssten, die Vermögen der Finanzelite unaufhaltsam vergrößern, dann könnte die Kernaussage dieses Artikels vielleicht doch etwas mehr zum Nachdenken anregen: Je mehr Katastrophen und Seuchen es gibt, je kränker und unzufriedener die Menschen sind, desto mehr floriert die Wirtschaft. Katastrophen und Krankheiten ließen sich zwar nicht abschaffen, doch sollte das Nichtauftreten solcher Ereignisse nicht doch eher von Vorteil sein?

Über Konrad Hausener