Donnerstag , 8 Dezember 2022
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Rating-Agenturen als Sündenböcke

suendenbockEs ist in Mode gekommen, die Rating-Agenturen verantwortlich zu machen für die Krise der Eurozone. Führende Politiker machen es aus Verzweiflung, weil sie die Probleme nicht in den Griff bekommen und Schuldige brauchen. Sogenannte Wissenschaftler bieten die „wissenschaftlichen“ Erklärungen dazu, und so mancher Wutbürger glaubt, dass es seine Probleme löst, wenn er in diesen Chor einstimmt. Aber besonders die Situation des Letzteren verändert sich dadurch am wenigsten. Lösungen von Problemen lassen sich immer erst dann finden, wenn diese auch – und zwar frei von jeglicher Polemik – in ihrem Kern verstanden werden.

Die Rating-Agenturen sind nicht vom Himmel gefallen, sondern geschaffen worden von Menschenhand, genauer: von den starken Händen starker Interessen. Ab Mitte der 1970er drängte immer mehr Geld, das in der Realwirtschaft nicht mehr gewinnbringend genug angelegt werden konnte, an die Finanzmärkte. Bis dahin hatte der Konsumrausch der Nachkriegsjahre in der Realwirtschaft sehr hohe Gewinne erbracht, was direkte Investitionen in den Produktionsprozess förderte.

Mit der zunehmenden Öffnung der nationalen Kapitalmärkte und deren Zusammenwachsen zu einem Weltfinanzmarkt weiteten sich nicht nur die Möglichkeiten für Investition aus. Es wuchs mit der Menge der Investitionsmöglichkeiten auch die Unsicherheit über Bonität und Seriosität der Kapitalsuchenden. Die Bewertungen der Rating-Agenturen waren in dieser Situation eine Entscheidungshilfe, die von der überwiegenden Mehrheit der Investoren als objektiv und zuverlässig angesehen wurde. Und je mehr sich die Ratings bewahrheiteten, umso mehr stieg auch das Vertrauen in das Urteil der Agenturen, sodass Investitionsentscheidungen, Kreditverträge und Zinssätze bald eng verknüpft waren mit dem Rating, das einer Anlage bescheinigt wurde.

So durften Pensionsfonds zum Teil nur in Wertpapiere investieren, die ein Mindestrating aufwiesen (Investment-grade). Großkredite waren in der Regel verbunden mit einer automatischen Zinsanhebung, wenn sich das Rating während der Laufzeit des Darlehens verschlechterte. Auch der Zinssatz, der Kreditnehmern an den Finanzmärkten gewährt wurde, hing immer mehr ab von den Noten, die ihnen von den Agenturen erteilt wurden. Je besser das Rating, umso niedriger der geforderte Zins. Das hat sich trotz aller Kritik bisher nicht geändert. Diese Maßnahmen dienten sowohl bei den Pensionsfonds und anderen Einrichtungen als auch bei der Kreditvergabe der Sicherung des investierten Kapitals, also letztlich dem Schutz derer, die ihr Geld zur Verfügung gestellt hatten. Und das hatte bei allen Investoren Gültigkeit bis zum Platzen der Immobilien-Blase in den USA und der daraus resultierenden Lehman-Pleite. Also gute 30 Jahre waren alle Beteiligten, davon viele, die heute die Agenturen als das Grundübel darstellen wollen, mit der Arbeit von S&P und Co sehr zufrieden. Das Urteil der Agenturen bot für beiden Seiten Vorteile: Sicherheit für den Investor und klare Orientierung für den Kapitalsucher.

Natürlich haben sich die Agenturen nicht gerade mit Ruhm bekleckert, als sie Lehman Brothers noch wenige Tage vor dem Zusammenbruch mit ihrer Bestnote bedacht hatten. Doch kommen wir auf den Kern der Euro-Krise zurück: Im Gegensatz zur Politik, die die Schuldensituation der Staaten dadurch zu bekämpfen versucht, indem sie noch höhere Schulden macht, haben sich die Rating-Agenturen der Situation angepasst. Heute geben die Ratings eine realistischere Einschätzung der Verschuldungssituation der Staaten wider als vor dem Beinahezusammenbruch des Weltfinanzsystems im Jahre 2008. An die Fehler der Vergangenheit zu erinnern, ändert nichts an der Tatsache, dass an Überschuldung leidende Staaten mit Sicherheit keine bessere Bewertung verdienen.

Der Vorwurf der Parteilichkeit der US-Agenturen gegenüber ihrem Heimatstaat USA ist ebenso Unsinn wie der Glaube, dass die Gründung einer eigenen europäischen Agentur die Situation verbessern würde. Die USA wurden ebenso von den amerikanischen Agenturen herabgestuft wie europäische Staaten und eine europäische Einrichtung, selbst wenn sie als Stiftung daherkäme, wäre abhängig von der Finanzierung durch eben diese Staaten, über die sie ein Rating abgeben sollte. An der Höhe der Verschuldung würde sich nichts ändern, allerhöchstens am Respekt gegenüber dem Urteil selbst, aufgrund der vorhandenen Abhängigkeit. (Zu analysieren, von wem die drei bereits etablierten Rating-Agenturen, also Standard & Poors, Moody’s und Finch, abhängig sind, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen.) Der Käuferstreik von privaten Anlegern, darunter auch den Banken, gegenüber europäischen Staatspapieren steht in direktem Zusammenhang mit dem Verfall des Euros und den Unsicherheiten über die Zahlungsfähigkeit der Eurozone.

Die Mitschuld der Rating-Agenturen an der Weltfinanzkrise ist nicht in erster Linie darin zu suchen, dass sie bei dunklen Machenschaften mitgespielt haben könnten. Ihre „Schuld“ besteht vielmehr darin, dass sie von einer Funktionsweise des Kapitalismus ausgingen, die so, wie sie Jahrzehnte lang richtig gewesen zu sein schien, nicht mehr bestand. Damit aber waren sie bis zum Zeitpunkt der Krise nicht alleine.

Das Platzen der Internet-Blase und die Anschläge des 11.9.2001 veranlassten die US-Notenbank, mit Unterstützung der Politik die Geldschleusen zu öffnen, um ein Abrutschen der Wirtschaft in die Rezession zu vermeiden. Das billige Geld trieb die Wirtschaft an, aber mehr noch die Immobilienpreise und sonstige Vermögenswerte wie Aktien. Das funktionierte über Jahre und riss Alain Greenspan, den damaligen Chef der US-Notenbank, zu der Behauptung hin, mit der Politik des billigen Geldes das Allheilmittel gefunden zu haben, mit dem die Krisen des Kapitalismus in Zukunft gebannt seien. Und je länger die Party dauerte, umso mehr schien sich diese Behauptung zu bewahrheiten. Obwohl es schon zu jener Zeit genügend Analysten gab, die davor warnten, dass diese Entwicklung – aufgrund der ansteigenden Schuld- und somit Zinslast – in einem Chaos enden könnte, müssen wir trotzdem vorsichtig sein, Alen Greenspan und anderen Tonangebern böswillige Absichten zu unterstellen.

Damit die starke Nachfrage nach Krediten weiterhin befriedigt werden konnte, fanden die Banken in der Verbriefung von Krediten ein Mittel, mit dem sie einerseits frisches Geld einsammeln konnten, ohne andererseits mehr Zinsen zahlen zu müssen, um an zusätzliches Geld zu kommen. Kreditforderungen wurden zu einem Wertpapier mit einem festen Zinssatz zusammengefasst und an die Märkte gebracht. Damit waren nicht mehr großen Mengen eigenen Kapitals in den ausgegebenen Krediten gebunden. Das Besondere dieser Wertpapiere bestand darin, dass sie Forderungen gegen Schuldner mit unterschiedlicher Bonität enthielten. Damit aber diese Wertpapiere von einem möglichst breiten Publikum angenommen würden, war es wichtig, dass sie Bestnoten von den Rating-Agenturen erhielten.

Die Rating-Agenturen empfahlen den Banken ein Mischungsverhältnis zwischen guten, mittleren und unsicheren Forderungen, das nach ihrer Meinung und Einschätzung ein gutes Rating rechtfertigte. Die Erteilung dieser Ratings erfolgte nicht aus Betrugsabsichten der Banken und Agenturen, wie man ihnen fälschlicherweise später unterstellt hatte. Vielmehr erfolgten diese Benotungen auf der Kenntnis, Erfahrung und Einschätzung über das Funktionieren der kapitalistischen Finanzwirtschaft, wie sie zu dieser Zeit vorlagen. Die Rating-Agenturen handelten in der Überzeugung, dass diese von ihnen vorgeschlagene Zusammensetzung der Wertpapiere allen damals bekannten Belastungen an den Finanzmärkten standhalten würde. Sie handelten in dem Wissen, das zu der damaligen Zeit in den führenden Kreisen der Finanzwirtschaft vorherrschte. Natürlich ist es im nachhinein immer leicht zu kritisieren. Auch ist es leicht, Spekulationen anzustellen, die einschließen, dass bestimmte Entwicklungen bewusst gesteuert wurden. Betrachten wir hingegen die Fakten, so zeigt sich durchaus, dass hinter den Entscheidungen der Rating-Agenturen, zumindest in den meisten Fällen, Logik steckt.

Die Finanzkrise des Jahres 2008 war auf der materiellen Ebene verursacht durch das Überfluten der Märkte mit billigem Geld. Auf der geistig-intellektuellen Ebene war sie bestimmt durch Theorien über die kapitalistische Wirtschaft, die mit der Wirklichkeit dieser Wirtschaft nicht mehr übereinstimmten. Die neoliberalen Theorien von der Transparenz der Märkte, die die Regelung durch den Staat ersetzen sollte, hatten sich als falsch erwiesen, und es war der viel gescholtene Staat, der den Zusammenbruch der entfesselten Wirtschaft verhindern musste. Die Theorie von der Vermeidung der Krisen im Kapitalismus durch die Bereitstellung unerschöpflicher Mengen billigen Geldes hatte zur größten Krise des Kapitalismus geführt, seit der Weltwirtschaftkrise der 1930er-Jahre.

Nicht nur das: Der Zusammenbruch konnte vorerst nur verhindert werden, indem die Verschuldung durch die Schöpfung neuen Geldes durch die Notenbanken ausgeweitet wurde. Obwohl mittlerweile, anders als vor der Krise von 2008, allen Akteuren klar ist, dass in der Ausweitung der Staatsdefizite nicht das Heil liegt, sondern der Sündenfall, sehen die Entscheidungsträger keine andere Möglichkeit mehr als die Fortsetzung des Sündenfalls. Auch der andere Weg, der von vielen als der Heilsweg gepriesen wird, die Reduzierung der Staatsdefizite, führt nicht aus der Krise, da mit dem Entzug des „Sauerstoffes Geld“ der Rückgang der Wirtschaftstätigkeit einsetzt, und damit die Einnahmequellen der Staaten versiegen. Weniger Umsätze in der Realwirtschaft sind schließlich auch gleichbedeutend mit niedrigeren Steuereinnahmen. Ganz abgesehen von den direkten Auswirkungen auf die Bevölkerung.

Wem also ist denn nun die Schuld an all dem zuzuschreiben? Den Rating-Agenturen, die nach ihrem Verständnis von Wirtschaft und Finanzwirtschaft Noten über die Bonität von Unternehmen und Staaten erteilten und heute nach anderen Maßstäben urteilen, Maßstäben, die sich aufgrund veränderter Erkenntnisse auch verändert haben? Man kann nur nach der Kenntnis urteilen, über die man verfügt.

Sind die Politiker schuld, die Entscheidungen treffen müssen, und sich nach dem geltenden Recht und den herrschenden Grundsätzen der Gesellschaft richten müssen? Aber die Politiker haben sich die Kritik des Volkes wohl verdient, treten sie doch immer noch so auf, als seien sie in der Lage, die Probleme stellvertretend zu lösen. Wenn es dann schief geht, richten sie viel Energie darauf, Schuldige zu finden.
Es sind nicht die einzelnen Personen oder Gruppen, es ist die Ordnung selbst, die diese Verwerfungen hervorbringt. Das eigentliche Dilemma des Kapitalismus besteht in einem Übermaß an Produktionskapazitäten, die mehr Waren herstellen können, als die Märkte in der Lage sind aufzunehmen. Allein die Autoindustrie verfügt über Kapazitäten, die 30% mehr herstellen können als dem Marktvolumen entspricht. Und das ist nur die Autoindustrie. In anderen Industrien sieht es ähnlich aus. Was geschieht mit diesen Überkapazitäten, wenn den Menschen aufgrund der Sparmaßnahmen vieler Staaten das Geld für den Konsum fehlt, die Märkte also noch weiter schrumpfen? Und wie wird sich die Situation noch verschärfen, wenn im nächsten Wirtschaftsabschwung die Märkte noch weniger Waren aufnehmen können als bisher schon? Die Staaten sind inzwischen so verschuldet, dass ihnen die Mittel fehlen, um neue Konjunkturprogramme, Abwrackprämien oder die Finanzierung von Beschäftigungsmaßnahmen aufzulegen.

Und was geschieht mit den Menschen, deren Arbeitsplätze dem Abbau der Überkapazitäten zum Opfer fallen? Denn Produktionskapazitäten sind nicht nur Produktionskapazitäten, sondern auch Arbeitsplätze mit richtigen Menschen.

Die Funktionsweise der kapitalistischen Wirtschaftsordnung und die Widersprüche, die in ihr treiben, bringen die Krisen hervor, von denen uns die Theoretiker glauben machen wollten, dass sie nicht mehr auftreten können, weil sie den Schlüssel gefunden hätten, der die Pforten der Hölle geschlossen hält. Aber die Widersprüche treiben weiter, solange sie nicht gelöst sind. Und diese werden nicht durch das Schimpfen auf Rating-Agenturen oder Politiker gelöst. Beide sind austauschbar – doch das Dilemma bleibt.

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