Samstag , 28 Mai 2016
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Bargeldverbot: Abschied vom schönen Schein

Bargeldverbot: Abschied vom schönen Schein

Peter Bofinger

Peter Bofinger machte den Vorschlag zur Abschaffung des Bargeldes

Der „Wirtschaftsweise“ Peter Bofinger äußerte kürzlich im SPIEGEL, er sei für die Abschaffung des Bargeldes. Natürlich ganz im Sinne der Gerechtigkeit, so der Ökonom. Ohne Bargeld, glaubt Bofinger, gäbe es keine Schwarzarbeit, keinen Drogenhandel, keine umfassende Wirtschaftskriminalität. Die Welt wäre viel schöner und übersichtlicher. Doch Bofingers Rechnung hat Fehler.

Derzeit spricht fast jeder über den NSA-Skandal. Es ist fast egal, welche Fernsehsendung Sie anschauen oder welche Zeitung Sie aufschlagen, überall dominiert der Skandal die Medien. Es geht um Überwachung und darum, wer wann was gewusst oder nicht gewusst hat. Beim Vorschlag von Peter Bofinger geht es ebenfalls um Überwachung, unter anderem zumindest. Neu ist der Gedanke an die Abschaffung des Bargelds allerdings nicht, andere Länder sind sogar schon einen Schritt weiter. Doch macht es das besser?

Bargeld lacht, Bargeld kostet

Das Sprichwort „Bargeld lacht“ galt lange Zeit als Selbstverständlichkeit. Im Zweifel ist der gute alte Geldschein in der Hand eben der greifbarste Beweis dafür, dass man bezahlen kann. Doch Bargeld ist nicht bedingungslos beliebt. Bei Händlern beispielsweise stößt die Idee Bofingers auf Zustimmung, weil sie sich ausmalen, in Zukunft auf teure Kassensysteme verzichten zu können. Auch das mühselige Zählen von Einnahmen oder teure und riskante Geldtransporte wären ohne Bargeld kein Thema mehr.

Ausgerechnet Banken, deren Geschäft das Geld ja nun einmal ist, finden die Vorstellung an ein bargeldloses Leben mehr als charmant. Das hat auf den ersten Blick durchaus pragmatische Gründe. Immerhin ist ein Bankraub ohne Bargeldbestände weitgehend sinnlos, für den alltäglichen Geschäftsbetrieb würde die Abschaffung von Bargeld also mehr Sicherheit bedeuten. Doch alleine wegen böser Männer mit schwarzen Masken das komplette Bargeld abzuschaffen, klingt doch ein wenig abenteuerlich. Für Banken kommt ein anderer Grund hinzu, der für den bargeldlosen Geschäftsverkehr spricht: Kontrolle.

Das Ende der Schattenwirtschaft?

Bofinger und all jene, die die Abschaffung des Bargeldes favorisieren, sind der Meinung, dass damit endlich Wirtschaftskriminalität beendet werden könnte. Eine fast schon rührende Vorstellung. Sicher werden Handwerker, die schwarzarbeiten, in aller Regel dafür mit ein paar Scheinen belohnt, hier lacht Bargeld eben wirklich noch. Doch auf anderen Ebenen sieht die Sache ganz anders aus. Steigt man die Stufen der Korruption weiter hoch, findet man Wirtschaftskriminalität, die schon jetzt gänzlich ohne Bargeld auskommt. Ein Beispiel dafür sind Prepaid-Kreditkarten, mit denen sich Gelder auch so hin und herschieben lassen. Zudem bedeutet die Abschaffung des Euros nicht, dass damit die kriminellen Energien komplett abgezogen werden. Als Ausweichmöglichkeit könnte Gold als Zahlungsmittel dienen. Bitcoins, Gutscheine, Vouchers und andere Alternativwährungen bieten sich ebenfalls an.

Zahlen Sie noch, wie Sie wollen?

Kommen wir noch einmal kurz auf den Überwachungsskandal zurück.

Waren Sie beunruhigt, als bekannt wurde, dass die NSA millionenfach deutsche Computer überwacht?

Sind Sie schockiert, weil nun bekannt wurde, dass die Bundesregierung womöglich entweder viel mehr wusste, als sie zugibt oder viel weniger, als es ihr Job gewesen wäre?

So oder so, Merkel und ihr Kabinett sind in Erklärungsnot. Um die eigentliche Überwachung geht es aber im Grunde gar nicht mehr. Im Zeitalter von Facebook & Co., wo jeder sowieso seine Daten meist freiwillig preisgibt, herrscht eher die naive Meinung vor, dass niemand in Sorge sein muss, solange er nichts zu verbergen hat. Man kann darüber streiten, ob das so stimmt oder nicht. Aber Fakt ist, dass die Abschaffung des Bargeldes gravierende Auswirkungen hätte, die weit über das freiwillige Herausgeben Ihrer persönlichen Daten hinausgeht.
Bislang entscheiden Sie weitgehend selbst, ob Sie mit Ihrer EC-Karte, via Lastschrifteinzug, Überweisung oder Kreditkarte zahlen. Weitere Zahlungsmodelle bieten Ihnen zusätzliche Alternativen des Zahlungsverkehrs. Doch schon hier spüren Sie nicht selten erhebliche Einschränkungen. Bei Online-Einkäufen beispielsweise wird Ihnen oft vorgeschrieben, wie Sie Ihre Bezahlung zu leisten haben. Wenn es dumm läuft, können Sie nur per Kreditkarte zahlen. Oder PayPal. Oder durch Überweisung via Vorkasse. Wenn Ihnen das nicht gefällt, können Sie sich allerdings schweren Herzens immer noch gegen den Einkauf entscheiden.

Sie lassen sich doch schließlich nicht diktieren, wie Sie Ihre Rechnung bezahlen!
Zumindest bis jetzt nicht.

Cash-Obergrenzen im Ausland

In Italien gibt es bereits eine Obergrenze für Barzahlungen. Schon seit 2011 sind Barzahlungen nur noch bis 1.000 Euro nötig, darüber hinaus lacht Bargeld nicht mehr, sondern hat als Zahlungsoption ausgedient. In Frankreich gibt es derzeit noch die Grenze von 1.500 Euro, doch auch dort wird über die Reduzierung auf 1.000 Euro nachgedacht. Noch deutlicher zeigt sich die Tendenz zum bargeldlosen Geldverkehr in Griechenland. Dort sind nur noch Barzahlungen bis 500,- Euro möglich. Und da es denn Griechen wirtschaftlich schlecht geht, nutzen die Geldgeber der anderen europäischen Länder die Gunst der Stunde, um diese Grenze noch weiter zu senken. Geplant sind Bareinkäufe von maximal 70,- Euro. Das bedeutet schon fast, dass viel mehr als der morgendliche Brötchenkauf beim Bäcker künftig mit Bargeld nicht mehr möglich sein wird.

Goodbye, Datenschutz!

Die Deutschen lieben Ihr Bargeld! Immerhin 53 Prozent zahlen Einkäufe oder Dienstleistungen am liebsten in bar. Doch damit ergibt sich für Datensammler ein Problem. Denn was auch immer Sie mit Bargeld kaufen, wird meist nicht dokumentiert. Ob Sie nun also 50 Euro für eine Hose ausgeben oder den gleichen Betrag in einem Restaurant nach einem guten Essen lassen, bleibt Politik und Wirtschaft unbekannt.
Dänemark zeigt hier, wie radikal das kleine Land sein kann. Tankstellen und Restaurants können sich dort weigern, Barzahlungen zu akzeptieren. Außerdem planen die Dänen, keine neuen Banknoten mehr zu drucken. Genau genommen sind wir als Bürger schon jetzt in höchstem Maße transparent, auch was unsere Bankaktivitäten angeht. Doch wenn wir jeder Möglichkeit der Barzahlung beraubt werden, kann unser Konsumverhalten bis ins letzte Details dokumentiert und analysiert werden.

Konsum als Bürgerpflicht

Das Szenario klingt beängstigend: Der Wirtschaftswissenschaftler Kenneth Rogoff meint, dass die Abschaffung des Bargeldes den Konsum antreiben könnte. Und zwar als Bürgerpflicht. Er denkt, dass die Europäische Zentralbank ohne Bargeld die Menschen zum Konsum zwingen und somit die Wirtschaft antreiben könnte. Der Wissenschaftler träumt davon, dass jeder Euro, der nutzlos auf einem Konto herumliegt, mit einem Strafzins belegt werden könnte. Wer sein Geld also nicht ausgibt, müsste mit Strafzahlungen oder Besteuerungen rechnen.

Kenneth Rogoff: „Die Zentralbanken könnten auf diese Weise leichter Negativzinsen durchsetzen.“ – „Außerdem könnten Steuerflucht und Drogenkriminalität besser bekämpft werden“
Selbst wenn Rogoff das so nicht gesagt oder anders gemeint hat, ahnt man, wohin die Reise geht. Zudem es den Strafzins bereits gibt, wenn auch bisher nur für Banken, die ihr Geld lieber bei der Zentralbank liegen lassen, statt es in Form von Krediten weiterzugeben. Sie werden mit Strafen belegt, die sie dann an Unternehmen und Investmentfonds weiterreichen. Private Kunden mussten bislang keinerlei Strafen zahlen. Doch das könnte sich ändern.

Soll das Bargeld abgeschafft werden?

Doch nur alles heiße Luft?

Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Auch die Abschaffung des Bargeldes nicht. Schließlich ist Bargeld in Europa das gesetzliche Zahlungsmittel, es abzuschaffen, wäre also ein direkter Eingriff in die Bürgerrechte. Realisierbar wäre das alles nur, wenn auch die entsprechenden Gesetze neu formuliert werden würden. Ein Prozess, der sich über einen längeren Zeitraum hinziehen dürfte.

Bargeldabschaffung in Europa

Bargeld ist in Europa das gesetzliche Zahlungsmittel, es abzuschaffen, wäre also ein direkter Eingriff in die Bürgerrechte.

Geschmeidig äußerte sich auch der Vorstand der Deutschen Bundesbank, Carl-Ludwig Thiele. Er sagte: „Unsere jüngste Studie zum Zahlungsverhalten zeigt, dass die Bürgerinnen und Bürger in Deutschland auch weiterhin mit Bargeld bezahlen möchten.“
Das klingt zwar sehr freundlich und dem Bürger zugewandt. Doch wenn es hart auf hart kommt, bleibt abzuwarten, ob die Begehren der Bürger dann noch Bedeutung haben werden.
Trotzdem bleibt Bargeld für Thiele sicher und praktisch. Er hält den Aufenthalt an einer Tastatur eines Kartenterminals für gefährlicher als den Besitz von Bargeld. Dem dürfte Björn Ulvaeus, Gründer der Kult-Band ABBA, widersprechen. Er gewährt den Eintritt in das ABBA-Museum in Stockholm nur noch mit Kartenzahlung. Und wenn es nach ihm ginge, wäre Bargeld besser heute als morgen komplett abgeschafft. Mit seinem Wunsch kann sich Ulvaeus auf zahlreiche Studien berufen, die seine Meinung lautstark unterstreichen. Für Carl-Ludwig Thiele ist das wenig überzeugend. Er geht davon aus, dass Studien, die sich für die Abschaffung von Bargeld starkmachen, von Kartenfirmen finanziert werden. Das ist alles andere als unrealistisch, wie sich am ABBA-Museum zeigt. Denn der Hauptsponsor des Museums ist – was für ein Zufall! – eine Kreditkartenfirma. Und die hat sich nichts gegen den Abschied vom schönen (Geld-)Schein.
Um was es geht, wusste ABBA schon 1976, als die Band den Hit „Money, Money, Money“ komponierte. Wer das Geld hat, dem gehört die Welt. Selbst wenn es kein Bargeld mehr sein muss.

Warum Bargeld abgeschafft werden soll

Bilder:
Titelbild – Taken / Pixabay.com
Peter-Bofinger“. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.
Bargeld in Europa – Urheberrecht: triocean / 123RF Stockfoto

Über Boris

  • Quedel

    So selbstverständlich wie die unbeeinflusste Wahl der Bezahlform in der
    Marktwirtschaft und in einer freiheitlichen demokratischen Grundordnung
    sein sollte, so unabdinglich ist auch die Wahrung einer Wahlmöglichkeit
    zwischen baren und unbaren Zahlungen.
    Zu erinnern ist dabei nur an
    die Sperrung der Zahlfunktion für Kreditkarten russischer Bürger im
    Zusammenhang mit den Sanktionen aufgrund des Krieges in der Ukraine oder
    die Einstellung von Überweisungen an Wikileaks durch zwei große
    Kartengesellschaften.
    Zum Thema Bargeldabschaffung und bürgerliche
    Freiheit und Privatheit sollte man sich vielleicht mal vorstellen, diese
    Meldung wäre irgendwann in den 1980ern aus der DDR gekommen. Sicherlich wären in
    diesem Falle Überschriften in den westlichen Zeitungen zu lesen gewesen im Sinne von
    „Ausbau des totalitären Überwachungsstaates im Ostblock“ … . Doch wo sind
    heute die leidenschaftlichen Verteidiger unserer bürgerlichen
    Liberalität und Privatheit „im Westen“?
    Die Unterwürfigkeit der
    breiten Bevölkerung gegenüber der staatlichen Geldhoheit scheint bislang noch
    so gut wie keine Grenzen zu kennen. Doch spätestens dann, wenn das
    Bargeld abgeschafft und der letzte Fluchtweg versiegelt ist, wenn der
    Staat ungehemmt und ungestraft volle Einsicht in die Zahlungen der
    Bürger nehmen kann, ist George Orwells „Big Brother“-Dystopie
    Wirklichkeit geworden; dann ist es nur noch ein ganz kleiner Schritt,
    bis der Staat entscheiden kann, wer was kaufen und wer wohin reisen
    darf.
    Die KoBa wird kontrollieren, dass der Hartzer nur noch
    bestimmte „preiswerte“ Lebensmittel kauft. Und die Krankenkasse wird
    feststellen, dass ich im letzten Monat zu viele Flaschen Wodka gekauft
    habe, und meinen Beitrag erhöhen … .

  • Enrico Reich

    Die Verfolgung von Geldscheinen funktioniert genauso gut. Ist da eine Lücke steht man automatisch unter Verdacht mit illegalen Aktivitäten in Verbindung zu stehen. Das Argument passt also auch nicht. Die andere Sache ist und bleibt der Datenschutz und der wird gerade in diesem Sommer aufgelöst. D.h. es wird Tür und Tor geöffnet, das Bargeld spielt dabei eine untergeordnete Rolle.
    Auch wird heute Schwarzarbeit nicht mit Bargeld bezahlt, wen überhaupt im kleinsten Maße. Andere Kriminalität agiert doch auch nicht mit schwarzen Köfferchen sondern mit entsprechenden Überweisungen. Zudem muss es auch digitale Zahlungsmöglichkeiten für jedermann geben d.h. Endgeräte müssen günstig sein. Im Datenstrom lässt sich das alles ganze wie heute noch besser tarnen. Es dient also mehr der Kriminalität als das es der schadet. Heute wird ja der Aufwand betrieben Geld zu waschen – an und für sich ist das nach dem Bargeldverbot gar nicht mehr notwendig den es ist bereits auf einem Konto und jeder wird gezwungen auf irgend eines einzuzahlen. Dann macht der Bockwurstverkäufer, der eigentlich Marihuana verkauft, eben entsprechenden Umsatz, dann muss der große das Geld gar nicht mehr waschen und an den will man eigentlich – naja insofern man die derzeitige Drogenpolitik nicht wie Arte zuletzt auf ethische Gruppierungen projiziert (Drogen – Amerikas längster Krieg).

    Irgendwie ist daher die Meinung der Theoretiker unsinnig die den Datenschutz (völlig andere Baustelle und die wird gerade aufgebaggert) damit gefährdet sehen wie die Argumentation der Politiker damit irgendwas zu verbessern. Die technischen Möglichkeiten hingegen scheinen beide nicht hinlänglich bekannt zu sein. Kein Wunder das Milliarden von Euro illegal in der Schweiz lagern können, mir scheint die meisten gehen davon aus das man noch schwarze Koffer über die Landesgrenzen schmuggelt. Das ist halt so ein Problem wen man vor 30 Jahren Geldtechnisch stehen geblieben ist.