Freitag , 24 Januar 2020
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Wo sind die Früchte des Fortschritts

metropolisGeschichtsbilder trügen. Es fehlt ihnen an Farbe. Dazu die Vorstellung, ohne elektrischen Strom zu leben, ohne Auto, ohne Computer. Nicht einmal ein Radio unterbrach die grausame Stille – oder so ähnlich, mag sich der moderne Mensch das Leben der Vergangenheit vorstellen. Dazu kommt noch, dass Frauen dazu verdammt waren, sich um Haushalt und Familie zu kümmern. Wer würde heute so leben wollen? Doch eine Frage wirft sich auf, die selten oder nie behandelt wird: Wenn es ohne Technik möglich war, dass eine Familie mit einem Einkommen ihr Auslangen finden konnte, warum müssen heute zwei Menschen erwerbstätig sein, um, in den meisten Fällen, gerade über die Runden zu kommen?

Schon Arthur Schopenhauer hat in seinen „Aphorismen zur Lebensweisheit“ darauf verwiesen, dass Menschen über die wunderbare Eigenschaft verfügen, sich unglaublich rasch an neue Situationen, ungeachtet ob Verbesserung oder Verschlechterung, anzupassen. Reiht sich dazu noch der Faktor der Gewohnheit, kann es durchaus sein, dass untragbare Zustände als Normalfall betrachtet werden. Und wenn es schon normal ist, also der Norm entspricht, dann will man schon gar nicht darüber diskutieren. Obwohl kein Mensch gerne Steuern bezahlt, finden sich viele, die das Steuersystem vehement verteidigen. Obwohl Regierungen den Bürger in mittlerweile unverschämtem Ausmaß bevormunden, finden sich regelässig Verteidiger der einzelnen Regelungen und Gesetze. „Wo kämen wir denn hin, wenn jeder tun und lassen kann, was er will?“ Und fragt man hart arbeitende Menschen, ob sie sich nicht darüber wundern, dass ihre Urgroßväter, zu Zeiten der Handarbeit und Dampfmaschine, mit einem einzigen Einkommen eine ganze Familie ernähren konnten, stößt man leicht auf Antworten, wie: „Ja, aber heute geht es uns doch besser. Wir haben Autos und Waschmaschinen!“

Dienstleistungen werden abgebaut. Man rasiert sich selbst, anstatt morgens den Barbier zu besuchen. Man verwendet die Bohrmaschine, anstatt einen Handwerker zu konsultieren. Maschinen haben einen Großteil der Arbeit übernommen, und Produkte, die wirklich in ihrer Herstellung arbeitsintensiv sind, werden meist importiert. Warum arbeiten Menschen heute mehr als in vergangenen Zeiten? Zumindest, wenn wir vorübergehende Auswüchse, während der Anfänge des Industriezeitalters, beiseite lassen, als besitzlose Menschen mit falschen Versprechungen vom Land in die Fabriken der Städte geholt wurden.

Insbesondere, durch die fortschreitende Globalisierung, ist mittlerweile einzelnen Ländern, durch internationale Verträge an die weltweite Entwicklung gebunden, eine Veränderung der Situation kaum mehr möglich. Es gibt aber eine einfache Rechnung, die erklärt, wohin die Früchte des Fortschritts fließen. Und, um Missverständnis sogleich auszuschließen, das folgende Beispiel ist keineswegs marxistischen Ursprungs und nichts steht mir ferner als Marxismus zu propagieren.

Der Preis eines Produktes setzt sich grundsätzlich aus drei Komponenten zusammen:

  1. Rohmaterialien
  2. Arbeitsleistung
  3. Kapital

Kaufen wir ins ein Stück Pizza in einem Imbissladen, so bezahlen wir für die verarbeiteten Lebensmittel, für die Arbeitsleistung der Herstellung, und gleichzeitig einen Anteil der Lokalmiete. Auch Produkte, deren Preis vorwiegend durch Zwischenhandel erhöht wird, fallen genauso in diese Kategorie. Schließlich beinhaltet die Handelsspanne ebenfalls Arbeitsleistung, Transportkosten und Investitionen.

Um das Rad der Wirtschaft in Gang zu halten, bedarf es Konsumenten. Die überwiegende Mehrzahl von Konsumenten sind Menschen, die das Geld, das sie zum Konsum benötigen, durch Arbeit verdienen. Je bessere ihre Arbeitsleistung nun bezahlt wird, desto mehr Mittel stehen zur Verfügung, Konsumgüter zu erwerben, desto mehr kann produziert beziehungsweise konsumiert werden. Markentestes Kriterium einer Wirtschaftskrise ist der Umstand, dass Menschen gerne mehr kaufen würden, es ihnen aber an Geld fehlt, und dass Betriebe gerne mehr produzieren würden, es aber an Käufern fehlt. Woran es somit mangelt, ist nichts anderes als eine größere Geldmenge. Solange sich die Geldmenge aber nur in Form von Krediten vergrößern lässt, wie wir in unserem Beitrag zu Geldschöpfung bereits berichtet haben, wird ein nennenswerter Teil des zirkulierenden Geldes für fällige Zinsleistungen abgezogen.

Dieses, auf Kredit basierende, Geldwesen, ist dabei ein wesentlicher Faktor, der die Lebensqualität der Bürger eines Landes negativ beeinflusst. Ein weiterer Punkt, ist der Preis für die Arbeitsleistung. Genau hier fallen wir regelmäßig irreführenden Informationen zum Opfer. Im speziellen meine ich damit, das Zitieren von Einkünften, von Stundenlöhnen, entweder aus der Vergangenheit oder aus anderen Ländern, ohne dazu einen Vergleich der Kaufkraft zu nennen. Wird erwähnt, dass in einem bestimmten Land Menschen für zwei Euro pro Tag arbeiten, dann ist diese Information so lange wertlos, bis ich erfahre, was sich in diesem Land mit zwei Euro erwerben lässt. Lerne ich von Stundenlöhnen von 20 Cents in Amerika zur Zeit der Jahrhundertwende, dann will ich gleichzeitig wissen, was damals ein Kilo Fleisch oder ein Glas Bier gekostet hat. Und wenn wir derartige Angaben näher unter die Lupe nehmen, so stellt sich in den meisten Fällen heraus, dass die heutigen Löhne in ihrer Kaufkraft um nichts besser sind als vor hundert Jahren, um nicht zu sagen niedriger.

Die Missinformation in manchen Medienberichten geht sogar so weit, dass steigende Löhne als die Wirtschaft negativ beeinflussend erklärt werden, weil die Preise für den Konsumenten dadurch erhöht werden würden. Es ist der Konsument, der den Lohn empfängt, und somit über mehr Geld zum Konsumieren verfügt.

Der Veranschaulichung wegen, gehen wir von einem vereinheitlichten Rechenbeispiel aus: Nehmen wir an, der Preis von Waren würden sich generell aus einem Drittel für Rohmaterialien, einem Drittel für Arbeit und einem Drittel für die Kapitalbereitstellung zusammensetzen. Erhöhe ich nun alle Löhne um 20 Prozent, wird das Produkt um rund 7 Prozent teurer. Auch wenn dies eine plötzlichen Inflationssprung von 7 Prozent mit sich führen würde, die Kaufkraft des Volkes wäre gleichzeitig um 20 Prozent, inflationsbereinigt um rund 13 Prozent höher. Die Folge wäre ein enormes Wirtschaftswachstum.

Dass es notwendige Mechanismen, u. a. die Höhe des Leitzinssatzes, gibt, um das Wachstum der Wirtschaft stabil zu halten und rasante Sprünge zu vermeiden, ergibt natürlich Sinn. Allerdings, im Vordergrund sollte eigentlich die Lebensqualität der Bürger stehen. Erst wenn diese auf ein allgemein angenehmes Maß angestiegen ist, sollte ein weiteres Wachstum gebremst werden. Solange ein Durchschnittsverdiener, trotz regelmäßiger Arbeit, nicht viel besser dran ist als ein Hartz-IV-Empfänger, sollte ein grundsätzliches Anheben der Einkommen, und zwar um gut die Hälfte, das erste aller Ziele sein.

So wie bei der Staatsverschuldung, so zeigt sich auch bei der Arbeitslosenrate eine bemerkenswerte internationale Parallele. Die Pro-Kopf-Verschuldung beträgt in praktisch allen Ländern der westlichen Welt zwischen 10.000 und 20.000 Euro. Und die Arbeitslosenrate liegt überall bei etwa 10 Prozent. Findet sich wirklich kein Land, das hier zu einer Lösung fähig wäre? Oder geht es darum, dem Arbeitnehmer, also der überwiegenden Mehrheit des Volkes, die Hoffnung auf ein besseres Einkommen oder zumindest bessere Arbeitsbedingungen zu nehmen? „Sei froh, dass du einen Job hast. Was fällt dir ein, nach mehr Geld zu fragen?“

Wie schon erwähnt, die wenigen Bürger, die noch selbständig erwerbstätig sind, würden durch höhere Personalkosten absolut keinen Schaden davon tragen, wenn gleichzeitig die Kaufkraft und damit die Umsätze steigen. (Voraussetzung wäre natürlich, dass nicht nur Arbeitnehmer in mittelständischen Betrieben höhere Löhne erhalten, sondern alle!).

Wie einfach sich doch manches Problem lösen ließe, wenn nicht höher geordnete Interessen sich dagegen stellen würden. Wie rasch gäbe es mehr Arbeitsplätze, wenn Tankstellen mit Service – zur Arbeitsplatzbeschaffung – eine ganz leichte Steuerermäßigung genießen würden? Wie viele Arbeitsplätze würden geschaffen werden, wenn in Supermärkten mehr Kassiere arbeiten würden, anstatt die Kunden Schlange stehen zu lassen? Und wenn in einer Familie schon zwei Menschen einem Beruf nachgehen, dann ließe es sich doch wieder populärer machen, die lästige Hausarbeit einer Angestellten zu überlassen. Wandern nicht ohnehin regelmäßig neue Arbeitskräfte zu?

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