Mittwoch , 19 Februar 2020
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Hängt das Schicksal der Welt wirklich von den Börsenkursen ab

dow_jones_may6-7Am Donnerstag Nachmittag passierte in New York eine Tragödie, die für einige Minuten die Welt erzittern ließ. Der Dow Jones Aktienindex verlor, ganz plötzlich, fast 1.000 Punkte. Allerdings, nur wenige Minuten später, war der unglaubliche Kurseinbruch großteils wieder aufgeholt. Von einem Tippfehler berichteten einige Medien, was natürlich blanker Unsinn ist. Was dieser Vorfall jedoch unumstritten demonstriert, ist die Unsicherheit der Märkte. Griechenland ist bei weitem nicht das einzige Land mit wirtschaftlichen Problemen. Die internationale Krise ist nicht überwunden, sie hat noch gar nicht richtig begonnen.

Der legendäre Börsenguru, André Kostolany (1906 – 1999) setzte in einem seiner Vorträge einen bildlichen Vergleich. Börse und Wirtschaft verhalten sich ähnlich wie Hund und Herr. Während sich der Mensch gemächlich fortbewegt, ist sein vierbeiniger Gefährte ständig in Bewegung. Mit gewaltigen Sätzen rennt er voran, hält an, kehrt zurück, läuft wieder nach vorne, dann einmal kurz nach hinten, letztendlich bewegt er sich jedoch mit der gleichen Geschwindigkeit voran wie sein Herr, ungeachtet, in welche Richtung.

Und so ist es mit der Wirtschaft. Die Börsenkurse nehmen erwartete Gewinne vorweg, steigen vorübergehend viel zu hoch an, brechen ein, erfangen sich wieder, und entwickeln sich langfristig ebenso wie die Wirtschaft, nach oben oder nach unten.

Ein möglicher Börsencrash ruft somit nicht die Katastrophe hervor, er kündigt sie an.

Die erste der beiden folgenden Graphiken zeigt die Auswirkung des legendären Crashs vom sogenannten „Schwarzen Freitag“, dem 29. Oktober 1929. Auch damals waren es übrigens fallende Immobilienpreise, die zur ersten Panik führten. Jedenfalls verlor der Dow Jones Index zuerst am 28. Oktober 38,33 Punkte (12,82%) und am folgenden Tag, also am 29. Oktober, weitere 30,57 Punkte (11,73%). Zwei Verlusttage hintereinander ruinierte Existenzen und ließ einige Spekulanten aus den Fenstern springen.

 wallstreet_crash_1929_550

Wesentlich deutlicher zeigen sich die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die Kursentwicklung der folgenden drei Jahre. Die nächste Graphik zeigt das Bild zwischen 1929 und 1933 – und der wirkliche Tiefpunkt wurde erst am 8. Juli 1932 erreicht, als der Dow Jones Index mit nicht mehr als 41,22 Punkten notierte, um 89 Prozent niedriger als drei Jahre zuvor.

  dow_jones_1929-1933_550

Diese Situation beschränkte sich damals überwiegend auf die Vereinigten Staaten. Der Welthandel befand sich in seinen Kinderschuhen und Europa litt zu dieser Zeit noch immer unter den dramatischen Folgen des ersten Weltkrieges. Ungeachtet, ob das reduzierte Umlaufvolumen von Bargeld durch den Wertverlust der Aktien oder durch die Fälligstellung von Krediten hervorgerufen wurde, es war genau dieses Problem, was zu einer anhaltenden Krise führte. Es gab Produktionsanlagen und es gab Konsumenten, es gab Rohstoffe und es gab Arbeitswillige. Woran es fehlte, war Geld, um zu bezahlen.

 

In unserem Bericht zur Geldschöpfung haben wir die Mechanismen, die zur Schaffung von Geld führen, schon einmal näher erklärt. Was das Verhältnis zwischen Geld und Wirtschaft betrifft, gibt es zwischen damals und heute jedoch drei beachtenswerte Unterschiede.

 

Geld war zur Zeit der damaligen Wirtschaftskrise, zumindest teilweise, durch Gold gedeckt. Auf einem 20-Dollar-Schein war zu lesen: „Twenty Dollars in Gold Coins“. Eine Banknote war ein Goldzertifikat. Dieser Satz wurde später durch „Legal Tender“, gesetzliches Zahlungsmittel, ersetzt.

Der zweite große Unterschied ist die allgemeine Verschuldung der modernen Zeit. Insbesondere die Staatsschulden haben während der vergangenen Jahrzehnte Ausmaße angenommen, dass es einer absoluten Unmöglichkeit entspricht, diese jemals zu begleichen. Das Mitschleppen eines kolossalen Schuldenberges ist vorprogrammiert.

Und nun zum dritten Punkt. Die Ideologie des Konsums zeigte zwar schon während der 1920er Jahre ihre Anfänge, doch waren es trotzdem in erster Linie noch Produkte des wirklichen Bedarfs, die erworben wurden. Zur Belebung der Wirtschaft wurde die Bevölkerung der demokratisch-kapitalistischen Länder jedoch Schritt um Schritt dazu umerzogen, ihr Selbstwertgefühl mit dem Besitz bestimmter Güter in Verbindung zu setzen, ein Luxus, der in Krisenzeiten für viele nicht mehr erschwinglich ist. So angenehm es sein mag, sich jedes Jahr zwei Paar neue Schuhe zu kaufen, es lässt sich darauf verzichten. Autos lassen sich länger fahren, bis sie gänzlich dem Rost zum Opfer fallen. Die Kücheneinrichtung, wenn auch nicht mehr so ansehnlich, erfüllt ebenfalls noch ihren Zweck usw.

Um die Wirtschaft jedoch genügend in Schwung zu halten, um einerseits dem Staat ausreichende Steuergelder zur Verfügung zu stellen und andererseits auch genügend Menschen zu beschäftigen, bedarf es einer annähernd maximalen Auslastung. Ob wir wollen oder nicht, von dieser entfernen wir uns immer weiter.

 

Wie Anfangs erwähnt, lösen Schwankungen an der Börse keine Krise aus, sie wird bloß vorweggenommen. Allerdings, mit den modernen Instrumenten der Spekulation, nicht zuletzt unter Einsatz von Computerprogrammen, die Entwicklungen in Sekundenbruchteilen erkennen und ihre Aufträge entsprechend rasch einbringen, werden enorme Werte in bestimmte Kanäle geleitet. Man erinnere sich an John Paulson, über den wir bereits berichtet haben, der während der vergangenen Jahre 12 Milliarden Dollar durch Spekulationen verdiente. Auch der angeblich reichste Mann der Welt, Carlos Slim Helú, erklärte gegenüber libanesischen Medien, dass wahrer Reichtum in Krisenzeiten erschaffen wird, weil sich Unsicherheiten und Schwankungen entsprechend ausnützen lassen. Werte gehen schließlich nicht verloren, sie wechseln bloß den Besitzer.

Der Glaube, die Hoffnung, dass sich dieses System, unter dem wir leben, in dieser Form jemals wieder normalisieren könnte, entspricht bestenfalls Wunschdenken. Dabei will ich weder Experten noch Politikern böse Absichten unterstellen. Beide verhalten sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten, erkennen die Teilbereiche, in denen sie agieren, und versuchen, das beste aus der Situation zu machen. Auch auf der sinkenden Titanic wurde, so lange wie möglich, das Wasser aus dem Rumpf gepumpt, genügend Energie wurde produziert, um die Beleuchtung zu sichern und selbst die Musik hat weiter gespielt. Und während die Passagiere der ersten Klasse noch glaubten, sich auf einem unsinkbaren Schiff zu befinden und unwillig die Rettungsboote bestiegen, waren einige hundert Menschen auf den unteren Decks schon lange ertrunken.

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