Montag , 10 Dezember 2018
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Ben Bernanke tanzt den Twist – Das geldpolitische Dilemma der USA

ben_bernanke_1Federal Reserve Chef Ben Bernanke hat sich keine Blöße auf dem Parkett gegeben. Fleißig verteilt er erneut Finanzspritzen an die Junkies der Finanzmärkte und garantiert ihnen somit einen weiteren Schluck aus der Geld-Pulle. Helikopter-Ben geht dieses Mal allerdings ein wenig subtiler vor: Statt wie bislang einfach die elektronischen Druckerpressen anzuwerfen, bediente er sich am Mittwochabend deutscher Zeit eines vergessen geglaubten geldpolitischen Tricks. Die „Operation Twist“ ist angelaufen.

Hierbei dreht es sich selbstredend nicht um eine erneute Kommandoaktion zur Ermordung selbstgeschaffener „Terroristen“. Stattdessen sollen mittels eines Anleihen-Tausches die Zinsen langlaufender US-Staatsanleihen gedrückt werden. Momentan hält die private Notenbank Federal Reserve US-Schuldtitel mit einem Gesamtvolumen von 1.660 Milliarden US-Dollar. Circa die Hälfte dieser Schuldtitel läuft in den kommenden fünf Jahren aus. Von diesen Schuldtiteln mit kurzer Laufzeit sollen nun Anleihen im Wert von 400 Milliarden US-Dollar abgestoßen werden, das so verfügbare Geld wird in langfristige US-Staatsanleihen investiert. Der Effekt besteht darin, dass durch diesen massiven Aufkauf die Zinsen, die auf diese langfristigen Anleihen bezahlt werden müssen, sinken. Es wird also für die Anleger uninteressanter, ihre Vermögen in Staatsanleihen der USA zu investieren, da die Zinseinkünfte durch die ausufernde Inflation, die offiziellen Zahlen zufolge momentan bei 3,8 Prozent liegen soll, aufgefressen werden.

Wo sollen die Vermögen denn nun aber investiert werden, wenn nicht in vermeintlich sichere Staatsanleihen der größten Volkswirtschaft der Welt? Die Hoffnung der Fed besteht darin, dass diese Gelder auf die Aktienmärkte umgelenkt werden könnten. Auch werden durch die sinkenden Zinsen Kredite attraktiver, wovon die Wirtschaft der USA profitieren soll.

Selbstverständlich hätte Bernanke lieber ein neues Programm der quantitativen Lockerung aufgezogen. Immerhin beruht der Spitzname „Helikopter-Ben“ auf eine denkwürdige Aussage Bernankes, im Falle einer Deflation US-Dollar von Helikoptern aus abzuwerfen. Dennoch musste er nun darauf verzichten, den Dollar weiter zu verwässern. Dies ist dem Umstand geschuldet, dass das politische Klima in den USA zusehends rauer wird. Dazu mögen die im nächsten Jahr anstehenden Präsidentschaftswahlen ihren Teil beitragen, ungleich wesentlicher ist jedoch die Befürchtung, mit einer weiteren geldpolitischen Lockerungsmaßnahme die Inflation über Gebühr anzuheizen. Eine hohe Inflation ist ja aus Sicht der Zentralbanker eine elegante Möglichkeit, sich der Schulden zu entledigen. Wäre da nur nicht die nervende Bevölkerung, die sich allen Ernstes über eine hohe Inflation aufregt, dabei will diese Bevölkerung doch ebenso, dass die Schulden verringert werden. Typisch Pöbel, nie kann man es ihm recht machen, könnte man meinen. Dazu passend verweist die Fed in aller Regelmäßigkeit lieber auf die sogenannte Kerninflationsrate, denn auf die „normale“. Bei der Kerninflationsrate werden Energie- und Lebensmittel-Inflation nicht berücksichtigt, für die breiten Bevölkerungsschichten der USA nicht unerhebliche Faktoren beim Blick ins eigene Portemonnaie, welches zusehends aus Zwiebelleder hergestellt worden sein zu scheint. (Man kriegt das Heulen, wenn man reinschaut…)

Tatsächlich ist der von Bernanke eingeschlagene Kurs nicht etwa der Weg der „goldenen Mitte“. Es ist der Weg des geringsten Widerstands, eben weil „Operation Twist“ nichts Halbes und nichts Ganzes ist. Erstmals kam diese Form des Anleihen-Tausches zu Beginn der 1960er-Jahre auf. Der damaligen Vorliebe zum Tanzen des Twists verdankt sie ihren bis heute bestehenden Namen. Gleichwohl war diese komplizierte Aktion nicht wirklich von Erfolg gekrönt: Um läppische 0,15 Prozent sanken damals die Zinsen auf langlaufende US-Staatsanleihen. Da könnte man ja fast den Verdacht bekommen, Bernanke wolle sich möglichst günstig aus der Affäre ziehen. Der Alternativen gibt es indes nicht mehr viele. Der Leitzins, dessen Festlegung als stärkste geldpolitische Waffe der Zentralbanken zu verstehen ist, der Fed liegt bereits bei 0 bis 0,25 Prozent. Außerdem versprach der Fed-Chef vor Kurzem, diesen niedrigen Zinssatz bis mindestens 2013 auf seinem heutigen Niveau zu belassen.

Die USA und mit ihnen die Federal Reserve sitzen somit in einer geldpolitischen Zwickmühle. Einerseits ist ein weiterer Aufkauf von US-Schuldtiteln privater Großbanken nur für den Preis einer weiter steigenden Inflation zu bekommen. Andererseits ist eine konjunkturelle Radikalkur dringender denn je, blickt man auf die verheerenden Zahlen des US-Arbeitsmarktes, der US-Lebensmittelmarkenbezieher oder der anderen Kennzahlen des wirtschaftlichen und sozialen Verfalls der USA.

Immerhin können sich die Beteiligten mit der Aktion, die eigentlich nicht viel mehr ist als heiße Luft, mal wieder etwas Zeit zum Durchatmen verschaffen. Die Möglichkeit, erneut das Drucken von US-Dollar anzukündigen, bietet sich bereits im November, wenn die Fed erneut zusammentritt. Sollte sich die Fed-Aktion bis dahin als billige Tanzeinlage erwiesen haben, wird auch Bernanke nicht mehr darum herumkommen, den Volkszorn billigend in Kauf nehmen zu müssen und die Inflation vermittels Anleihen-Käufe in neue Sphären zu befördern. Denn wenn etwas schlimmer ist als Inflation, dann die Stagflation. Diese Mischung aus wirtschaftlicher Stagnation und der Kaufkraftentwertung durch Inflation ist nicht nur ein geldpolitisches Dilemma. Es ist der Zustand einer Volkswirtschaft, den sich die Währungshüter in ihren kühnsten Albträumen nicht auszumalen gedenken. Während einer Deflation mit den oben erwähnten Helikoptern zu begegnen wäre, kann Inflation durch Geldmengenverknappung und Erhöhung des Leitzinses begegnet werden. Letzteres sorgt aber gleichermaßen für eine konjunkturelle Abkühlung. Die US-Wirtschaft erlebt aber momentan nicht nur ihren inneren November, sie ist bereits in einem eiskalten Polarwinter gefangen und droht in den Winterschlaf zu fallen. Daraus zu erwachen dürfte ebenso schwierig werden, wie die „Operation Wiederwahl“ des derzeitigen US-Präsidenten.

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