Samstag , 24 August 2019
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Spekulationsgeschäfte auf Nahrungsmittel verursachen Hunger der Welt

weizenfeld„Hände weg vom Acker, Mann“ titelt die Verbraucher-Organisation „Foodwatch“ aus Deutschland. Man legte jetzt die Verstrickung der Deutschen Bank, von Goldman Sachs und Verwaltern von Pensionsfonds, Versicherungen und Stiftungen in Spekulationsgeschäfte mit Nahrungsmitteln offen. Foodwatch klagt diese an, mit u.a. Mais und Weizen an den Börsen zu spekulieren und damit für Hungersnöte in dieser Welt mit verantwortlich zu sein. Über die Verstrickungen und Ursachen dieser Finanzspekulationen, die vor zehn Jahren erst dereguliert worden waren, erschien eine Studie des Wirtschaftsjournalisten Harald Schumann vom Tagesspiegel im Auftrag der Verbraucher-Organisation „Foodwatch“ mit dem Titel „Die Hungermacher“. Die Studie wurde in Berlin präsentiert.

In der Presseaussendung von Foodwatch heißt es: In einem Offenen Brief an Josef Ackermann, als Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank Chef einer der größten Investmentbanken der Welt und als Präsident des Weltbankenverbandes IIF zugleich oberster Lobbyist der Finanzwirtschaft, forderte Foodwatch:

  • Die Deutsche Bank soll mit gutem Beispiel voran gehen und aus der Spekulation mit Nahrungsmitteln aussteigen.

  • Die Bankenlobby soll sich effektiver staatlicher Regulierung nicht länger widersetzen, sondern aktiv Regulierungen unterstützen, um den schädlichen Einfluss von Nahrungsmittelspekulationen zu verhindern.

Gleichzeitig fordert die Verbraucherorganisation die Bevölkerung zu einer Unterschriftenaktion unter www.haende-weg-vom-acker.de auf um ihre Forderungen nach Regulierung zu unterstützen.

Was wird aber angeprangert? Es geht um Futures. Das sind Warenterminverträge, welche an den Börsen als Spekulationspapiere auf Rohstoffe gehandelt werden. Im Klartext. Auf Grundnahrungsmittel und die zu erwartenden Ernten werden Wetten im großen Stil getätigt. Woher bekommen aber die Spekulanten ihr Kapital für derartige Geschäfte? Die Zulieferer dieses Investitionskapitals haben uns in den vergangenen zehn Jahren erfolgreich Angst gemacht, unsere Pensionen und Altersvorsorgen nicht mehr beziehen zu können. So haben viele unbedarfte Bürgerinnen und Bürger Verträge für Fondvorsorgen oder Lebensversicherungen abgeschlossen. Ohne zu fragen, auf welchen Märkten ihr Geld investiert wird. Auch wenn einem dabei erzählt wurde, dass man in sichere Anlagen wie Rohstoffe und Energie investiert, stellte kaum noch einer die Frage, was diese Investitionen bewirken. Der Verdacht tut sich auf, dass mit der Unwissenheit und den Vorsorgeängsten der Bevölkerung bewusst kalkuliert wird und wurde. Foodwatch-Geschäftsführer Thilo Bode dazu: „Die unverantwortliche Zockerei im globalen Rohstoff-Kasino muss durch klare Spielregeln eingedämmt werden. Doch anstatt wirksam zu regulieren, gibt die Politik den Tanzbären der Banken. Auch Verbraucherministerin Ilse Aigner hat ihre Forderung nach Maßnahmen gegen Nahrungsmittelspekulationen immer weiter abgeschwächt. Offenbar hat ihr die Agrarlobby eingeflüstert, dass steigende Preise doch eigentlich ganz prima sind.

Das Resultat der Zockerei beschreibt die Schumann-Arbeit mit um dreißig Prozent höheren Lebensmittelpreisen gegenüber dem Vorjahr und rund 40 Millionen Menschen mehr, die in Armut leben (das schreibt Heise.de). Bis Ende März 2011 haben die Anleger (Pensionsfonds etc.) rund 600 Milliarden Euro in diesen Handel mit Futures investiert. Die Erträge für die Anleger sind dabei vergleichsweise gering. Die wahren Gewinner sind die dahinterstehenden Börsenkonzerne und Finanzinstitute, die über die erhobenen hohen Gebühren sichere Gewinne einfahren und das globale Monopoly der Agrarbörsengeschäfte ohne jedes Risiko aufrecht erhalten können. Motto: „Null Bock auf Veränderung. Der Laden läuft ja und Pech gehabt, wenn man auf der falschen Seite des Globus sitzt, nämlich in der Dritten Welt“.

Nun fordert die Verbraucherorganisation von der europäischen Politik eine Regulierung von Warentermingeschäften auf maximal dreißig Prozent aller gehandelten Futures, den Ausschluss institutioneller Anleger wie Pensionsfonds, Versicherungen und Stiftungen sowie das Verbot von Publikumsfonds (das ist die klassische Privatvorsorge) im Rohstoffgeschäft. Frage: Weshalb fordert die Verbraucherorganisation nicht ein generelles Verbot solcher Wetten, wenn man schon einen Wirtschaftsjournalisten bemüht, der sich sechs Monate für eine Arbeit freistellen lässt, um aufzuzeigen, dass die Spekulation auf Nahrungsmittel und Rohstoffe für den Hunger dieser Welt mitverantwortlich ist? Weshalb fordert man schwammig die Regulierung auf 30 Prozent? Regulieren bedeutet ein Zulassen von Spekulation, ohne das System und die damit verursachten Konsequenzen generell infrage zu stellen. Mit flottem Spruch „Hände weg vom Acker, Mann“ punktet man schon mal gut in den Medien. Foodwatch will zwar den Ausstieg der Deutschen Bank aus Spekulationsgeschäften mit Nahrungsmitteln, nimmt diese Forderung aber mit einer Regulierung auf europäischer Ebene wieder teilweise zurück. Salopp ausgedrückt: „Ein bisschen Hunger eben, nur wir Deutschen wollen nichts damit zu tun haben und halten uns dabei heraus“. Die Forderungen sind zahm und kratzen nicht am System selbst, dass eben eine solche Politik benötigt und bereits in manchen Medien offen als „Wirtschaftsdiktatur“ bezeichnet wird.

Was Foodwatch verschweigt, ist, dass die individuelle Vorsorge (Fonds, Lebensversicherungen) und das Parken von Geld in Stiftungen (besonders beliebtes steuersparendes Mittel in Österreich) der Akquisitionsmarkt jenes Geldes ist, mit dem dann derart unethische Geschäfte mit Nahrungsmitteln betrieben werden. Dass es dafür eine uninteressierte Masse braucht, die solchen Spekulationsgeschäften mit der Unterschrift zu ihrer Pensionsvorsorge zustimmt und sich Angst um ihre Altersvorsorge machen lässt. Denn die Politik hat in den vergangenen zehn Jahren immer wieder betont, dass die Pensionen nicht mehr finanzierbar seien, ohne darüber zu diskutieren, wie man diesem Problem auf alternative Weise Herr werden könne. So propagierte man – ob im Dienst der Finanzlobby sei dahingestellt – fleißig die Zusatzvorsorge. Schließlich darf das Gebot „der freie Markt regelt alle Bedürfnisse einer Gesellschaft“ nicht angetastet werden. Ob dabei Sorgfaltspflichten des Staates verletzt werden, kümmert schon lange niemanden mehr – weder die Politik noch die Wähler.

Für Foodwatch spricht, dass es sich als Verbraucherorganisation bezeichnet. So gesehen tut diese brav ihren Dienst am System. Sie informiert Verbraucher über Produkte. Die Information über das System selbst, seine Spielregeln und Konsequenzen muss sie dabei unangetastet lassen.

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