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Was heißt hier Krise? Es ist ein Zusammenbruch!

chess_inclinedEine Krisensitzung folgt der anderen. Abänderungen des EU-Vertrages seien unumgehbar. Eine europäische Fiskalunion sei bereits in Ausarbeitung. Die so allmächtigen Rating-Agenturen werten ganz Europa ab. Die EZB reduziert die Zinsen auf einen historischen Tiefpunkt. Weitere Hilfen für zahlungsunfähige EU-Staaten sollen über den Umweg des IWF geleistet werden. In mehreren Ländern gibt es immer wieder neue Proteste gegen die Einführung von Sparmaßnahmen. Täglich neue Meldungen, täglich neue Versprechungen, und seit Monaten wird um den heißen Brei herumgeredet. Unser Finanzsystem ist am Ende.

Was würde passieren, wenn die EU zerbricht? Wenn der Euro plötzlich wieder verschwindet? Eine Menge Details würden sich ändern, das größte aller Probleme würde uns jedoch weiter im Nacken sitzen: Eine unbezahlbare Überschuldung.

Wenn Sie 30.000 Euro im Jahr verdienen und 25.000 davon gehen für Steuern, Zwangsversicherungen, Miete, Fahrtspesen und einige andere unvermeidbare Kosten auf, dann bleiben Ihnen noch 5.000 Euro für Essen, Trinken, Kleidung, Möbel, Bildung, Hygiene und Unterhaltung. Einer im Juni veröffentlichten Studie des Marktforschungs-Instituts GfK in Nürnberg zufolge, verbleiben jedem Deutschen im Durchschnitt tatsächlich nicht mehr als 5.329 Euro pro Jahr – oder 14,60 Euro pro Tag – für all diese Dinge. Jetzt stellen Sie sich aber darüber hinaus noch vor, dass Sie 50.000 Euro Schulden haben. Bei einer 10-%igen Verzinsung, kostet Sie dies nochmals 5.000 Euro jährlich. Abgesehen davon, dass von einer Reduktion der Schulden keine Rede sein kann, alles Geld, das Ihnen für Ihr persönliches Überleben zur Verfügung steht, liefern Sie bei Ihrer Bank ab. Was bleibt übrig, um den Kühlschrank zu füllen, Ihre Anzüge in die Reinigung zu bringen oder hin und wieder ein neues Hemd zu erstehen? Nichts. Sie sind restlos pleite.

Und so sieht es nicht nur um Europa aus, sondern um alle Staaten der westlichen Welt. Mit dieser Situation sind die sogenannten „reichen“ Industriestaaten konfrontiert. Sie sind alle zusammen restlos pleite und können nur durch weitere Verschuldung überleben. Was für eine Lösung sollte es für diese „Krise“ geben?

Im Jahr 2010 wurde vom McKinsey Global Institute eine Studie ausgearbeitet, in der die Gesamtverschuldung einer Auswahl von Staaten offengelegt wurde. Also, neben den öffentlichen Schulden, auch jene von Unternehmen, Geldinstituten und Privatpersonen. Die folgende Graphik, die ursprünglich bei Global Finance veröffentlicht wurde, gibt den Prozentsatz der Verschuldung in Relations zum Bruttoinlandsprodukt an.

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Aus diesen gesammelten Daten lässt sich hochrechnen, dass die Gesamtverschuldung der EU-Staaten zwischen 25 und 30 Billionen Euro liegt. Wie die US-National-Debt-Clock ausweist, sind die Vereinigten Staaten mit insgesamt 54,4 Billionen Dollar (40 Billionen Euro) verschuldet.

Abgesehen davon, dass die gesamte existierende Geldmenge nur rund ein Drittel dieser Verbindlichkeiten abdeckt, nachdem unser Geldsystem auf der Geldausgabe als Kredit basiert, ist ein Schuldenabbau grundsätzlich auszuschließen. So absurd die Situation auch wirken mag, es ist eine Tatsache, dass es ohne Schulden auch kein Geld gibt. Auf Grund der regelmäßigen Verzinsung, steigen Schulden von selbst an, das Geldvolumen aber nur durch Schaffung neuen Geldes – also neuer Verschuldung. Dieses System bildet einen Kreislauf, eine Spirale, aus der es kein Entrinnen geben kann.

Und all dieses Gelaber von Lösungsfindung dreht sich dabei überhaupt nicht um eine befriedigende Reduktion der Staatsschulden, denn, wie sich mit schlichten Kenntnissen des Einmaleins nachrechnen lässt, ist dies absolut ausgeschlossen.

Jetzt kommt aber noch ein Problem hinzu: Wenn immer den Bürgern ihr ohnehin bereits knappes Budget weiter verkürzt wird, sinkt der Konsum. Darunter leidet wieder die Wirtschaft. Betriebsschließungen sind die Folge, Personalabbau, niedrigere Umsätze, weniger Steuereinnahmen. Wohin soll das führen?

Was vermutlich zu den angestrebten Lösungen zählt ist ein Anheben der Exporte. Wohin? Das ist eine gute Frage, denn die Löhne – und die Preise – in den Industriestaaten sind deutlich höher als im Rest der Welt, was viele der hierzulande erzeugten Produkte auf den Weltmärkten nicht gerade konkurrenzfähig macht. Trotzdem, das einzig denkbare Ziel, das sich zur Zeit anstreben ließe, wäre, die Menschen Europas bei weniger Konsum mehr arbeiten zu lassen, um das Geld für die Bezahlung der Zinsen noch auf einige Zeit auftreiben zu können. So banal dieser Satz auch klingen mag, ich würde mich gerne davon überzeugen lassen, dass es einen anderen Weg einer Verzögerung des endgültigen Zusammenbruchs geben könnte. Ja, gewiss, Neuverschuldung wäre zwar eine Möglichkeit. Doch das Abwerten der Kreditwürdigkeit Europas durch die publizierte Meinung privater Agenturen wie Standard & Poor’s und Moody’s verteuert neue Kredite. Und es scheint als handle sich dabei um das Bestreben, diese Art der Verzögerung auszuschließen.

Dass die bestehenden Schulden nicht bezahlt werden können, ist eine unbestreitbare Tatsache. Dass die Bürger der Industriestaaten schon lange ein Vielfaches mehr leisten müssen als sie selbst konsumieren, ist ebenfalls eine – wenn auch sehr geschickt verschleierte – Tatsache. Denken Sie einfach daran, wie viele Stunden Sie selbst arbeiten müssen, um eine Arbeitsstunde in der Autowerkstatt bezahlen zu können. Doch weder dem Mechaniker noch dem Werkstättenbesitzer geht es letztendlich besser als Ihnen.

Woran wird also wirklich bei all den Krisengipfeln gebastelt? Wir dürfen alle selbst spekulieren. Reiner Wein wird uns mit Sicherheit keiner eingeschenkt. Und somit verwundert es auch nicht, dass immer weniger Leute überhaupt noch Lust verspüren, über diese künstlich inszenierte Krise zu lesen. Die wenigen echten Lösungsvorschläge, die es gibt, werden ohnehin als populistisch oder verschwörungstheoretisch belächelt. Lassen wir uns also einfach überraschen, welches Schicksal für unsere Zukunft und für die unserer Kinder vorgesehen ist. Wir werden es hinnehmen. Man braucht uns bloß daran zu erinnern, dass wir letztendlich freie Menschen in freien Ländern sind. Dass wir das Glück haben, in einer Demokratie zu leben. Dass ohnehin alles zu unserem eigenen Besten geschieht. Und selbst dem Finanzsektor ist ja auch nur an unser aller Wohl gelegen. Und in diesem Bestreben dürfen wir sie natürlich keineswegs verunsichern. Haben wir doch schon genug Probleme, wenn sie uns gut gesinnt sind. Man stelle sich vor, wir müssten mit deren Zorn leben.

Über Konrad Hausener