Montag , 22 Juli 2019
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Johann Strauß – Pop(ulär)-Musik der Vergangenheit

johann_strauss_denkmalSelbst Freunden traditioneller Walzerklänge ist oft Wesentliches der revolutionierenden Veränderungen, die von der Strauß-Dynastie herbeigeführt wurden, völlig unbekannt. Doch, wie könnte dies dem einfachen Musikgenießer verübelt werden, wenn seit hundert Jahren ein unvollständiges, und oft sogar völlig falsches, Bild durch die Medien geistert? Der, in Wien lebende (wo sonst, wenn es um Strauß geht?) Musikwissenschaftler und Historiker, Professor Helmut Reichenauer, hat sich zum Ziel gesetzt, die wahren Zusammenhänge, die von den gesellschaftlichen Gegebenheiten des 19. Jahrhunderts geprägt wurden, näher zu beleuchten. Der, am 18. März offiziell vorgestellte, „Museumsverein Johann Strauß“ soll seinen Bemühungen nun auch den entsprechenden Nachdruck verleihen.

Um es gleich vorweg zu nehmen, das eigentliche Ziel der Gründung dieses Vereins, wie der Name schon besagt, ist die Schaffung eines Museums, das sich nicht nur Johann Strauß Sohn, dem Komponisten des „Donauwalzers“, widmet, sondern der ganzen Dynastie, zu der auch Vater Johann und seine beiden anderen Söhne, Josef und Eduard, zählen. Besonders zu bemerken wäre, dass die Stadt Wien, die dieser berühmten Komponisten-Familie nicht nur einen Teil ihres historischen Images, sondern auch eine Vielzahl von Besuchern aus aller Welt verdankt, bis jetzt noch kein Museum dieser Art eingerichtet hat. Auch sind von den rund 1.500 Orchester- und Tanzkompositionen der „vier Sträusse“, bestenfalls 10 oder 20 Werke der Öffentlichkeit bekannt.

Während die verbreitete Meinung davon ausgeht, dass es Johann Strauß Sohn war, der dem Walzer seine Beliebtheit bescherte, so war es in Wirklichkeit sein Vater, vielen nur als Komponist des Radetzkymarsches bekannt, der auch in der „Wiener Theaterzeitung“, schon ab 1830, regelmäßig als „Walzerkönig“ betitelt wurde.

strauss_familieVersucht man, sich gedanklich in die Epoche des Biedermeiers zurück zu versetzen, so handelte es sich bei den öffentlichen Tanzveranstaltung um eine revolutionierende Form des Entertainments, nicht minder progressiv als anderthalb Jahrhunderte später die Beatles oder Rolling Stones. Für die jungen Menschen der damaligen Zeit waren die mitreißenden Klänge ein Protest gegen Althergebrachtes. Nicht nur der enge Körperkontakt dieses „neumodischen“ Tanzes, genannt Walzer, erregte die Gemüter, auch brachte die anhaltende Drehbewegung ein Schwindelgefühl mit sich, eine Veränderung der Wahrnehmung, ein Loslösen vom Rest der Welt ebenso wie von den Problemen des Alltags. Ein Erlebnis, das sich durchaus mit der Einnahme von Drogen vergleichen ließe.

Trotzdem war Johann Strauß, der ein breites Publikum aus der Masse des Volkes anzog, daran gelegen, seinen Zuhörern auch die traditionellen Klänge der klassischen Musik näher zu bringen. So wurden beispielsweise die Ouvertüren der Opern Tannhäuser, Lohengrin und Tristan von der Strauß-Kapelle bei Tanzveranstaltungen im „Volksgarten“, zwischen den Publikumsmagneten,  präsentiert, noch bevor diese Opern ihre offiziellen Uraufführungen in Wien erlebten.

tranzkapelle_johann_strauss

Auch wenn der endgültige Standort des Museums noch nicht feststeht, das Konzept der, als überaus lebendig konzipierten, Ausstellung mit einer Vielzahl von, bis jetzt noch nicht öffentlich einzusehenden, Originaldokumenten, ist restlos ausgearbeitet. Neben der Präsentation von Kupferstichen, Lithographien, Xylographien, historischen Zeitungsdokumenten, Titelblättern von Original-Klavier-Erstdrucken bis hin zu Photographien aus der Gründerzeit, wird es den Besuchern auch möglich sein, die meisten der Kompositionen, wie schon erwähnt, viele davon restlos unbekannt, anzuhören. Powerpoint- und Videoprojektionen bereichern dabei nicht nur das Informationsvolumen, auch gestaltet sich ein Museumsbesuch, mittels technischer Stimulationen, als wesentlich erfrischender.

professor_helmut_reichenauerAls populäre Klänge lassen sich die Kompositionen der Strauß-Dynastie heutzutage mit Sicherheit nicht mehr bezeichnen. Trotzdem, während Vater Johann nur 45jährig schon 1849 verstarb, sein Sohn Johann 1899, so überlebte ihre Musik bis in die heutige Zeit, über mehrere Generationen hinweg. Musik, insbesondere historisch betrachtet, bedeutet jedoch wesentlich mehr als schlichte Unterhaltung. Sie ist das direkte Spiegelbild des Zeitgeists. Während die Daten und Informationen, die wir über die Entwicklung einzelner Epochen sammeln können, den Rahmen für besseres Verständnis bilden, so ist es die Kunst, und hier in erster Linie die Musik, die uns die Möglichkeit gibt, die Lebenseinstellung, die Denkweise, die Gefühlswelt unserer Vorfahren nachzuempfinden.

 

Weitere Information – Kontakt:

Prof. Helmut Reichenauer – Email: strauss.museum (a.t.) chello.at 

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