Dienstag , 19 Januar 2021
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Hervorragendes Beispiel für die Auswirkungen einer Finanzkrise

argentina_2002_protestsIm Rahmen der Euro-Krise wird gelegentlich von möglichen „katastrophalen Auswirkungen“ gesprochen. Was genau soll dies bedeuten? Je öfter wir diesen Begriff „katastrophal“ vernehmen, desto weniger klingt er beängstigend. Vor rund einem Jahrzehnt musste die Bevölkerung Argentiniens die Auswirkungen eines Finanzcrashs ertragen. Der in Buenos Aires lebende politische Analyst Adrian Salbuchi fasste die damaligen Ereignisse für Russia Today zusammen. Nachdem keine befriedigende Lösung der Euro-Krise in naher Zukunft zu erwarten ist, können wir daraus unsere Schlüsse ziehen, womit wir vielleicht bald zu rechnen haben.

Über die ehemalige politische Situation Argentiniens, den wiederholten Wechsel zwischen gewählten Regierungen und Militärherrschaften, das oft skrupellose Vorgehen gegen Aktivisten und Oppositionelle, wurde in der Vergangenheit ausreichend berichtet. Wirtschaftlich gab es zu jener Zeit allerdings keinerlei nennenswerte Probleme. Im Gegenteil. Während dieser Jahre hatte sich in Argentinien eine situierte breite Mittelschicht gebildet. Auch ist zu erwähnen, dass Argentinien über genügend eigene Ölvorkommen verfügt, um von Ölimporten völlig unabhängig zu sein.

Die Situation änderte sich mit der endgültigen Einführung der Demokratie im Jahr 1983. Privatisierungen – um nicht zu sagen internationaler Ausverkauf – und Währungsmanipulationen brachten mehrere wirtschaftliche Rezessionen mit sich, bis sich die Situation im Jahr 2001 endgültig zuspitze.

Die öffentlichen Schulden waren im Laufe der Jahre rapide angewachsen, worauf der damalige Präsident Fernando de la Rúa zu Beginn des Jahres 2001 drastische Sparmaßnahmen verordnete. Öffentliche Ausgaben wurden dramatisch gekürzt. Stellen wurden abgebaut, beim Gesundheitswesen wurde gespart sowie bei einigen anderen staatlichen Leistungen. Im März 2001 setzte De la Rúa jenen Wirtschafts- und Finanzminister, Domingo Cavallo, wieder ein, der schon unter der Regierung von Carlos Menem, während der 1990er-Jahre, die Krise durch Privatisierungen und Deregulierungen eingeleitet hatte. Wie Adrian Salbuchi in seinem Artikel bei Russia Today wissen lässt, waren es David Rockefeller (JP Morgan Chase) und William Rhodes (CitiCorp), die bei einem persönlichen Besuch in Buenos Aires die Wiedereinsetzung Cavallos gefordert hatten. Zumindest im Januar 2002 schien dieser Name in der Mitgliederliste der Trilateralen Kommission auf. In weiterer Folge bemühte sich Cavallo die Schuldenkrise durch die Ausgabe von Derivaten zu beruhigen, was die Verschuldung innerhalb weniger Monate um 51 Milliarden Dollar vergrößerte.

Gegen Jahresende war die wirtschaftliche Not in Argentinien so weit fortgeschritten, dass immer mehr Menschen auf ihre Ersparnisse zurückgreifen mussten, um ihre Lebenshaltungskosten zu bestreiten. Um einen beginnenden Run auf die Banken abzuwenden, ermächtigen Präsident De la Rúa und Finanzminister Cavallo die Geldinstitute, alle Guthaben einzufrieren. Nicht mehr als 250 Peso pro Woche wurden ausbezahlt, was im Dezember 2001 noch 250 US-Dollar entsprach, nach der Abwertung im Jahr 2002 jedoch nur mehr 75 US-Dollar.

Millionen von Argentinier, die teils sechsstellige Beträge auf Sparkonten liegen hatten, waren durch die provozierte Krise nicht nur ihrer Einkommen beraubt, sondern auch ihrer Ersparnisse. Dies brachte, neben dem restlosen wirtschaftlichen Zusammenbruch, gleichzeitig massive Ausschreitungen, vor allem in der Hauptstadt Buenos Aires, mit sich.

Dazu schreibt Salbuchi:

„Zweifellos handelte es sich dabei um einen, von Bankern eingeleiteten und von Politikern gedeckten, Raub der Vermögen und Ersparnisse von 40 Millionen Argentiniern. Die Hälfte unserer Bevölkerung fiel unter die Armutsgrenze. Das Bruttoinlandsprodukt fiel 2002 um beinahe 40 Prozent. Millionen verloren ihre Jobs, ihre Ersparnisse, ihre Häuser, ihre Lebensgrundlage – und trotzdem, nicht eine einzige Bank kam dabei zu Schaden!“

Die Polizeikräfte gingen mit brutaler Härte gegen die Demonstranten vor. Dreißig Menschen wurden getötet. Präsident Fernando de la Rúa flüchtete mit einem Hubschrauber vom Dach des Präsidentenpalastes. Obwohl der Wunschkandidat der internationalen Finanzlobby, Eduardo Duhalde, die Präsidentschaft übernahm, unterstützt durch Roberto Lavagna als Wirtschafts- und Finanzminister, der dem Council on Foreign Relations nahe steht, dauerte es bis ins Jahr 2003, dass sich die Situation in Argentinien wieder halbwegs normalisierte. 25%ige Arbeitslosigkeit, Pleiten, Obdachlosigkeit, Hunger und Not auf allen Ebenen, prägten das Leben von Millionen in dem einst blühenden Land.

Adrian Salbuchi ist der Überzeugung, dass die Entwicklung in krisengeplagten Staaten Europas, aber auch in den Vereinigten Staaten, von den in Argentinien gesammelten Erfahrungswerten beeinflusst ist. Wie lässt sich die Bevölkerung ihres Besitzes am leichtesten berauben, ohne dass gewalttätige Ausschreitungen einsetzen? In diesem Sinne diente Argentinien als Versuchskaninchen für die weiteren Entwicklungen in der Welt. Das dortige Volksvermögen sowie viele der Rohstoffvorkommen wanderten gleichzeitig in die Taschen einer internationalen Elite.

Dass keine Bank einen Run verkraften kann, liegt in der Natur der Sache, denn nur ein bescheidener Anteil von Spareinlagen ist auch wirklich verfügbar. Wenn immer die Unsicherheit in der Bevölkerung steigen sollte und eine bestimmte Anzahl von Menschen dazu tendiert, einen Teil ihrer Ersparnisse in bar zu beheben, müssen die Bankschalter geschlossen bleiben. Die Gelder sind einfach nicht verfügbar. Und sollte der Euro vielleicht doch plötzlich wieder von den alten Währungen abgelöst werden, so dürfen wir wohl kaum mehr darauf hoffen, dass dies zum selben Wechselkurs geschehen wird, zu dem einst die D-Mark in Euro getauscht wurde. (Dass sich Schulden aber gleichzeitig nicht verringern, dafür wird den Drahtziehern gewiss etwas einfallen.) Nun, und wohin drastische Sparmaßnahmen, um den Finanzsektor weiter befriedigen zu können, zusammen mit dem Einfrieren privater Einlagen führen, das hat sich am Beispiel Argentiniens nur all zu deutlich gezeigt.

Insbesondere in Deutschland ist man gewohnt, für Notfälle vorzusorgen. Ohne Proteste werden enorm hohe Krankenversicherungsbeiträge bezahlt, denn man könnte ja schließlich einmal krank werden. Ohne Kritik werden Gesetze und Verordnungen hingenommen, um Eventualitäten auszuschließen. Vielleicht wäre es an der Zeit, sich auch gegen einen finanziellen Zusammenbruch abzusichern. Darauf zu vertrauen, dass es den Politikern schon gelingen wird, diese Krise zu lösen, dafür ist es – so fürchte ich – schon lange zu spät.

 

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