Mittwoch , 19 Februar 2020
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Fernsehen muss erlernt werden

tvKnopf drücken, Fernseher an und einfach nur sehen und verstehen, was die bewegten Bildabfolgen übermitteln wollen. Hört sich einfach an, ist es aber nicht, wie nun eine deutsch-türkische Studie sehr eindrucksvoll aufzeigen konnte. In einer Kooperation zwischen einem Team rund um den Medien- und Kognitionspsychologen Prof. Dr. Stephan Schwan des Instituts für Wissensmedien, sowie der türkischen Filmwissenschaftlerin Dr. Sermin Ildirar, Universität Istanbul, wurde in einer zweijährigen Studie der Frage nachgegangen, ob das Medium Film, sei es im Fernsehen, Internet oder Kino, sich als selbst-verständlich erweist oder ob der Mensch für das Verstehen der „laufenden Bilder“ doch einen Lernprozess durchlaufen muss. 

Vor etwa 100 Jahren schafften es die Brüder Lumière die ersten Projektionen zu entwickeln. Seit dieser Zeit hat sich das Genre Film zu einem gesellschaftlich prägenden Medium herauskristallisiert, das heute, mit den weitentwickelten technischen Möglichkeiten, schon lange nichts mehr mit diesen Anfängen gemeinsam hat. Was für uns hier in Deutschland schon normal erscheint, also das Sehen von Filmabläufen, ist den Forschungsergebnissen nach gar nicht so selbstverständlich. Beeindruckend konnte nun durch diese Studie die bisherige Annahme, dass ein Filmansehen mit der natürlichen Wahrnehmung ähnlich ist, entkräftet werden.

Für diese Studie wurden Erwachsenen aus Ostanatolien, die keinerlei Filmerfahrung aufweisen konnten, kurze Video- und Filmsequenzen gezeigt. Unter der Beteiligung des Tübinger Leibnitz-Instituts für Wissensmedien, konnten die Forscher angesichts der laufenden Bilder bei den Film-Neulingen zwar kein schreckhaftes Aufspringen registrieren (vor rund hundert Jahren war solch eine Reaktion durchaus zu beobachten), allerdings wurden tatsächlich bei den Studienteilnehmern Verständnisprobleme des Gesehenen festgestellt. Nach Auswertung der gesammelten Erkenntnisse, konnten die Wissenschaftler dokumentieren, dass vertraute Handlungen besser interpretiert werden konnten als wenn die Clips Darstellungen beinhalteten, die keinen bekannten Handlungsfaden aufwiesen. Zu letzterem zählen beispielsweise das Anfertigen eines Holzzaunes oder auch die Zubereitung von Tee, also Tätigkeiten, mit denen gerade auch die Menschen in den Bergen im Süden der Türkei, von Kindesbeinen an, vertraut sind.

Die Wissenschaftler selbst sehen die ostanatolische Situation als wahren Glücksfall an, denn aufgrund der Studienergebnisse, konnte folglich aufgezeigt werden, dass der Mensch das Verstehen von filmischen Darstellungen auf höheren kognitiven Prozessen beruhend, erlernen muss. Dies scheint zudem in sehr engem Zusammenhang mit den kulturellen vielfältigen Wurzeln und Voraussetzungen zu stehen, die typische Handlungen, Situationen und Geschichten in sich bergen, welche wiederum einem Zuschauer vertraut erscheinen. Folglich scheint es tatsächlich so zu sein, dass auch wir hier im technologiegewöhnten Land derartige kognitive Lernprozesse durchlaufen müssen, um Verstehen zu können, was da im Fernsehen, Internet oder Kino geschieht.

Für Interessierte finden sich eingehende Details der Studie auf der Webseite des IWM.

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