Freitag , 29 Mai 2020
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Das Pokerspiel der Weltwirtschaft

pokerkartenBis vor wenigen Jahren pflegte James Bond Baccara zu spielen. In „Casino Royal“ durfte der unbesiegbare Filmheld sein Geschick am Pokertisch unter Beweis stellen. Diese beiden Kartenspiele, obwohl in ihrem Aufbau grundverschieden, teilen zwei markante Kriterien: Die Spieler wetten gegeneinander, also nicht gegen das Casino. Dem Gesetz entsprechend, dürfen sowohl Poker- als auch Baccara-Spiele nur in staatlich lizenzierten Casinos ausgetragen werden. Die Gemeinsamkeit mit der Wirtschaft ist in einem wesentlichen Punkt gegeben, der sich wohl am besten als „Haken im Nullsummenspiel“ bezeichnen lässt.

Nullsummenspiel ist ein Begriff der Mathematik bzw. der Spieltheorie und beschreibt Werttransaktionen, bei denen die Summe von Gewinn und Verlust ausnahmslos null beträgt. Zwei Zocker werfen eine Münze und wetten auf den Ausgang. Einer verliert 100 Euro, der andere gewinnt genau diesen Betrag. Nullsummenspiel. Einer der beiden betrügt. Immer noch gleicht sich der Gewinn des einen mit dem Verlust des anderen aus. Sie leihen mir 100 Euro und ich zahle sie morgen zurück. Nullsummenspiel. Sie verlangen 10% Zinsen, verzeichnen also einen Gewinn von 10 Euro, die von mir bezahlt werden. Noch immer gilt der Deal als Nullsummenspiel.

Setzen sich einige Leute gemeinsam an den Spieltisch, so sollte man grundsätzlich davon ausgehen, dass die Summe der Gewinne am Ende des Abends mit der Summe der Verluste korrespondiert. Dem ist jedoch nicht so, wenn das Spiel, dem Gesetz entsprechend, in einem Casino ausgetragen wird. Wenn immer der Bankhalter am Baccara-Tisch gewinnt, kassiert das Haus eine Gebühr von üblicherweise fünf Prozent, Cagnotte genannt. Und genauso wandert von jedem gewonnen Pot am Pokertisch ein Hausanteil, hier nennt man ihn Rake, in den unersättlichen Schlitz am Rande des Tisches. Zwei glückliche Gewinner mögen sich am Heimweg darüber freuen, dass sie gemeinsam 5.000 Euro gewonnen haben. Würden die nicht ganz so glücklichen Teilnehmer ihre Verluste aufaddieren, würden sie feststellen, dass sie – sagen wir – 7.000 Euro an Einbußen erlitten. In der Gewinn/Verlust-Rechnung zeigt sich eine Differenz von 2.000 Euro. Das wäre die Summe der eingehobenen Hausgebühren, die in jedem einzelnen Spiel so harmlos niedrig wirkt. Und würden sich nicht ständig neue Spieler mit neuem Geld an den Pokertisch setzen, wären nach wenigen Tage alle Teilnehmer restlos pleite.

Unterliegen diese Spiele im Casino somit nicht mehr dem Prinzip des Nullsummenspiels? Oh, doch. Das Casino trägt zwar, im Gegensatz zu den Spielern, kein Verlustrisiko, ist aber nicht nur durch das Mischen und Verteilen der Karten, sondern insbesondere durch die Inanspruchnahme einer Gebühr, aktiv am Spiel beteiligt.

Als erster erfolgreicher Betreiber des Spielcasinos von Monte Carlo gilt Francois Blanc (zusammen mit seinem Zwillingsbruder Louis). Der Familienname, auf deutsch übersetzt, bedeutet „Weiß“. Dieser Francois Blanc, der sein Geld zuvor durch Börsenmanipulationen verdiente, soll folgenden Ausspruch im Zusammenhang mit dem Roulettespiel getätigt haben: „Rot gewinnt oft, schwarz gewinnt oft, Weiß (Blanc) gewinnt immer!“

Auch unser Geld- und Wirtschaftssystem basiert auf dem Konzept des Nullsummenspiels, wenn auch durch eine Vielzahl von Verzerrungen höchst kompliziert gestaltet. Geben Sie 20 Euro in der Kneipe aus, dann tragen Sie dazu bei, dass der Wirt, der Bierbrauer, der Kellner und das Finanzamt, das wiederum weiter umverteilt, Gewinne erzielen. Ungeachtet wie kompliziert wirtschaftliche Mechanismen, bis hin zum Derivathandel, auch erscheinen mögen, jeder Euro den jemand verdient, muss von jemand anderem ausgegeben werden.

Dass einige der reichsten Dynastien auf unserem Planeten vom Forbes-Magazin geflissentlich übersehen werden, ist schon lange augenfällig. Doch allein die angeführten 1.210 Milliardäre verfügen zusammen über nicht weniger als 4,5 Billionen Dollar. Woher stammt dieser enorme Privatbesitz? Aus Volksvermögen. Und zwar ungeachtet, ob aus Ihrer Tasche, wenn Sie Ihr Auto tanken oder sich einen neuen Computer kaufen, oder z. B. aus russischem Volksbesitz. Während die Masse der ehemaligen Sowjetbürger ebenso mittellos blieb wie zu Zeiten des Kommunismus, wenn nicht schlimmer, gelang es einigen Auserwählten, Staatsbesitzungen in ihr persönliches Eigentum umzuwandeln. Die Kanäle, durch welche die Werte der Bürger unaufhaltsam abgezogen werden, sind weitgehend verschleiert. Die Ansammlung ungeheuerlicher Kapitalwerte legt gleichzeitig jedoch offen, in welcher Richtung sich die Umverteilung bewegt.

Wenige Tage nach den tragischen Terroranschlägen vom 11. September 2001, forderte der damalige Präsident George W. Bush die Amerikaner in einer Fernsehansprache eindringlich auf, weiterhin Geld auszugeben. Natürlich, hätte die Angst vor der Zukunft zu verbreiteter Sparsamkeit geführt, wäre das Rad der Wirtschaft ins Stocken geraten. Wir alle sind vom Lauf dieses Rades abhängig. Doch gleichzeitig wird bei fast jeder finanziellen Transaktion ein kleiner Anteil abgezogen. Von jedem Euro, den Sie an Steuern bezahlen, wandert ein Teil an das Bankensystem als Zinsleistung für die Staatsverschuldung. Ein Teil wandert an Konzerne in Form von Subventionen. Mit jedem Beitrag an Ihre Krankenversicherung helfen Sie zwar jenen, die gerade eine Behandlung benötigen, doch wo fließen diese Gelder hin? Ärzte und Krankenschwestern verdienen ihren Lebensunterhalt. Doch gleichzeitig werden damit auch die Milliardenprofite der pharmazeutischen Industrie finanziert. Es ist immer nur ein kleiner Anteil. Und trotzdem summieren sich die Groschen zu unsagbaren Vermögen. Nachdem Kapital Ertrag zu bringen hat, das Kapital in seiner Gesamtheit aber bereits zu einem alles verschlingenden Monster angewachsen ist, sind wir an einem Punkt angelangt, an dem es immer schwieriger wird, dessen Hunger zu befriedigen.

An den Pokertischen der Casinos zeigen sich oft die gleichen Gesichter. Es mag einige Spieler geben, die, aufgrund von Spielgeschick, regelmäßige Einnahmen verzeichnen. Mit Sicherheit gewinnen sie jedoch weniger als der Tisch an Rake kassiert. Das Casino erscheint wie eine in sich abgeschlossene Welt. Niemand fragt die Mehrzahl der Spieler, jene, die regelmäßig Einbußen erleiden, wo sie das Geld hernehmen. Sie gehen einer Arbeit nach, betreiben ein Geschäft, geben sich abends dem Nervenkitzel hin – und tragen zur Erhaltung des Casinobetriebes bei.

Wer fragt die Bürger, wo sie das Geld hernehmen, um den über alle Maßen aufgeblasenen Kapitalapparat mitzutragen? Wer regelmäßig Spielverluste erleidet, wird als psychisch krank eingestuft. Natürlich ist er selbst schuld. Er bräuchte ja nicht zu zocken. Doch wie sieht es mit uns aus, im täglichen Leben. Ich brauche das neue Paar Schuhe. Ich kann nicht umhin, die Mehrwertsteuer dafür zu bezahlen, den Anteil an der Miete des Ladens und an den eingehobenen Gewerbesteuern, den Gewinn der Schuhfabrik und des Herstellers der Produktionsmaschinen. Den Anteil am Treibstoff für das Lieferfahrzeug, der wiederum höher liegt als notwendig, weil einige Spekulanten den Rohölpreis auf über 100 Dollar das Fass treiben.

Es hat ja bis jetzt funktioniert, mag so mancher denken. Wir haben schließlich (fast) alle ein Dach über dem Kopf. Wir haben (fast) alle genügend zu essen. Es geht uns doch gar nicht so schlecht. Auch die Spieler am Pokertisch haben (fast) alle einen Stapel Chips vor sich. Der eine oder andere mag jedoch verschwinden, weil er einfach restlos pleite ist. Der eine oder andere mag auch in der Stammkneipe nicht mehr auftauchen, versteckt sich vor seinen Freunden, lebt von Hartz IV. Wie lange mag das Geld wohl noch ausreichen, sich dieser Verlierer des Systems weiterhin anzunehmen?

Findet sich ein Spielcasino mit der Situation konfrontiert, dass allen Kunden das Geld endgültig ausgegangen ist, dann wird es seine Pforten schließen. Die Grube hat es sich, durch Rake, Cagnotte und die Null am Roulettetisch, letztendlich selbst gegraben. Und was wird mit unserer Wirtschaft passieren, wenn die regelmäßig absinkende Kaufkraft noch weiter abnimmt?

Es gab Zeiten, da lebten Menschen noch in ihren eigenen, wenn vielleicht auch bescheidenen, Häusern und nicht auf Miete oder in einem sogenannten Eigenheim, das aber, der Hypothek wegen, eigentlich der Bank gehört. Es gab Zeiten, da gehörten der Gemischtwaren- und der Metzgerladen noch den Nachbarn, die ihr verdientes Geld wieder in der Nachbarschaft ausgaben. Es gab Zeiten, in denen sich die Menschen, wenn Notfälle es erforderten, gegenseitig halfen, anstatt regelmäßig Versicherungsanstalten zu sponsern. Doch ist der Begriff der „guten alten Zeit“ schon lange abgedroschen. Wir lieben den Fortschritt, wir lieben die Früchte, die von weit herkommen. Wir folgen unserem Hirten, von Schäferhunden unterstützt, zur regelmäßigen Schur. Bleibt nur zu hoffen, dass die Wollpreise nicht allzu sehr absinken und es profitabler wäre, das Fleisch zu vermarkten.

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