Dienstag , 6 Dezember 2016

Wie geht es Ihnen?

2_frauen_begruessungWie geht es dir – oder schlicht: wie geht’s? Wie oft stellen wir diese Frage? Wie oft wird sie uns gestellt? Und was geben wir zur Antwort? Die erste Wahl wäre natürlich: „Danke, gut! Und Ihnen?“ Der, an der Universität von Montreal unterrichtende, Professor für Philosophie, Jean Grondin, Schüler von Hans-Georg Gadamer, erlaubte sich, in einer seiner Vorlesungen, die üblichen Antworten in Vergleich zu stellen. Sein Schluss: Nur von Deutschen wird diese, aus Höflichkeit gestellte, Frage missverstanden. Während in fast aller Welt die Antwort neutral ausfällt, beginnen Deutsche zu erzählen, wie es ihnen wirklich geht.

Nehmen wir an, ein vierzigjähriger Mensch stellte diese Frage durchschnittlich bloß einmal pro Tag, und das erst seit seinem zehnten Lebensjahr, so wurde sie ihm mehr als 10.000 Mal beantwortet. In welcher Form, hängt in erster Linie von seiner Umgebung, vom Land seines Aufenthaltes ab. Das diesbezüglich wohl extremste Beispiel findet sich in der, heutzutage immer seltener verwendeten, englischen Grußformel: How do you do? Obwohl es sich dabei eindeutig um eine Frage handelt, ist die einzig korrekte Entgegnung ebenfalls: How do you do? Und nichts anderes!

Insbesondere in Amerika, wo die (korrekte) englische Sprache, laut Professor Higgins aus „My Fair Lady“, seit langem nicht mehr Verwendung findet (wörtlich: „In America they haven’t used it for years!“), ist der genannte Gruß mittlerweile so unüblich, dass er, ebenso wie das geläufige „how are you“ oder, mit verstärktem Ausdruck persönlicher Anrede, „how are you, today“, schlicht mit „thanks“, „great“ oder ähnlichem beantwortet wird. Meist gefolgt von: „And you?“

Obwohl im Französischen die Frage nach dem Befinden durchaus auch „comment ca va“ lauten kann, wird es immer gebräuchlicher, die positive Antwort bereits vorweg zu nehmen. Man fragt nicht, wie es geht, sondern: „Geht’s gut?“ – „Ca va bien?“ Unumstritten bedarf es der Überwindung einer Hemmschwelle, Unhöflichkeit vorausgesetzt, diese Frage plump mit „nein“ zu beantworten.

Wer auf italienisch (Come sta?), spanisch (Cómo está usted) oder in anderen Sprachen zu kommunizieren versteht, ist ebenfalls an ähnliche Antworten gewöhnt. Es scheint als ginge es allen Leuten auf der ganzen Welt regelmäßig gut. Außer in Deutschland.

Der kanadische Philosoph Jean Grondin, Professor an der Universität von Montreal, ist mit der deutschen Mentalität bestens vertraut. Er studierte in Heidelberg ebenso wie in Tübingen und gilt als einer der führenden Experten im Bereich der Lehren von Martin Heidegger und Hans-Georg Gadamer. Obwohl seine Muttersprache französisch ist, verfasste er sechs seiner insgesamt siebzehn Werke auf deutsch. (Hermeneutische Wahrheit, 1982; Einführung in die philosophische Hermeneutik, 1991; Der Sinn für Hermeneutik, 1994; Kant zur Einführung, 1994; Hans-Georg Gadamer – eine Biographie, 1999; Von Heidegger zu Gadamer, 2001). Während seiner Vorlesungen verwies der respektierte Denker gelegentlich auf den Umstand, dass, seinen persönlichen Erfahrungen zufolge, die Frage nach dem Empfinden auf der ganzen Welt als Zeichen der Höflichkeit verstanden wird. Und ebenso höflich wird diese auch positiv beantwortet. Auch ihm selbst dürfte es einiges Kopfzerbrechen beschert haben, warum Deutschland hier die einzige Ausnahme zu sein scheint. Deutsche verfallen allen Ernstes dem Irrtum, dass sich der Fragende wirklich dafür interessieren könnte, was sich im Leben des Gefragten ereignet. Sie lieben es, von all ihren negativen Erlebnissen und Konfrontationen, von Enttäuschungen, Missgeschicken, Ungerechtigkeiten, Leiden, Krankheiten und vielem mehr zu erzählen. Sie berichten von den Kindern und deren Problemen im Schulunterricht. Von ihrer Unzufriedenheit mit lärmenden Nachbarn. Vom Konflikt mit Vorgesetzten oder von rückläufigen Umsätzen. Und das alles, direkt nach der Begrüßung. In der ersten Minute des Zusammentreffens. Sofort nach dem ersten „Hallo“.

Ich will jetzt keinesfalls behaupten, dass wir unsere Mitmenschen ignorieren sollen. Jeder, oder zumindest die meisten von uns, haben das Bedürfnis, uns einmal auszusprechen. Einfach mit jemandem darüber zu reden, was negative Einflüsse auf unser Leben ausübt. Aber, und hier liegt wohl der große Unterschied, warum muss dies sogleich beim ersten Händeschütteln der Fall sein?

Sitzen wir beim Kaffee, beim Bier oder beim Abendessen, ist ein längeres Gespräch im Gange, so lässt sich über vieles kommunizieren. Sieht sich ein Freund von uns wirklich mit Problemen konfrontiert, so wollen wir natürlich informiert werden. Vielleicht können wir sogar unsere Hilfe anbieten. Vielleicht findet sich sogar jemand, der uns selbst einen guten Rat geben kann.

Aber, und darüber sollten wir vielleicht nachdenken, ungeachtet, ob es sich um eine Verabredung oder ein zufälliges Zusammentreffen handelt, folgt auf die Begrüßung die, meist unbedacht und völlig automatisch gestellte, Frage: „Wie geht es Ihnen!“, dann handelt es sich dabei um nichts anderes als eine Form der Höflichkeit. Weder Neugier noch wirkliches Interesse am Befinden steckt dahinter. Das „Danke, gut“, dass uns schon im Kindesalter als korrekte Entgegnung eingeschärft wurde, sollte sich für den Rest des Lebens als Standardantwort in unserem Geist verankern. Lange Diskussionen über unsere Probleme lassen sich später immer noch führen. Und treffen wir den Freund, Bekannten, Kollegen, wen auch immer, nur für einen kurzen Augenblick, dann sollte die wenige Zeit, die zur Verfügung steht, nicht durch deprimierendes Gelaber verdorben werden. Glaubt man wirklich, dass sich dieser Mensch für die Probleme interessieren könnte, so ließe sich beim Verabschieden immer noch hinzufügen: „Ich würde gerne etwas mit dir besprechen. Ich ruf dich morgen an!“ Und selbst wenn wir über etwas durchaus Positives berichten wollen, ausführliche Erklärungen können später immer noch erfolgen. Im Anschluss an die Begrüßung reicht es völlig aus, zu erwähnen, dass es uns schlicht „großartig“ geht.

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Quelle: Mandy  / pixelio.de

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