Samstag , 25 Mai 2019
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Titanic oder der Mythos der Unfehlbarkeit

titanic_buddelschiffSie war das größte bewegliche Objekt, das bis zum damaligen Zeitpunkt jemals von Menschenhand erschaffen wurde. Sie war der Stolz der Briten und Anlass zum Staunen für den Rest der Welt. Ein System einzeln verschließbarer Kammern machte sie, so berichtete ein fachlicher Artikel, „praktisch unsinkbar“. Die Schlagzeilen in den Tageszeitungen ignorierten die Beifügung „praktisch“ und drückten es gewohnt reißerisch aus: „Nicht einmal Gott selbst kann dieses Schiff versenken!“. Wie wir alle wissen, er konnte es doch. Halten wir unser Wirtschafts- und Geldsystem nicht auch für unfehlbar? Als der Zusammenprall mit dem Eisberg in dunkler Nacht, inmitten des Atlantischen Ozeans, das Schicksal der RMS Titanic besiegelt hatte, als die ersten Passagiere auf den unteren Decks bereits jämmerlich ertranken, spielte für die Erste Klasse noch Musik. Die ersten Rettungsboote blieben halb leer. Denn schließlich glaubte jeder, der Zeitungen las, zu wissen: Die Titanic kann nicht sinken! Und aus der Finanzkrise werden wir wohl auch irgendwie herauskommen. Oder vielleicht auch nicht.

Es war der 14. April 1912, also vor genau 99 Jahren, als die Titanic mit 2.223 Menschen an Bord, Passagieren aus allen Gesellschaftsschichten, einem erfahrenen Kapitän und ebenso erfahrenen Offizieren, Besatzungsmitgliedern, dem Schiffesarchitekten und sogar Bruce Ismay, dem „Big Boss“ von White Star Lines, zum letzten Mal im Licht des Tages durch die Wasser des Atlantiks gleiten sollte.

James Cameron, Regisseur des Rekorde brechenden Spielfilms, hatte sich erfolgreich bemüht, in den ersten Szenen die allgemeine Euphorie über dieses Wunderwerk menschlicher Schöpfungskraft zu vermitteln. Was wir heute unter dem Begriff „Fortschritt“ verstehen, steckte 1912 noch in den Kinderschuhen. Doch für die Menschen von damals war die Titanic Symbol einer über die Naturgewalten erhabenen Menschheit, vergleichbar mit der, fast zwei Generationen später durchgeführten, bemannten Landung auf dem Mond.

Wir alle wissen über den Ablauf der Ereignisse, vom Ignorieren der durch „hochmoderne“ Marconi-Apparate übermittelten Eisbergwarnungen, von den vergessenen Ferngläsern, von der mondlosen Nacht und von der zu ruhigen See, die das Erkennen von Eisbergen noch schwieriger gestaltete. Es scheint, als hätten alle Geschicke zusammen gespielt, um diese Tragödie hervorzurufen, um die Unfehlbarkeit der Technik in Frage zu stellen, um der menschlichen Überheblichkeit einen schmerzhaften Denkzettel zu verpassen. Genau zwanzig Minuten vor Mitternacht wurde der Eisberg gesichtet. Die Kollision blieb unvermeidbar. Gleichzeitig wurden zu viele der wasserdicht verschließbaren Abteile beschädigt. Zeugenaussage zufolge, soll der Aufsichtsratsvorsitzende und Geschäftsführer der White Star Line, jener Gesellschaft, die die Titanic ihr Eigen nannte, Joseph Bruce Ismay, erstaunt von sich gegeben haben: „But this ship can’t sink“, und James Cameron ließ den Schiffsarchitekten Thomas Andrews antworten: „Oh ja, es kann und es wird. Es handelt sich um eine mathematische Gewissheit!“

99 Jahre sind seit dieser erinnerungswürdigen Nacht vergangen. Hat die, über die Natur scheinbar so erhabene, Menschheit endlich begriffen, dass nichts von dem, was sie erschafft oder erdenkt, unfehlbar ist? Allem Anschein nach, nein!

1957 explodierte in Chelyabinsk nuklearer Abfall und setzte rund 270.000 Menschen der Strahlung aus. 1979 kam es zum Zwischenfall von Three Miles Island. 1986 von Tschernobyl und nun Fukushima, um nur die folgeschwersten Unfälle zu nennen. Auch wenn die Zahl der Atomkraftgegner deutlich im Steigen begriffen ist, vertrauen nicht noch immer zu viele Entscheidungsträger darauf, dass sich das Unerwartete in der Zukunft vermeiden lassen wird?

Doch dieses, teils an Irrsinn grenzende, Ignorieren drohender Probleme beschränkt sich keineswegs auf die Nutzung von Kernkraft. Nahrungsmittel werden gentechnisch manipuliert, Tiere werden geklont und deren Produkte uns zum Verzehr vorgesetzt, Rohstoffe werden sinnlos verschwendet als stünden sie grenzenlos zur Verfügung, die Umwelt wird immer größeren Belastungen ausgesetzt und der Planet hat gleichzeitig immer mehr Menschen zu versorgen. Der Erde Natur, die sich in Milliarden von Jahren bis zur heutigen Form entwickelt hat, wird von einer einzigen Spezies immer weiter verdrängt und zerstört, im Irrglauben, nicht Teil dieser Gesamtheit zu sein. Symbolisch ausgedrückt, wird weiter an jenem Ast gesägt, auf dem wir alle sitzen.

Wie Wenigen ist bewusst, in welcher Abhängigkeit wir uns, insbesondere wenn wir in Großstädten leben, befinden? Abhängigkeit vom Arbeitsplatz oder von der geschäftlichen Entwicklung unseres Betriebes. Abhängigkeit von der Kaufkraft des Geldes. Abhängigkeit von der ununterbrochenen Versorgung mit Elektrizität, mit Wasser, mit Nahrungsmitteln, die von weither bis in den nächstgelegenen Supermarkt transportiert werden. Wir sind abhängig von einem System, auf das der Einzelne nicht den geringsten Einfluss auszuüben vermag.

Werden wir jemals daran erinnert, dass die Wirtschaft dem Menschen und dessen Versorgung dienen sollte – und nicht umgekehrt? Kam Geld, so wie wir glauben, dass es ist, nicht als Tauschmittel in Umlauf, anstatt als Mittel der Machtausübung? Und wenn wir die derzeitige Finanzlage, weltweit symbolisch mit dem Schicksal der Titanic in Vergleich setzen, stellt sich lediglich die Frage, ob wir uns noch auf unausweichlichem Kollisionskurs mit dem Eisberg befinden oder ob wir diesen schon gerammt haben – und hilflos auf den Untergang warten.

2008 wurde die Welt von einem Finanzschock erschüttert. Ausgelöst wurde dieser durch nichts anderes als das künstliche Hochtreiben der Immobilienpreise in den Vereinigten Staaten und den damit verbundenen Spekulationsgeschäften. Bei allen beschönigenden Kommentaren, die von einer langsamen Erholung der Wirtschaft faseln, handelt es sich entweder um unverzeihliche Ignoranz oder verachtenswerte Lügen. Unser gesamtes internationales Währungssystem basiert auf der Vergabe von Krediten. Jeder Euro, den Sie auf Ihrem Bankkonto liegen haben, wird von jemand anderem irgendwo geschuldet. In erster Linie ist es unser Geldsystem, das unter keinen Umständen auf anhaltendes Wachstum verzichten kann. Denn Schulden verursachen Zinsen. Werden diese nicht regelmäßig beglichen, schaffen sie – ohne irgend etwas dafür zu erhalten – noch höhere Schulden und noch mehr Zinsen. Die US-National-Debt-Clock bietet regelmäßig diesbezügliche Zahlen, die auf Angaben der amerikanischen Notenbank basieren. Demzufolge betragen die Gesamtschulden der USA, Staatsschulden, Unternehmensverbindlichkeiten, Hypotheken und Privatkredite eingeschlossen, zur Zeit mehr als 55 Billionen Dollar. Die dafür anfallenden Zinsen für das Jahr 2011 belaufen sich auf 3,58 Billionen oder $ 11.493 pro Einwohner. Für den Euroraum sind diese Zahlen nicht so einfach verfügbar, doch sehen sie dort einerseits nicht wesentlich günstiger aus und andererseits, aufgrund der internationalen wirtschaftlichen Verkettungen, würde der finanzielle Zusammenbruch der Vereinigten Staaten ausreichen, um den Rest der Welt mit in den Abgrund zu ziehen.

Das Absurde an diesem System, mit dem wir zu leben gewohnt sind, zeigt sich schon dadurch, dass sich Finanzprobleme nicht durch Sparsamkeit lösen lassen. Findet sich ein einzelner Bürger in der Situation, dass er zu lange auf großem Fuß gelebt hat, eine zu teure Wohnung bewohnt, ein zu großes Auto fährt, zu oft in gediegenen Restaurants speist, und ist deswegen bis über beide Ohren verschuldet, dann braucht er entweder rasch ein höheres Einkommen oder er muss drastische Sparmaßnahmen ergreifen. Was wären jedoch die Konsequenzen, würde die Mehrzahl der Bürger eines Landes plötzlich beschließen, auf alles zu verzichten, was nicht unbedingt von Nöten ist, um finanziell wieder ins Reine zu kommen? Die Umsätze vieler Unternehmen wären rückläufig. Manche Betriebe würden ihre Tore schließen, andere Personal abbauen. Arbeitslosenzahlen würden weiter anwachsen. Mangels Verfügbarkeit, würde noch weniger Geld ausgegeben werden. Ein Dominoeffekt wäre unvermeidbar und gleichzeitig würde der gesamte Staatshaushalt, aufgrund rapide abnehmender Steuereinnahmen, unweigerlich zusammenbrechen.

Die für den Einzelnen meist kaum durchführbare Variante der Einkommenserhöhung würde für die Gesamtheit mit erhöhtem Konsum korrespondieren. Doch dafür müsste wiederum mehr Geld in Umlauf gebracht werden. Genau dies hat ja auch während der letzten Jahrzehnte, als vorübergehende Lösung, wunderbar funktioniert. Werfen Sie einfach einen Blick auf die folgende Graphik über die Entwicklung der Staatsverschuldung Deutschlands. Die beiden letzten Balken in rot zeigen den Schuldenstand von 2010 und 2011 an, der, wie u. a. Der Spiegel wissen lässt, mittlerweile die 2-Billionen-Grenze überschritten hat.

 staatsverschuldung_deutschland_bis_2011

Und glauben Sie nicht, dass diese enorme Verschuldung wirklich sehr viel mit der Wiedervereinigung zu tun hat. Die Relation zu den jeweiligen Bevölkerungszahlen berücksichtigend, leiden alle Staaten der westlichen Welt unter dem gleichen Schuldenberg.

Wir lesen regelmäßig über finanzielle Schwierigkeiten einzelner Länder wie Griechenland, Irland, Portugal, Spanien und Italien. Wir hören ebenfalls von nennenswerten Problemen bei der Budgeterstellung in den USA. Gleichzeitig versammelt George Soros Finanz- und Wirtschaftsexperten in Bretton Woods, um Reformen des bestehenden Währungssystems auszuarbeiten. Die „besten Köpfe der Welt“ engagieren sich, und denen werden wir doch vertrauen können. Die werden doch sicher eine Lösung finden. Wie?

„This ship can’t sink!“ – “Es ist aus Eisen gebaut. Es kann und es wird sinken. Dabei handelt es sich um eine mathematische Gewissheit.“

Professor Franz Hörmann, Lehrer an der Universität für Wirtschaftswissenschaften in Wien und gleichzeitig Gastprofessor am Institut für Wirtschaftsinformatik an der Johannes Kepler Universität in Linz, sorgte mit einigen Zeitungsinterviews und der Veröffentlichung seines neuesten Buches „Das Ende des Geldes“ für einiges Aufsehen. Der gestern erschienene, von Diana Ljubic verfasste, Beitrag über eine Podiumsdiskussion, zu deren Teilnehmern neben Franz Hörmann auch andere Experten aus den Bereichen Wirtschaft und Finanzen zählten, bietet einen tiefen Einblick in seine absolut ernst zunehmenden Bedenken, die von den anderen Gesprächsteilnehmern auch durchaus geteilt wurden. Am 31. März gab Hörmann ein Interview, in dem ihm die Frage gestellt wurde, wann wie und wodurch Geld verschwinden wird. Seine Antwort:

„Noch heuer durch den kompletten Staatsbankrott. Wenn sowohl die Vereinigten Staaten als auch die größten europäischen Länder nicht einmal noch die Zinsen auf die Staatsschuld bezahlen können, ist das die Definition des Staatsbankrotts. Das hat unmittelbar zur Konsequenz, dass sämtliche Staatsanleihen, die ja als Deckung des Geldes gelten, wertlos sind. Damit ist dann auch das Geld wertlos. Das ist eine einfache Sache und passiert mathematisch zwingend in diesem Jahr.“

Wenn ein Hochschullehrer von „mathematisch zwingend“ spricht, dann nehme ich diese Aussage ernst, obwohl ich mir völlig bewusst bin, dass Mitbürger, die über wesentlich weniger Kompetenz verfügen als Franz Hörmann, ihre eigenen Kritiken darüber äußern.

Kaum jemand kann sich vorstellen, zu was für einem Chaos es unweigerlich führt, wenn dieses Medium „Geld“, das so viel Einfluss auf unsere Lebensqualität ausübt, plötzlich verschwindet. Wenn Bankschalter geschlossen bleiben. Wenn Lebensmittel mittels improvisierter Gutscheine verteilt werden. Und all dies soll uns wirklich schon in den kommenden Monaten drohen? Natürlich hoffen wir, dass sich Professor Hörmann, obwohl er mit der Materie tief und eingehend vertraut ist, irrt. Und wenn nicht? Können wir uns den Zugang zu einem der zu wenig vorhandenen Rettungsboote sichern?

Sie können mit absoluter Sicherheit davon ausgehen, dass von offizieller Seite niemals diesbezügliche Warnungen erfolgen werden. Und natürlich auch nicht durch die am meisten gelesenen Medien. So wie es dem Staatsbudget genauso schaden würde wie der Wirtschaft im allgemeinen, würden jene Menschen, die noch über genügend Mittel verfügen, plötzlich sparsam werden, würden individuelle Vorkehrungen für den Fall einer totalen Krise den Lauf der Dinge gleichermaßen beeinflussen.

Das Wirtschafts- und Geldsystem, mit dem wir zu leben gezwungen sind, war von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Grenzenloses Wachstum bei gleichzeitig begrenzten Rohstoffen und mit ebenso begrenztem Lebensraum ist absolut ausgeschlossen. Während sich, insbesondere aufgrund technischen Fortschritts, die Konsummöglichkeiten für die Bürger der westlichen Staaten zumindest bis in die 1980er-Jahre sichtlich erweiterten, wurden gleichzeitig jedoch die Besitzverhältnisse deutlich zugunsten einer Finanzelite verschoben. Dass die oberste Spitze dieser Elite auf die kommenden Veränderungen bereits bestens vorbereitet ist, damit darf wohl gerechnet werden. Ob der normale Bürger dazu fähig ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen, ob er im bescheidenen Rahmen für sich und seine Familie, so weit es eben geht, vorsorgt, diese Entscheidung bleibt jedem Einzelnen überlassen. Damit zu rechnen, dass sich der Staat schon um alles kümmern wird, könnte bittere Überraschungen mit sich bringen. Sehr bittere.

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