Montag , 6 Februar 2023
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Gefährlich: Rebirthing – Problemlösung durch Hyperventilation

trance_1Atmen ist Leben. Drei Wörter, die eine Tatsache beschreiben und im übertragenen Sinne für eine Therapieform zum Einsatz gelangen, die wiederum als Rebirthing, zu Deutsch Wiedergeburt, bezeichnet wird und durchaus mehr Schaden anrichten kann als Gutes zu tun. Rebirthing ist eine der Therapiemethoden, die bereits seit längerem unter die Kategorisierung der sogenannten Pseudo-Therapien fallen und mittlerweile schon Todesfälle nach sich gezogen haben. Was sich hinter dieser Therapie verbirgt und weshalb sie nur mit größter Vorsicht zu genießen ist, wird in unserer neuen Serie der Pseudo-Therapien umfassend dargestellt.

Ein- und Ausatmen ist ein gänzlich natürlicher Vorgang, ohne den ein Lebewesen nicht überleben kann. Bereits kleinste Beeinträchtigungen der Atemwege, können zu Störungen in der Atmung führen oder gar eine akute, wenn nicht gar tödlich ausgehende, Atemnot provozieren. Schon seit längerer Zeit wird in der seriösen Therapie unter anderem auch die Atemtherapie eingesetzt, um etwa bei verschiedenen psychischen Störungen oder Atemwegserkrankungen, aufgrund einer bestimmten kontrollierten Atemtechnik, wieder für mehr Luft bei den Betroffenen sorgen zu können oder auch den Zustand einer Entspannung und Angstlösung zu erleichtern. Kontrolliert ist hier das Stichwort, wenn es darum geht, sich auf seine Atmung zu konzentrieren, den Fluss des lebenswichtigen Sauerstoffes zu spüren und sich somit in den Zustand versetzen zu können, der zu einem verstärkten Wohlbefinden führt.

Mit Hyperventilation zur Problemlösung

Bei der Therapiemethode Rebirthing, die inzwischen von vielen Experten als eine der sogenannten Pseudo-Therapien bezeichnet wird, wird gezielt der Atem fokussiert, um eine Vielzahl an seelischen Belastungen zur inneren Lösung bringen zu können. Hyperventilieren ist hierbei einer der ausschlaggebenden Aspekte von Rebirthing, was bedeutet, dass ein Mensch durch ein sehr schnelles Ein- und Ausatmen den gesunden Fluss der Sauerstoffaufnahme und der Ausstoßung von Kohlenstoffdioxid durcheinander bringt und somit unterschiedliche Beeinflussungen auf den Organismus und die Psyche entstehen. Je nach Ausprägung einer Hyperventilation, können die Wirkungen von einer Bewusstseinstrübung bis hin zur akuten Atemnot, Ohnmacht oder gar zum Tod führen, was bereits offensichtlich macht, dass solch ein Atmen nicht unter den Aspekt der Gesundheitsförderung fallen kann.

Der Begründer der Therapieform Rebirthing ist Leonhard Orr, der in den 60er Jahren eine bestimmte Atemtechnik entwickelt und auch in Eigenversuchen getestet hat, die bis heute unter dem Namen Rebirthing ihre durchaus als fatal zu bezeichnenden Kreise zieht. Verfechter dieser Methode legen viel Wert darauf, dass durch das Hyperventilieren eine neue Wahrnehmung des „inneren Raumes“ erfolgt und aufgrund der Bewusstseinsveränderungen die einstige persönliche Geburt wieder erlebt werden kann. Diese wird unter den Rebirthern als ein traumatisches Erlebnis betitelt, das beispielsweise deshalb entsteht, da der enge Geburtskanal zu Ängsten bei einem Baby führt. Diese wiederum können im Verlauf des Lebens zu unterschiedlichen psychischen Belastungen und Störungen führen, die anhand der besonderen Atemtechnik zur Auflösung gebracht werden sollen. Alles so einfach? Mitnichten, denn diese Therapie wird zumeist von nicht ausgebildeten Menschen durchgeführt, die von Therapien, deren Folgen oder auch von der sehr rasch zu verletzenden Seele eines Menschen so viel Ahnung haben, wie ein Landarbeiter vom Management eines Milliardenschweren Unternehmens. Zumal: Es gibt keine nachgewiesenen, wissenschaftlichen Beweise darüber, dass der Mensch bei seiner Geburt ein Trauma erlebt, wenn er gänzlich normal geboren wird.

Rebirthing, die fehlenden psychologischen Grundlagen und die Gefahren

Bei den „Therapeuten“, die Rebirthing anbieten, fehlt es in der Regel an fundierten psychologischen Grundlagen und nicht selten steht lediglich der eigene Verdienst im Vordergrund anstatt das sinnvolle Unterstützen eines Menschen, der dringend Hilfe sucht. So finden sich unter den Anbietern nicht selten Sekretärinnen, Maschinenschlosser oder Verkäufer, jedoch kaum jemand, der die langen Jahre einer Ausbildung zum Arzt oder Psychotherapeuten durchlaufen hat. Oft wenden sich Frauen und Männer an Rebirther, weil sie entweder von den herkömmlichen Therapeuten enttäuscht wurden oder sich erst gar nicht trauten eine derartige professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Warum eigentlich nicht? Hier muss man deutlich den Zeitfaktor benennen, denn eine seriöse Psycho-Therapie wird nicht nach nur fünf bis zehn Sitzungen den gewünschten Erfolg bringen können, wenn sich bereits seit Jahren Probleme aufzeigen, die weitaus mehr als nur eine kleine psychische Belastung beinhalten. Rebirthing macht hier Hoffnung der raschen Hilfe und folglich wenden sich viele Menschen in ihrer seelischen Not an den Strohhalm, der da Rebirthing-Therapeut heißt, auf dass dieser sehr rasch dabei hilft, dass alles wieder gut wird, was da im Leben belastet.

Leider zeigt sich, dass nur eine verschwindet geringe Anzahl von „Patienten“ durch Rebirthing eine deutliche Verbesserung ihres seelischen oder körperlichen Zustandes erleben können. Vielmehr zeigt sich sehr häufig, dass es zu gravierenden Beeinträchtigungen kommt und selbst der Tod nicht auszuschließen ist, wenn man mittels der Hyperventilierung versucht endlich einen neuen Seelenfrieden oder eine gesteigerte Lebensqualität zu finden. Menschen mit Asthma, Herzerkrankungen oder Epilepsie sollten keinesfalls diese Pseudo-Therapie versuchen, denn durch die Belastung der Überatmung kann es dazu kommen, dass das Herz versagt oder es zu einer Atemnot kommt, die oftmals nicht einmal mehr von einem Notarzt aufgefangen werden kann. Zusätzlich kann durch die Anwendung von Rebirthing der Effekt entstehen, dass ein vorhandenes Traumata doppelt so schwer zutage tritt als es bislang bei einem Betroffenen der Fall war und auch verstärkte Suizidgedanken sind nach einer derartigen Behandlung keineswegs ausgeschlossen, da Schwierigkeiten nicht aufgearbeitet, sondern vielmehr zugedeckt werden. Man ist deshalb mehr als gut beraten, wenn man sich an einen ausgebildeten Therapeuten oder Arzt wendet, der tatsächlich eine fundierte Ausbildung und vor allem langjährige Kenntnisse aufweisen kann, die sowohl die Psyche als auch den Körper und deren beiden Funktionen umfassen.

Rebirthing ist in Deutschland übrigens keineswegs verboten, mehrtägige Seminare werden in zahlreichen deutschen Städten angeboten. Der Entwickler dieser Atemtechnik, Leonard Orr, gastiert und schult in unterschiedlichen Abständen auch in Deutschland. Wundersam könnte man sagen, dass sich der Staat in dieses Thema nicht einmischt. Immerhin kann es dabei um Leben und Tod gehen.

Anmerkung: Auch wenn man selbst bereits einmal Rebirthing angewendet und sich dadurch das Gefühl ergeben hat, sich besser gefühlt zu haben, sollte man, wie für alle Pseudo-Therapien gültig, davon Abstand nehmen einer anderen Person diese „Therapie“ zu empfehlen. Denn jeder Mensch empfindet seine ureigensten psychischen Belastungen als etwas Individuelles, so dass selbst bei anerkannten Therapieformen keine Allgemeingültigkeit über eine generelle Wirksamkeit besteht.

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