Donnerstag , 9 April 2020
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Ein Banker packt aus – und die Presse beschönigt

wallstreet insideEigentlich hätte die Enthüllung zu einem Aufschrei führen sollen. Ein Goldman-Sachs-Mitarbeiter offenbarte die Geschäftspraktiken dieser Investmentbank, die sich gegen die Interessen ihrer Kunden richten. Die New York Times – was immer sie dazu bewogen hat – veröffentlichte seinen offenen Brief. Wenn eine derart angesehene Zeitung berichtet, ist völliges Stillschweigen im Rest der Medienlandschaft natürlich ausgeschlossen. Dementsprechend wird beschönigt, verharmlost, auf persönlichen Frust des Briefschreibers verwiesen. In Wahrheit deckte Greg Smith einen unglaublichen Skandal auf. Einen Skandal, über den Börseninsider allerdings schon lange bescheid wissen.

Fast 12 Jahre arbeitete der mittlerweile 33-jährige Greg Smith für Goldman Sachs. Zehn Jahre davon in der New Yorker Zentrale und zuletzt in London. Gewiss gehörte er nicht der höchsten Management-Ebene an – laut Goldman Sachs bekleidete er den Rang eines sogenannten „Vice President“, von denen es Tausende geben soll – doch zweifellos ist er auch in dieser Position mit der Strategie des Unternehmens, das weltweit zu den marktführenden Investmentbanken zählt, bestens vertraut.

Am 14. März veröffentlichte die New York Times seinen Brief, in dem er in einer treffenden Zusammenfassung erklärt, warum er sich entschlossen hatte, sich aus diesem Geschäft zurückzuziehen. Er selbst war sowohl mit der Einstellung neuer Mitarbeiter betraut als auch mit der Beratung ausgewählter Investmentfonds, also den Kunden von Goldman Sachs. Seine Entscheidung begründete er mit folgendem Satz: „Ich wusste, dass es Zeit zu gehen war, als mir bewusst wurde, dass ich den Studenten nicht mehr länger in die Augen sehen konnte, während ich ihnen erzählte, um was für einen großartigen Arbeitsplatz es sich handelte.“

Während seines 143-jährigen Bestehens hatte sich Goldman Sachs seinen einst makellosen Ruf als Berater aufgebaut. Zweifellos profitierten im Laufe von fast anderthalb Jahrhunderten unzählige Investoren vom Insiderwissen und der Finanzmacht des Unternehmens. Doch diese Zeiten, so erklärt Greg Smith absolut glaubhaft, sind mittlerweile vorüber. Das einzige Interesse, das Goldman Sachs verfolgt, ist der eigene Profit. Dementsprechend wurde es zur Grundvoraussetzung einer persönlichen Karriere, finanziell potente Kunden – und es geht dabei immer um Milliarden – zu Entscheidungen zu motivieren, die nicht diesen selbst, sondern den Interessen von Goldman Sachs dienen.

Zum besseren Verständnis der Situation sei erwähnt, dass Goldman Sachs sich nicht ausschließlich oder überwiegend der Beratung widmet, sondern gleichzeitig auch auf eigene Rechnung spekuliert. Dementsprechend ist es die Aufgabe der Mitarbeiter, Kunden zum Kauf jener Papiere zu bewegen, die Goldman Sachs gerade abstößt, um auf den Marktplätzen entsprechend hohe Kurse zu erzielen. (Die Zunahme von Verkaufsangeboten wirken sich naturgemäß negativ auf die Kursentwicklung aus. Steigt jedoch gleichzeitig das Kaufinteresse – aufgrund der bewusst schlechten Beratung – lassen sich „faule Papiere“ zu einem wesentlich günstigeren Preis abstoßen.) Dabei handelt es sich eindeutig um eine massive Marktmanipulation.

Im Insider-Jargon, so erklärt Greg Smith, gibt es den Begriff der „Elefantenjagd“. Dies bedeutet: „Bring deine Kunden dazu – einige von ihnen erfahren, andere nicht – damit zu handeln, was Goldman Sachs die höchsten Profite einbringt. Nennen Sie mich altmodisch, aber es gefällt mir einfach nicht, meinen Kunden ein Produkt zu verkaufen, von dem ich weiß, dass es für sie schlecht ist.“

Ein entsprechender Skandal, dessen Wogen sich jedoch unglaublich rasch wieder geglättet hatten, wurde im April 2010 bekannt. Im Jahr 2007, vor dem Platzen der Immobilien-Blase, kreierte Goldman Sachs ein Anlagepaket mit der Bezeichnung „ABACUS 2007-AC1“. Dies geschah in Absprache zwischen dem Goldman-Sachs-Mitarbeiter Fabrice Tourre und dem, auf eigene Rechnung spekulierenden, John Paulson. Goldman Sachs empfahl seinen Großkunden, in das besagte Paket, in dem sich so gut wie ausschließlich „giftige“ Hypothekardarlehen befanden, zu investieren. Paulson wettete dagegen. Als die Blase platze, verloren die Goldman-Sachs-Kunden ein Vermögen und Paulson wurde steinreich. Im Jahr 2007 schien dieser noch nicht in der Milliardärsliste bei Forbes auf. 2008 verfügte er plötzlich über drei Milliarden Dollar. 2009 über sechs Milliarden und 2010 über zwölf Milliarden. Was für eine Karriere! Was für ein Betrug! Goldman Sachs wurde von der New Yorker Börsenaufsicht zu einer Strafe von 500 Millionen Dollar verurteilt. Für John Paulson ergaben sich keinerlei Konsequenzen. Und wir dürfen getrost davon ausgehen, dass es sich bei dieser bekanntgewordenen Manipulation lediglich um die Spitze des Eisberges handelt.

Jetzt sollten wir eigentlich annehmen, wenn die New York Times die Erklärung eines führenden Mitarbeiters einer führenden Investmentbank veröffentlicht, durch welche unverschämte Manipulationen offengelegt werden, dass dies weltweit zu Schlagzeilen führen sollte. Denn, wie nicht oft genug wiederholt werden kann, alle Spekulations- und Investitionsprofite entstammen letztendlich der Realwirtschaft, werden also von dem, wofür wir die Bürger arbeiten, abgezweigt. Doch wie reagiert die Presse in Deutschland?

Beginnen wir mit der Welt. Dort steht in der Überschrift: „Die Abrechnung des Greg Smith!“ Nicht falsch ist dieser Wortlaut, sondern irreführend. Weiter steht geschrieben, dass der ansonsten umgängliche Mitarbeiter „furios mit seinem Arbeitgeber abrechnet“ und Goldman Sachs nun ein „PR-Desaster zu verdauen“ hätte. Der besagte Artikel bemüht sich zu überzeugen, dass es sich bei Smith, dessen „Kritik sich sehr vage“ hält, einfach um einen enttäuschten Mitarbeiter handelt, der seinen Arbeitgeber aus persönlichem Frust angreift. Warum erst jetzt, nach 12 Jahren, wird die Frage gestellt. Die logische Antwort liegt nahe. Vermutlich, weil er erst jetzt über genügend Ersparnisse verfügt, um sich den Abschied leisten zu können.

Ähnlich beschönigend klingt der Artikel in der deutschen Financial Times. Dort wird als Schwerpunkt das Online-Gespött gewählt und zitiert wird Goldman-Chef Lloyd Blankfein: „Die Behauptungen dieser Person reflektieren nicht unsere Werte und unsere Kultur“. Was sonst sollte er von sich geben? In einem weiteren Artikel berichtet die Financial Times, dass sich das Handelsvolumen an der New Yorker Börse während der vergangenen drei Jahre mehr als halbiert hat, obwohl die Kurse stabil erscheinen. Die „internationalen Investoren“ werden schon wissen, warum.

Das Handelsblatt fasst den Skandal überhaupt bloß in drei kurzen Absätzen zusammen, als würde er keinerlei Aufmerksamkeit verdienen, und zitiert im letzten Satz Bloomberg Busniessweek: „Bei allem gebührenden Respekt – neu sind die Vorwürfe nicht“. Also, kein Grund zur Beunruhigung.

Doch siehe da: Welches systemkonforme Blatt unterlässt jede Beschönigung, zitiert Greg Smith ohne Versuch, ihn lächerlich zu machen, und erinnert sogar an den Vorfall mit John Paulson? Es ist die Bild-Zeitung. Ob dies vielleicht daran liegen könnte, dass deren Leserschaft vermutlich selten mit Investmentbanken zu tun hat, und durch diese Offenheit somit keine großen Inseratkunden verärgert werden?

Doch bei Greg Smith handelt es sich – Gott sei Dank – nicht um den einzigen Abtrünnigen in der Branche. Der Spiegel berichtet in besagtem Zusammenhang über eine Aufforderung von JP Morgan Chase an seine Mitarbeiter, aus dieser Schwäche von Goldman Sachs kein Kapital zu schlagen. Die nächste nicht minder brisante Enthüllung, die sowohl die verschleierten Schulden Griechenlands, die die tatsächlichen weit übertreffen, zum Thema hat, als auch die Manipulation des Gold- und vor allem Silberpreises, stammt von einem JP-Morgen-Chase-Angestellten. Über die Details berichten wir morgen.

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