Mittwoch , 19 Februar 2020
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Betrug als Erfolgsrezept

john_von_neumannVeränderungen, die Schritt um Schritt in unser Leben eingreifen, sich gleichzeitig jedoch entsprechend langsam manifestieren, werden leicht zur Gewohnheit und wecken kaum unsere Aufmerksamkeit. Eine dieser Veränderungen zeigt sich in der Intensivierung von Misstrauen. „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!“, ist eine verbreitete Redewendung, die auf Lenin zurückgehen soll. Natürlich steckt eine gewisse Logik hinter der Notwendigkeit von Kontrollen, dem Überprüfen von Daten und von Angaben, Vorsichtsmaßnahmen gegen Diebe und Betrüger. Letztendlich gibt es sogar ein wissenschaftliches Konzept, „Spieltheorie“ genannt, das beweist, dass Unehrlichkeit materielle Vorteile verschafft.

Ältere Jahrgänge erinnern sich gelegentlich an Zeiten, als Haustüren, zumindest tagsüber, noch unversperrt blieben, als es noch genügte, seinen Namen zu nennen, ohne sich auszuweisen, als das „gegebene Wort“ noch Wert repräsentierte, als Misstrauen grundsätzlich nur denjenigen entgegen gebracht wurde, die dazu direkten Anlass gaben. Innerhalb überschaubarer Dorfgemeinschaften, wo jeder noch jeden kennt, mag dies vielleicht heute noch der Fall sein. Die Anonymität des urbanen Lebens, die, wie so viele glauben, Freiheiten mit sich bringt, führt gleichzeitig zur Notwendigkeit von Kontrollmechanismen, und zwar durchaus berechtigt.

Der schizophrene Mathematiker und Nobelpreisträger John Nash, der durch den Film „Genie und Wahnsinn“, mit Russel Crowe in der Hauptrolle, bekannt wurde, setzte sich mit dem Konzept der sogenannten „Spieltheorie“ im Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Leben auseinander. Der Ursprung der Spieltheorie geht auf John von Neumann zurück und befasst sich nur in Teilbereichen mit wirklichem Spiel. Grundsätzlich handelt es sich um ein System der Entscheidungsfindung, wenn immer die Überlegungen anderer mit in Betracht gezogen werden müssen. Selbstverständlich trifft dies bei bestimmten Spielen, wie etwa Poker, zu, gleichzeitig aber auch in den Bereichen Wirtschaft, Politik, Militarismus und letztendlich in jeder Form des interaktiven sozialen Lebens.

Ein markantes Beispiel zur Veranschaulichung von Nashs Überlegungen findet sich in einer simplifizierten Form des sogenannten „Gefangenendilemmas“. In Nashs Beispiel treffen sich zwei Verbrecher in einem Zuchthaus. Einer der beiden besitzt einen Edelstein, den der andere um 100.000 Dollar erwerben möchte. Sie beschließen, sich nach ihrer Freilassung zu treffen, um das Geschäft durchzuführen. Zumindest einer fürchtet jedoch, dass er bei diesem Treffen vom anderen getötet werden könnte. Um dem vorzubeugen, beschließen sie, den Stein und das Geld an verschiedenen, vorerst unbekannten, Orten zu deponieren. Nach Austausch der Informationen könnten nun beide zum jeweiligen Versteck reisen und den Edelstein bzw. das Geld gefahrlos an sich nehmen.

Doch nun kommt folgende Überlegung: Kann sich der Besitzer des Steins darauf verlassen, dass am angegebenen Ort auch wirklich die 100.000 Dollar vorzufinden sein werden? Kann sich der Käufer sicher sein, dass sein Geschäftspartner den Edelstein deponiert? Für den Besitzer des Steins öffnen sich folgende Möglichkeiten.

  1. Er verhält sich korrekt und deponiert den Stein.

          a.) Der Käufer ist ebenfalls ehrlich und er erhält das Geld.
          b.) Der „Käufer“ unterlässt es, das Geld zu deponieren.

    1. Er lügt, behält den Stein für sich und begibt sich auf die Suche nach dem Geld.

              a.) Der Käufer ist ehrlich und er findet das Geld
              b.) Der „Käufer“ hat das Geld ebenfalls nicht deponiert.

      Verhält sich der Besitzer des Steins also korrekt, verfügt er am Ende im günstigen Fall, a.), über das Geld, im ungünstigen Fall, b.), über nichts. Verhält er sich unehrlich und unterlässt es, den Edelstein, wie zugesagt, zu deponieren, so verfügt er im günstigen Fall, a.), wenn sich sein Partner durch Ehrlichkeit auszeichnet, sowohl über den Stein als auch das Geld, und im ungünstigen Fall, b.), bleibt ihm immer noch der Stein. Nicht nur, dass die gleichen Voraussetzungen natürlich auf beide zutreffen, sieht es so aus, dass der unerwünschte Ausgang im Falle der Unehrlichkeit praktisch zum gleichen Resultat führt wie der erwartete Ausgang im Falle korrekten, der Vereinbarung entsprechenden, Verhaltens. Wird der Stein bzw. das Geld nicht deponiert, führt dies zu einem eindeutigen Vorteil, ungeachtet der geschätzten Wahrscheinlichkeit bezüglich der Entscheidung der Gegenpartei.

      So banal das angeführte Beispiel auch klingen mag, es reflektiert in aller Deutlichkeit den mathematisch bedingten Vorteil von Unehrlichkeit.

      Das soziale Leben der Vergangenheit mag von anderen Grundsätzen beeinflusst gewesen sein. Das Erhalten des guten Rufes, Respekt den Mitmenschen gegenüber und vielleicht auch von moralischen Bedenken. Vermutlich sind die Entscheidungen der meisten von uns auch heute noch von Ehrlichkeit geprägt, einer inneren Motivation zufolge, deren Ursprung sich kaum durch logische Konzepte entschlüsseln lässt. Können wir uns jedoch darauf verlassen, dass die gegnerische Partei ebenso empfindet bzw. handelt?

      Die einzige Sicherheit, nicht zumindest gelegentlich zum Opfer der eigenen Ehrlichkeit oder Korrektheit zu werden, sind Kontrollmechanismen, die, bei regelmäßiger Anwendung, zur Gewohnheit werden. Die Frage nach der Kreditkarte beim Anmieten eines Hotelzimmers, die in Amerika mittlerweile obligatorisch ist und immer öfter auch in Europa gestellt wird, wird als Routine, und nicht als Misstrauen oder gar Verdachtsäußerung, verstanden.

      Während Experten spieltheoretische Konzepte in der Ausarbeitung internationaler Abkommen regelmäßig in Betracht ziehen, finden wir uns aber auch im täglichen Leben oft genug mit negativen Auswirkungen konfrontiert, die in diesen Bereich fallen. Bittet uns ein Fremder um Hilfe, weil ihm gerade seine Brieftasche gestohlen wurde, sollen wir ihm Glauben schenken oder handelt es sich um einen Trick-Bettler? Wir gehen meistens vom negativen Fall aus. Die Erfahrung lehrt es uns. Und sollte der Betroffene wirklich in einer Zwangslage sein, hat er eben Pech. Könnten wir uns dessen sicher sein, würden wir ihm natürlich helfen. Aber, wie sollen wir das heraus finden? Die Wahrscheinlichkeit spricht dagegen.

      Im Umgang mit Menschen, auch gute Bekannte und Arbeitskollegen eingeschlossen, ergibt sich immer wieder Anlass für Misstrauen. Und oft genug werden wir mit der Tatsache konfrontiert, dass rücksichtsloses, unverschämtes, unehrliches Verhalten materielle Vorteile mit sich bringt. Der Ruf oder das Ansehen mag vielleicht darunter leiden, doch dabei handelt es sich um ein Kriterium, dass nicht all zu oft im Vordergrund steht.

      Auch wenn John Nash gelernt hat, mit seiner Geisteskrankheit umzugehen, seine intensiven Überlegungen zu diesem Thema, sein dadurch immer ausgeprägteres Misstrauen, haben ihn letztendlich in den Wahnsinn getrieben. Der Einzelne, der sich lediglich mit den Auswirkungen solcher Überlegungen konfrontiert findet, läuft sicher nicht Gefahr, ein ähnliches Schicksal zu erleiden. An die gegebenen Lebensumstände in unserer modernen Welt haben wir uns mittlerweile gewöhnt. Trotzdem würde ich, von einem rein philosophischen Standpunkt ausgehend, dem Umstand, dass Unehrlichkeit und Betrug zu logischen Vorteilen führen, nicht als belanglos zur Seite schieben. Irgend etwas widerspricht hier der Natur des Menschen, wie wir sie uns vorstellen, wie wir sie grundsätzlich in uns selbst erkennen. Auch wenn wir keine Lösung finden, so scheint es doch so als wäre in der Entwicklung unserer Zivilisation etwas schief gelaufen.

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