Freitag , 10 Juli 2020
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Wir atmen die selben Atome, die Goethe und Schiller ausgeatmet haben

erdatmosphaereManche unserer Mitmenschen, ungeachtet ob aus Gegenwart oder Vergangenheit, wecken unsere Bewunderung. Über andere mögen wir vielleicht mit Abscheu denken. In jedem Fall, teilen wir uns aber den gleichen Planeten. Und wir atmen die gleiche Luft. Ein bestimmter Teil davon, ich spreche vom Edelgas Argon, bleibt in unserer Luft unverändert erhalten. Wir atmen diese Atome ein und atmen sie wieder aus. Und mit jedem unserer Atemzüge nehmen wir einige Argon-Atome für kurze Zeit in uns auf, die wir selbst schon einmal ausgeatmet haben, die unser bester Freund einmal in seinen Lungen hatte, Denker wie Goethe und Schiller, aber auch Diktatoren und Massenmörder.

Die Atmosphäre unseres Planeten Erde war nicht von Anfang an sauerstoffhältig. Geringe Sauerstoffmengen, die vom Wasser abgegeben wurden, reichten bei weitem nicht aus, um den Planeten mit einer Gasatmosphäre zu umgeben. Erst der Prozess der Photosynthese früher pflanzlicher Organismen bereicherte die Erde mit dem, was wir Luft nennen und was Meeresbewohnern den Schritt zum Landbewohner erlaubte. Zusätzlich war eine entsprechende Konzentration von Sauerstoff in der Erdatmosphäre von Nöten, um diese mit einer, gegen aggressive Sonnenstrahlen schützenden, Ozonschicht zu umgeben.

Luft besteht zu 78 Prozent aus Stickstoff, zu 21 Prozent aus Sauerstoff, 0,9 Prozent Argon, 0,04 Prozent Kohlenstoffdioxid und anderen Gasen in Spuren. Das Volumen der menschlichen Lungen beträgt zwischen 4,25 und 6 Litern. Im Ruhezustand atmen wir üblicherweise nicht mehr als etwa 500 Milliliter Luft ein, ein tiefer Atemzug kann einem Volumen von 3 bis 4 Litern entsprechen. Nachdem unser Organismus in erster Linie Sauerstoff benötigt, reduziert sich der Anteil davon in der ausgeatmeten Luft entsprechend, dafür steigt der Prozentsatz von Stickstoff und Kohlenstoffdioxid an.

Der in Kanada lebende Umweltforscher David Suzuki rät in seinem Buch, „The Sacred Balance“, zu einem durchaus interessanten Gedankenexperiment. Er schreibt auf Seite 59:

„Nachdem Sie einen geschlossenen Raum mit anderen geteilt haben, versuchen Sie eine vereinfachte Gedankenübung. Wenn Sie das Volumen an Luft (in Litern) im Raum mit der Avogado-Konstante (NA = 6,022 141 79 (30) · 1023 mol?1) multiplizieren, dann erhalten Sie die annähernde Zahl von Atomen, die sich in der Luft dieses Raumes befinden. Dann dividieren Sie die Zahl der Atome durch das Volumen eingeatmeter Luft, multipliziert mit der Zahl der Atemzüge pro Minute, hochgerechnet auf die Zeit der Anwesenheit, wiederum multipliziert mit dem Wert, mit dem sich Sauerstoff und Kohledioxid über die Zellmembranen der Lunge verteilen. Sogar die gröbste Kalkulation zeigt, dass jeder von uns sehr rasch Atome in sich aufnimmt, die einmal Teil jedes anderen Anwesenden in diesem Raum waren, und umgekehrt.“

argonWeiter verweist Suzuki auf einen Astronomen der Harvard-Universität, Harlow Shapley, der ein wesentlich beeindruckenderes Gedankenspiel bezüglich unserer Luft anstellte. Er befasste sich mit den 0,9 Prozent Argon-Atomen in der Luft, die wir einatmen, für einige Zeit in unserem Körper behalten und, als Inertgas, unverändert wieder ausatmen. Shaplay berechnete, dass jeder Atemzug etwa 30 Trillionen (30.000.000.000.000.000.000) Argon-Atome enthält. Nach dem Ausatmen verteilen sich diese Atome gleichmäßig im Raum und in der Umgebung. Nach etwa einem Jahr haben sich diese 30 Trillionen so weit über den Erdball verbreitet, dass Sie mit jedem neuen Atemzug 15 der Argon-Atome inhalieren, die sie mit diesem bestimmten Atemzug ausgeatmet haben.

Shapley selbst schrieb dazu:

„Ihr nächster Atemzug wird mehr als 400.000 Argon-Atome enthalten, die Ghandi während seines langen Lebens geamtet hatte. Es zirkulieren Argon-Atome von den Gesprächen des Letzten Abendmahls, von den diplomatischen Auseinandersetzungen auf Jalta und von den Rezitationen der klassischen Poeten. Wir atmen Argon von den Seufzern und Gelöbnissen antiker Liebespaare, von den Schlachtrufen in Waterloo, sogar von der ein Jahr zurückliegenden Argon-Abgabe des Atems des Autors dieser Zeilen, der selbst bereits mehr als 300 Millionen Atemzüge hinter sich hat.“

Während Sauerstoff, der lebensenthaltende Bestandteil der Luft, regelmäßig verbrannt wird und durch Photosynthese neu entsteht, bleiben die Argon-Atome unverändert. Der Gedanke, mit jedem Atemzug Partikel aufzunehmen, die sich im Körper von Jesus und von Buddha, von Cleopatra und Julius Cäsar, von Karl dem Großen, Beethoven, Mozart, Goethe, Schiller, jedem beliebigen Menschen auf Erden, der noch am Leben ist oder auch vor Jahrtausenden am Leben war, birgt mit Sicherheit etwas faszinierendes. Vielleicht bleibt nur der eine bittere Beigeschmack, dass wir gleichzeitig auch jene Atome einatmen, die sich in den Lungen derer befanden, auf die wir als Teil der Menschheit nicht unbedingt stolz sein dürfen. Doch daran brauchen wir, während des Atmens, ja nicht unbedingt zu denken.

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