Dienstag , 21 Mai 2019
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Zwangsstörungen – das versteckte Leiden der Deutschen

gehirnDeutschland ist eines der Länder, die eine beständig ansteigende Anzahl an psychischen Störungen der Bevölkerung zu verzeichnen haben. Aufgrund der nachwievor herrschenden Denkweise der Nichtbetroffenen, wird in der Regel eine psychische Störung tabuisiert und folgerichtig von den vermeintlich „Gestörten“ verheimlicht, was das Leben der betroffenen Frauen und Männer wahrlich nicht einfacher macht. „Du bist doch verrückt!“ ist eine vielfach zu hörende Aussage, wenn im Besonderen auch eine Zwangsstörung offensichtlich wird und die Angst der Betroffenen somit fast unbewusst sehr häufig noch um diejenige gesteigert wird, in einer Zwangsjacke gen Gummizelle zu wandern.

Letzteres ist einer der mythenhaften Gedanken in den Köpfen der Menschen, als Witz preisgegeben und doch oft genug recht ernsthaft mit in den Schlaf genommen. Unwissenheit und transportierte schemenhafte falsche Gedankengänge zum Thema Zwangsneurosen pflastern folglich den täglichen Leidensweg, dabei genügt es bereits sehr oft mittels Aufklärung sowohl bei Nichtbetroffenen als auch bei Erkrankten ein hilfreiches Mehr an positivem Licht in diese Thematik einzubringen.

Zwangsneurose – was ist das eigentlich?

Hinter den Begriffen Zwangsneurose, anankastische Neurose oder eben wie im Volksmund bekannt Zwangsstörungen, verbergen sich sowohl Zwangsgedanken als auch Zwangshandlungen. Beide Formen, die jedoch bei rund 90% der mittlerweile auf 2,5% geschätzten Betroffenen im Land gleichzeitig auftreten, unterliegen der diagnostischen Klassifizierung der ICD-10. Das Spektrum der Zwangsstörungen ist ebenso breitgefächert wie es das Individuum Mensch selbst ist. Zwangsstörungen, die mit Zwangsgedanken einhergehen finden sich unter anderem mit Zwangsvorstellungen, Zwangsideen oder auch Zwangsbefürchtungen, wie etwa der Angst vor einem fehlerhaften Arbeiten, werden allerdings auch durch Zwangsimpulse mit durchaus schädlichen Handlungen oder auch einem permanenten Grübelzwang ergänzt. Untersuchungen inklusive Befragungen  (Akhtar et al., 1975) der Betroffenen, konnte eine riesige Bandbreite an Themen aufwerfen, die zwanghaften Gedanken unterliegen. Hierunter fallen unter anderem Themen mit dem Hintergrund der Religion, der Berührung und Sorge aufgrund unterschiedlicher körperlicher Ausscheidungen, Aggressionen oder auch Gewalt, die Ausrichtung von Gegenständen nach symmetrischen Gesichtspunkten sowie im gänzlichen Sinne der Ordnung und Sexualität. Charakteristisch ist diesen Zwangsgedanken, dass sich der „Kopf“ permanent um ein fixes Thema oder scheinbares Problem dreht und doch nicht zu einer Lösung oder einem „Ad acta legen“ des zwanghaften Gedankens führt.

Dem gegenüber stehen die verschiedenen Zwangshandlungen, die im Besonderen in der breiten Bevölkerung noch am populärsten sind. Diese zwanghaften Handlungen können darin bestehen, dass der Betroffene sich am Tag ständig die Hände wäscht oder sich duschen muss, weil das Gefühl vorhanden ist überall schädliche Keime an sich zu haben. Andere Formen der Zwangshandlungen, die in Fachkreisen als Stereotype bezeichnet werden, finden sich wiederum in einem immer wiederkehrenden Ordnen von Büchern oder anderen Gegenständen, dem zigfachen Kontrollieren von Türschlössern, dem Licht oder Herd sowie dem ständigen Drang etwas bestimmtes immer wieder anfassen zu müssen beziehungsweise auf keinen Fall mit dem betreffenden Objekt oder Menschen in Berührung zu kommen. Daneben finden sich Zwangshandlungen, die wiederum einem Zählzwang unterliegen sowie dem fortlaufenden Wiederholen einer Melodie, bestimmte Ausdrücke und ähnliches. Sehr charakteristisch für Zwangsstörungen ist zudem, dass bei der Mehrzahl der Erkrankten nicht nur Depressionen mit einhergehen, sondern vielfach zusätzlich Panikattacken und eine körperdysmorphe Störung, die sich mit einer gestörten Wahrnehmung des eigenen Körpers aufzeigt.

Wege aus einer Zwangsneurose und Neues aus dem Bereich der Forschung

Bei der Klärung nach der Ursache einer auftretenden Zwangsstörung, gibt es trotz intensiver Forschungsarbeiten wie bei den meisten das Gehirn betreffenden Erkrankungen, keine 100%igen und folglich fixierbaren Belege. Den neuesten wissenschaftlichen und medizinischen Erkenntnissen nach, können gleich mehrere Faktoren zu einem zwanghaften Denken oder Handeln führen. Hierunter finden sich biologische Erklärungsansätze wie beispielsweise die Hypothesen Basalganglien (funktionelle Störungen im Nucleus caudatus und der Orbitalregion), Dopamin (Transmitterstörung) sowie die Serotonin-Hypothese, die wiederum auch mit der Einnahme von bestimmten Medikamenten in einen engen Zusammenhang gebracht wird. Doch auch klassische Konditionierungen (z. B. einem negativen Ereignis mit Dreck), genetische Veranlagungen und Stoffwechselstörungen im Bereich der Gehirntätigkeit können als Auslöser einer Zwangsneurose in Betracht kommen.

Hinsichtlich der Heilung einer Zwangsstörung, die je nach Ausprägung und dem Vorhandensein weiterer psychischer Beschwerden mitunter Jahre dauern kann, werden unterschiedliche Behandlungsmöglichkeiten angeboten. Im Vordergrund steht nach einer eingehenden Diagnostik nachwievor eine Verhaltenstherapie, die momentan unter anderem im Rahmen eines Forschungsprojektes der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) in Kooperation mit dem Bender Institute of Neuroimaging (B.I.O.N.) neue Behandlungsansätze erfährt. Besonders bei diesem Projekt wird die Psychotherapie auf optimierte kognitive Verhaltenstherapie fokussiert, die unter anderem mithilfe kernspintomographischer Untersuchungen zur Verbesserung der Therapieansätze der Betroffenen beitragen soll.

Erste Schritte zur Heilung und Hinweise für Außenstehende

Wie bei den meisten psychischen Störungen, ist auch bei einer Zwangsstörung zunächst das eigene Wahrnehmen der Störung ein erster Schritt aus den zwanghaften Handlungen und Gedanken. Ist diese Wahrnehmung erst einmal eingetreten und das Erkennen des persönlichen Leidens manifestiert, wird in erster Linie eine Psychotherapie als therapeutischer Ansatz zur Anwendung gelangen können. Da es zahlreiche Formen der Therapie gibt, kann die konkrete Wahl erst nach eingehenden Gesprächen und intensiven Diagnostika für den einzelnen Betroffenen erfolgen. Zumeist wird mit der Therapie auch die Einnahme von Psychopharmaka einhergehen, die einerseits den Vorteil in sich bergen einen gewissen Ruhezustand zu ermöglichen anderseits jedoch in rund 90% der Fälle nach einem Absetzen zu einem erneuten Ausbruch der psychischen Störung führen. Wie dem auch sei, sollten besonders  nicht von einer Zwangsneurose betroffenen Menschen versuchen zu verstehen, weshalb ihr Partner, Freund, Kollege, Nachbar oder ein anderweitig naher Mensch solch einer zwanghaften Störung unterliegt und nicht mit einem puren Unverständnis und zusätzlich belastenden Aussagen die Ängste noch weiter schüren. Mittlerweile gibt es auch hier reichlich Informationen und Selbsthilfegruppen, die besonders für Nichtbetroffene eine erste Anlaufstelle sein sollten, um diesem Tabuthema der Gesellschaft einen weiteren Riegel zu nehmen.

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