Donnerstag , 8 Dezember 2022
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Zwischen Öl und Zinseszins: So werden wir ausgepresst

oel tanker falster spiritAn so vieles haben wir uns gewöhnt. An die Verfügbarkeit von Autos und von Computern, an Benzinpreise von mehr als € 1.60 und an den ständig wiederholten Begriff der Schuldenkrise. Wir haben uns an die Milliardenbeträge gewöhnt, die regelmäßig dem Finanzsektor zufließen, gleichzeitig aber auch daran, dass wir selbst den Gürtel enger zu schnallen haben. Und zu viele von uns haben aufgehört die Frage zu stellen, wohin die Früchte des Fortschritts fließen. Denn von allgemeinem Wohlstand kann sicher keine Rede mehr sein.

Die gegebene Situation in den Industrieländern lässt sich, je nach Belieben, von zwei verschiedenen Blickwinkeln aus betrachten. Dutzende Bestätigungen lassen sich finden, dass es doch ohnehin Allen gutginge. Zumindest in Deutschland hat praktisch jeder ein Dach über dem Kopf, 45 Millionen Autos bewegen sich auf den Straßen, niemand leidet Hunger und selbst Bezieher von Hartz IV können sich hin und wieder sogar eine Portion Eiscreme oder ein Glas Bier leisten.

Warum zeigt sich aber trotzdem bei so wenigen Menschen ein Lächeln im Gesicht? Warum leiden so viele unter Stress, Burnout-Syndrom oder Depressionen? Warum lebt ein Sechstel der Bevölkerung unter der offiziellen Armutsgrenze? Wie viele Millionen sind es, die trotz regelmäßiger Bemühungen keinen Arbeitsplatz finden? Wie viele Millionen gehen einer Arbeit nach, die weder ihrer Qualifikation noch ihren persönlichen Interessen entspricht?

„Sind Sie doch froh, dass Sie überhaupt einen Job haben!“ Wie sollen derartige Standardaussagen in die Vorstellung von Menschenwürde, Wohlstand und Lebensqualität passen? Sowohl des Menschen Zeit als auch sein Budget sind restlos verplant. Von Montag bis Freitag muss eben gearbeitet werden. Und mit dem verdienten Geld müssen eben Steuern, Sozialabgaben, Mieten, Transportkosten, Ernährung und Kleidung bezahlt werden. Und wenn sich darüber hinaus noch ein gelegentlicher Restaurantbesuch oder eine Urlaubsreise ausgeht, dann ist doch ohnehin alles in Ordnung – oder vielleicht nicht?

Auch wenn das zuvor zitierte Lächeln in den Gesichtern der meisten Menschen fehlt, die Mehrheit hat sich daran gewöhnt, in der gegebenen Situation zu leben. Die eine oder andere Verschlechterung der Lebensqualität lässt sich vielleicht auch noch hinnehmen, denn, verglichen mit anderen Regionen auf unserem Planeten, lassen sich unsere Gürtel tatsächlich noch um einiges enger schnallen. Die Grundsatzfrage lautet jedoch, wie lange sich dieses System, in das wir im Laufe langer Zeitspannen geschlittert sind, in dieser Form noch aufrechterhalten lässt?

Beginnen wir mit einem einfachen Demonstrationsbeispiel: Im März erschien bei The Intelligence ein Artikel von mir mit dem Titel: „Von der Feudal- zur Kapitalherrschaft“. Gehen wir aber noch einen Schritt weiter zurück, in eine Zeit, in der unsere Vorfahren in Gemeinschaften lebten, in der jedes Dorf sich selbst versorgte, sowohl die Arbeit als auch die Früchte geteilt wurden. Ungeachtet der damaligen Härten, des mangelnden Komforts, den Bedrohungen durch die Natur oder durch einfallende Horden, die wirtschaftlichen Bedingungen entsprachen einem geschlossenen System.

Eines Tages kam der Feudalherr ins Spiel, entweder aus Eigennutz oder als Schutzpatron. Das „Recht des Stärkeren“ ermächtigte ihn jedenfalls, sich zum Eigner des Bodens zu erheben und er forderte von den Bauern einen Teil der Ernte. Die Pacht wurde in Form von Naturalien eingehoben. Vorausgesetzt, dass der verbleibende Rest für die Ernährung der Bewohner ausreicht, lässt sich dieses System praktisch endlos weiterführen. Bei den Früchten, die auf den Feldern wachsen, handelt es sich schließlich um einen regelmäßigen tatsächlichen Wertzuwachs, auch wenn dieser nur auf beschränkte Zeit haltbar ist.

Doch nun gehen wir einen folgenschweren Schritt weiter. Wir bringen Geld ins Spiel. Plötzlich will der Feudalherr keinen Weizen mehr einsammeln. Er erwartet vom Bauern, dass er seine Ernte gegen Geld veräußert und einen Teil davon abliefert. Feldfrüchte wachsen immer wieder von neuem, nicht jedoch Geld. Hier öffnet sich die Tür für den Geldverleiher. Zur Pacht kommen die Zinsen. Und nachdem beides regelmäßig zu begleichen ist, steigt die Schuld auch unaufhaltsam an.

Nicht lange ließe sich ein derartiges System aufrecht erhalten, denn nach einer absehbaren Zeitspanne wäre schließlich alles, was Wert hat, verpfändet. Die Lösung – die vorübergehende Lösung – des Problems heißt Fortschritt. Maschinen helfen, in jedem Bereich mehr Ertrag zu produzieren. Abgesehen davon, dass diese Maschinen wiederum mit Fremdkapital, das Zinsen kostet, finanziert werden, ein neues Konsumgut wird benötigt: Energie!

Solange sich noch Bäume fällen lassen, solange sich in den eigenen Bergen noch Kohle befindet, scheint sich das Rad problemlos weiter zu drehen. Doch der Fortschritt bringt neue Maschinen mit sich, die nach einer ganz bestimmten Art von Energie verlangen: Erdöl.

Wie sieht die Gesamtsituation nun aus? Der Feudalherr ist schon lange verdrängt, denn auch er hat sich beim ehemaligen Geldverleiher, der sich mittlerweile Kapitalherr nennen lässt, verschuldet. Dieser Kapitalherr verfügte von Anfang an über den entscheidenden Vorteil, dass er die Geldschöpfung nach seinem Belieben steuerte. Dementsprechend war es auch er, dem die Mittel zur Verfügung standen, um die Produktion von Maschinen zu finanzieren. Es war der Kapitalherr, der für die kostspielige Suche nach Erdöl bezahlte. Und es war der Kapitalherr, der sich eines Tages in der glücklichen Situation befand, sowohl über den Geldfluss als auch über die Verfügbarkeit der Energie zu herrschen, die notwendig ist, um genug zu produzieren, um ausreichend Geld zu verdienen, um die Zinsen für die von ihm zur Verfügung gestellten Kredite, zu begleichen.

Werfen wir einen Blick auf aktuelle Zahlen:

Bei den öffentlichen Schulden handelt es sich bloß um einen Teil der Gesamtverschuldung. Das Bruttoinlandsprodukt beträgt in Deutschland zurzeit rund 2,5 Billionen Euro. Die Staatsschulden belaufen sich auf knapp über zwei Billionen. Die Höhe der Unternehmensverbindlichkeiten werden auf rund 70% des BIP, das wären 1,75 Billionen Euro, geschätzt. Die Summe der Privatschulden liegt bei 1,6 Billionen Euro (Quelle: Global Finance). Das wären in Summe mehr als fünf Billionen Euro an Schulden, deren Zinsen von den Bürgern getragen werden. Für seine privaten Verbindlichkeiten zahlt er sie direkt, für die Staatsschulden in Form von Steuern und für Unternehmen sind sie in den Preisen einkalkuliert. Die Gesamtsumme der sich in Umlauf befindlichen Euro (M3) wird von der EZB per Februar 2012 mit 9,8 Billionen angegeben. Das bedeutet, die Schulden aller Länder der Eurozone aufaddiert, Frankreich, Italien, Spanien, Griechenland usw., sind um ein Vielfaches höher als alles existierende Geld. Einige Wirtschaftswissenschaftler, wie Otmar Pregetter aus Wien, bemühen sich regelmäßig, zu erklären, wie dieser scheinbare Widerspruch überhaupt möglich ist. Denn Geld wird aus dünner Luft erschaffen. Durch die ständig anfallenden Zinsen steigt die Schuld regelmäßig an. Die Bürde der Zinsen wird also von Jahr zu Jahr schwerer zu tragen. Bis zum Zusammenbruch, wie er in Griechenland bereits erfolgte. Und mit Sicherheit werden in naher Zukunft mehr Länder in diesen Sog hineingezogen werden.

Einen anschaulichen Überblick über die Situation der Leitwährung, also des US-Dollar, bietet die Webseite www.usdebtclock.org. Ohne nennenswerte Proteste, weder aus dem Bereich der Politik noch der Wirtschaft – und schon gar nicht von Seiten der Bevölkerung – unterlässt es die private amerikanische Zentralbank, genannt Federal Reserve, seit dem Jahr 2006, die bestehende Dollarmenge bekanntzugeben. Die Gesamtsumme der Schulden beträgt mehr als 57 Billionen Dollar. Allein für das Jahr 2012 laufen 3,8 Billionen Dollar an Zinsen an. Dies entspricht $ 12.125 pro Bürger, Kinder, Greise und Mittellose eingeschlossen. Ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts fließt in die Kassen des Finanzsektors für die Bereitstellung von Geld. Und ein nennenswerter Teil davon verschwindet in dunklen Kanälen von außerbilanziellen Zweckgesellschaften in unkontrollierbaren Anlageparadiesen, wie Jersey, den Bahamas, den Jungferninseln und anderen.

Wohin fließen die Kosten für Energie?

Nehmen wir diesbezüglich bloß den bedeutendsten Sektor heraus: Erdöl. In Deutschland werden täglich rund 2,5 Millionen Fass Rohöl verbraucht (Ein Fass = 159 l). Der Preis beläuft sich zurzeit auf $ 120 (€ 90). Die tatsächlich entstehenden Kosten für die Ölgewinnung betragen weniger als 20 Dollar. Selbst die Gewinnung des wesentlich teureren – und enorm umweltbelastenden – Ölsands in Kanada kostet nur etwa 40 Dollar pro Fass. Das bedeutet, der wesentlich größere Anteil des Preises entfällt auf Spekulationsgewinne. Das in Deutschland verbrauchte Erdöl verschlingt somit jährlich mehr als 80 Milliarden Euro. Der weltweite Verbrauch liegt zwischen 80 und 90 Millionen Fass pro Tag. Ziehen wir die Kosten für die Förderung und den Transport ab, werden auch in diesem Bereich jährlich zwischen 1,5 und 2 Billionen Euro abgezogen.

Gelegentlich finden sich in einigen Zeitungen naive Artikel, die erklären, wenn Banken und Ölkonzerne wirklich so sagenhafte Gewinne erwirtschaften würden, so stünde es doch jedermann frei, Aktien dieser Unternehmen zu erwerben. Die Verkettungen zwischen den weltweit führenden Konzernen, insbesondere in den Bereichen Finanzen und Energie, sind so undurchschaubar, dass es auch staatlichen Kontrollinstanzen unmöglich ist, den Fluss der Gelder zu verfolgen. Bei den bereits erwähnten Zweckgesellschaften handelt es sich um einen von mehreren Wegen, auf denen Profite aus den Bilanzen verschwinden.

Nur am Rande möchte ich hier einflechten, dass alle großen Kriege aus wirtschaftlichen Gründen geführt wurden und Erdöl spielt dabei eine wesentliche Rolle. Vom Krieg zwischen Japan und den Vereinigten Staaten bis hin zum drohenden Angriff auf den Iran.

Die chemische Industrie – ein Teil des Ölgeschäfts

So wie sich ein Leben ohne Auto und ohne Maschinen nicht mehr vorstellen lässt, so wurden auch die Produkte der chemischen Industrie zu einem unverzichtbaren Bestandteil unserer Zivilisation – und somit zu einem weiteren Glied in der Kette der Abhängigkeit. Von Düngemitteln über die Schädlingsbekämpfung zur allgemeinen Hygiene, von Kleidung über Baumaterialien bis zu wesentlichen Bestandteilen von Maschinen und Transportmitteln, und nicht zuletzt die pharmazeutische Industrie – Chemie hat in praktisch alle Lebensbereiche Einzug gefunden.

Mit entsprechender Naivität lässt sich natürlich glauben, dass all diese Errungenschaften doch dem Wohle der Menschheit dienen. Indirekt vielleicht, teilweise, doch der Preis, der dafür bezahlt wird, ist ein hoher. Von vereinzelten Idealisten abgesehen, das erste Ziel der Wirtschaft ist immer der Profit. Je mehr gearbeitet und je mehr konsumiert wird, desto mehr lässt sich verdienen. Ginge es darum, Produkte herzustellen, die der Mensch will und braucht, könnten wir auf Werbung weitgehend verzichten. So wie sich Vieles mit einer wesentlich längeren Lebensspanne produzieren ließe. Die Autos von Henry Ford überlebten Jahrzehnte, um nur ein Beispiel zu nennen.

Insbesondere seit sich die wirtschaftlichen Bedingungen weit über die Landesgrenzen hinaus ausdehnen, wird es immer schwieriger, sich einen gesunden Überblick zu bewahren. Genau aus diesem Grund habe ich auch das – zugegeben – banale Beispiel vom historischen Dorf zur modernen Kapitalherrschaft angeführt. Doch das regelmäßige Abziehen von Profiten aus dem Kreislauf, Gelder, die in keiner Weise mehr dem Volk zugutekommen, muss zu einem Zusammenbruch führen. Die Geldmenge lässt sich nicht endlos ausdehnen, weil eines Tages der Zeitpunkt erreicht ist, dass die Mittel zum Begleichen der Zinsen nicht mehr ausreichen, wie es in Griechenland bereits der Fall ist.

Es geht heute nicht mehr einfach darum, dass jeder Bürger einen Arbeitsplatz braucht, um sich selbst und die Gesellschaft als Ganzes zu erhalten. Über dem, was einst schlicht als Wirtschaft, heute jedoch als „Realwirtschaft“ bezeichnet wird, schwebt ein gewaltig aufgeblasener Finanzapparat. Immer billiger muss produziert werden, immer mehr Einsparungen müssen in Kauf genommen werden, auf immer mehr Konsum muss verzichtet werden, um dem unersättlichen Finanzsektor die geforderten Gewinne zuzuführen. Und durch den Abbau der Kaufkraft wird gleichzeitig auch jedes Wachstum der heimischen Wirtschaft unterbunden. Noch mag es Exportmärkte geben. Doch geschieht all dies wirklich im Interesse der Bürger? Wir sind bereits in der Situation, dass wir arbeiten, um Produkte herzustellen, die anderswo gekauft werden, um jene Vermögen zu verdienen, die wir dem Finanzsektor schulden! Wäre es nicht an der Zeit, diesen Finanzsektor einfach abzuschaffen?

Nein, dabei handelt es sich um keinen Vorschlag, eine kommunistische Diktatur einzuführen. Nichts wäre demokratischer, als die Kontrolle über das Geldwesen ausschließlich in die öffentliche Hand zu nehmen. Nichts wäre demokratischer, als die Abhängigkeit von Energieimporten zu reduzieren. Denn all dies würde im Interesse der Bevölkerung geschehen. Auch wenn es vielleicht einer gewissen Umgewöhnung bedarf.

Warum zahlen Bürger ihre Schulden? Weil die Bank zweifellos über mehr Macht verfügt. Weil im Extremfall die staatlichen Sicherheitskräfte zur Verfügung stehen, um Enteignungen zu exekutieren. Aus dem gleichen Grund kommen auch Unternehmen ihren Zahlungsverpflichtungen nach. Der Rechtslage entsprechend, unterstützt auch in diesem Fall die Staatsmacht den Gläubiger.

Doch wer unterstützt den Gläubiger in einem Streit mit der Staatsmacht? Welche Mittel stünden den internationalen Investoren zur Verfügung, um ihre Forderungen geltend zu machen, wenn sich die mittlerweile schwer angeschlagenen Industriestaaten gemeinsam weigern, den privaten Finanzsektor zu befriedigen? Immer wieder loben wir unsere Demokratie, denn wir gehen davon aus, dass dieses politische System die Interessen der Bürger vertritt. Wie wäre es also, wenn die Bürger ihren Politikern den Vorschlag unterbreiten, ein internationales Gipfeltreffen zu organisieren, bei dem die Entmachtung des internationalen Finanzsektors ausgearbeitet wird? Präsident Obama könnte damit unter Beweis stellen, dass ihm der Friedensnobelpreis zurecht ausgehändigt wurde. Angela Merkel würde tatsächlich als „Mutter der Nation“ in die Geschichte eingehen. Würde Sarkozy rasch so einen Vorschlag unterbreiten, könnte er sich der Wiederwahl sicher sein. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass auch Vladimir Putin sich anschließen würde. Was bliebe den internationalen Investoren am Ende anderes übrig, als jeden angebotenen Kompensationsvorschlag zu akzeptieren?

Und die Presse, die freie, die bürgernahe, könnte ebenfalls unter Beweis stellen, dass sie die Interessen ihrer Leser mehr vertritt als die der Werbekunden. Ob wir ohne Columbus jemals dahintergekommen wären, wie sich ein gekochtes Ei auf die Spitze stellen lässt?

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