Donnerstag , 8 Dezember 2022
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In der Wirtschaftspolitik steckt ein Grundsatzfehler

berlin 1945In Anbetracht der Finanzkrise, in die immer mehr europäische Länder schlittern, stelle ich mir schon lang die Frage, was mit diesen „kaputten“ Staaten eigentlich geschehen wird. Ist die Bevölkerung dieser Länder dem „Hungertod“ – oder zumindest der unabänderlichen Armut – geweiht? Wie ist das nach einem Krieg, wenn die Infrastruktur so gut wie komplett zerstört ist und alle Geldreserven im wahrsten Sinn des Wortes verpulvert wurden? Da ich vergeblich nach Antworten aus der Politik und der Finanzwirtschaft gesucht habe, stelle ich meinen eigenen Versuch an, dieses Szenario zu beleuchten. Ich nehme dazu Anleihe aus einer Studie, die unter der Überschrift „Einführung in die Wirtschafts- und Sozialgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts“ von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster veröffentlicht wurde, in dem die Rekonstruktionshypothese erklärt wird:

 „Der bedeutendste am nationalen Wachstumspotential orientierte Ansatz, die sogenannte Rekonstruktionshypothese, lässt sich am anschaulichsten durch ein Zitat des britischen Ökonomen John Stuart Mill (19. Jh.) verdeutlichen: ‚Ein Feind verlässt ein durch Feuer und Schwert vernichtetes Land, zerstört, und nimmt beinah sein ganzes bewegliches Vermögen mit fort; alle Einwohner sind ruiniert, und wenige Jahre später ist doch alles wie vorher. Diese vis medicatrix naturae hat oft Staunen hervorgerufen… Es ist aber gar nichts wunderbares dabei.’“

Um hierzu ein Beispiel zu finden, brauchen wir erst gar nicht in Geschichtsbüchern zu suchen. Deutschland und auch Österreich lagen 1945 in Schutt und Asche. Nach wenigen qualvollen Jahren setzte jedoch ein Aufschwung ein, ein Wirtschaftswunder, das den verlorenen Krieg rasch vergessen ließ. Wenn in „regulären Zeiten“, also ohne Krieg und ohne Katastrophe, die Mehrzahl der Menschen gerade so „über die Runden“ kommt, wie ist eine einschneidende Verbesserung in einer Situation möglich, in der alles davor Vorhandene zerstört oder geplündert wurde? Ich erlaube mir nochmals aus der genannten Studie zu zitieren:

„Die Rekonstruktionshypothese lautet nun wie folgt: Langfristig entwickelt sich die Volkswirtschaft nach einem Wachstumstrend, dessen Steigung durch die Aufnahmefähigkeit der Arbeitskräfte für technologische Neuerungen bestimmt wird. Infolge des Krieges wird zwar der Sachkapitalstock einer Wirtschaft zerstört, nicht jedoch das Humankapital. Der Wiederaufbau einer Wirtschaft nach einem Krieg vollzieht sich sehr schnell, weil Investitionen in die Infrastruktur Engpässe beheben, Arbeitskräfte nach Beseitigung von Wohnraum- und Nahrungsmittelnotstand wieder gemäß ihren Qualifikationen eingesetzt werden können und sich die Qualifikation der Arbeitskräfte während des Krieges weiterentwickelt hat und damit technologischer Rückstau abgebaut werden kann. – Mit der Beseitigung der Kriegsschäden kehrt die Wirtschaft wieder auf ihren langfristigen Wachstumstrend zurück. Je größer demnach die Abweichung des Einkommens vom Trendwert war, desto höher musste auch das Einkommenswachstum nach dem Krieg sein.“

Ist die Logik aus dieser Erklärung, dass ein relativ kurz dauernder Krieg eine lange Wachstumsphase einläutet, die in Deutschland und Österreich locker 40 Jahre anhielt?

Würde dieses Konzept nicht eine einfache – wenn auch wirklich dumme – Lösung wirtschaftlicher Probleme bieten, nämlich, einfach alles zu zerschlagen, um es neu errichten zu können? So überzeugend die Erklärungen zur Rekonstruktionshypothese auch klingen mögen, irgendwie scheint darin ein Haken verborgen zu sein.

Wäre nicht eher zu erwarten, dass wir durch den schon fast 70 Jahre andauernden Frieden in Mitteleuropa in Überfluss leben sollten? Kriege verschlingen ebenso Vermögen wie der Wiederaufbau. Beides ist uns, während der vergangenen Jahrzehnte, erspart geblieben. Wo genau ist dieses Geld? Wie ist es möglich, ohne Krieg und ohne Naturkatastrophen, sich einem Staatsbankrott zu nähern?

Wie war es möglich dass sich die Menge der Güter während der letzten 30 Jahren vervierfacht hat, die Menge des Geldes aber vervierzigfacht? Kann daraus vielleicht geschlossen werden, dass eine Währung, die keiner staatlichen Kontrolle unterliegt, zur Freiheit führt, diese Währung zu missbrauchen? Von wem werden die Fäden gezogen? Unter wessen Kommando tanzen wir, Marionetten gleich, ohne es überhaupt zu bemerken?

Ich finde es dabei auch absolut schockierend, wie derartige Entwicklungen von unseren Mitmenschen einfach hingenommen werden. Ohne nachzudenken, stimmt so mancher leichtgläubig mit den beschriebenen Konzepten überein. Stellen Sie sich einmal vor, Sie arbeiten hart, leben sparsam, um sich ein schönes und gut eingerichtetes Heim zu schaffen. Und sobald dieses Ziel erreicht ist, bricht Not über Sie herein, weil Sie keine neuen Möbel mehr kaufen müssen! Endlich dringt Ihr Nachbar in Ihr Haus ein, zertrümmert die Einrichtung, stiehlt Ihr Bargeld und den Schmuck, und endlich dürfen Sie wieder von vorne anfangen. Endlich gibt es wieder einen Aufschwung.

Doch wenn sich diese Geschichte im Rahmen einer Familie oder auch einer Dorfgemeinschaft als blanker Unsinn erweist, warum soll sie dann auf die Gemeinschaft eines Staates anwendbar sein? Warum muss alles kurzlebig produziert werden? Warum muss zerstört werden? Warum ist es nicht einfach möglich, ein Ziel zu erreichen, alles Wesentlich zu erschaffen, um ohne anhaltenden wirtschaftlichen Druck in die Zukunft blicken zu können? Wo liegt der Fehler in diesem unserem Wirtschaftssystem?

Ich fürchte, die Antwort auf diese Frage ist im zitierten Textteil enthalten.

„Infolge des Krieges wird zwar der Sachkapitalstock einer Wirtschaft zerstört, nicht jedoch das Humankapital.“

Humankapital! Das sind Sie und ich, lieber Leser, und all die anderen Menschen, die mit uns leben und ernsthaft glauben, frei zu sein. Wir sind der produzierende Teil des verfügbaren Kapitals. Wir glauben so fest daran, dass Produktion und Konsum unserem eigenen Wohlergehen dienen. Doch dabei handelt es sich um einen schweren Irrtum. Wir sind Humankapital. An uns lässt sich verdienen. Solange wir arbeiten, solange wir produzieren, solange wir konsumieren, sind wir einträglich. Sobald jedoch ein bestimmter Sättigungsgrad erreicht ist, sobald wir darauf hoffen, dass dieses Haus, an dem wir ein Leben lang gebaut haben, endlich errichtet ist, werden wir als Kapital nutzlos, denn wir werfen keinen Ertrag mehr ab. Und genau darin scheint der Kern dieser Krise zu liegen.

Wie konnte es so weit kommen? Weil ein ansehnlicher Teil der Bevölkerung tatsächlich einen gewissen Wohlstand erreichen durfte? Glauben wir deswegen an dieses System? Weil so viele von uns hoffen, es eines Tages auch selbst zu schaffen, in einer Zeit, die jedoch keineswegs vielversprechend wirkt? Ich fürchte, wir haben schon zu lange auf die falschen Propheten gehört. Und ich fürchte, zu viele Menschen hören noch immer auf sie. Obwohl die Karten eigentlich offen auf dem Tisch liegen.

Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, von nun an wirklich Mensch zu sein. Mich als Humankapital zu betrachten, weise ich kategorisch zurück!

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