Montag , 20 Januar 2020
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Beton für Ölplattform – Ende des Nationalparks Wattenmeer?

bohrinsel_mittelplate_1Müssen 45.000 m² Watt aus wirtschaftlichen Gründen betoniert werden? Oder steht die Ölförderung vor Deutschlands Küsten vor dem Aus? Schon Mitte des 20. Jahrhunderts wurde Öl vor der deutschen Küste vermutet. Probebohrungen in den 1960ern führten jedoch erst einmal zur Ernüchterung: Die vermuteten Mengen schienen wirtschaftlich nicht relevant. Erst die Ölkrisen 1973 und 1979 veranlassten Geologen, tiefer zu bohren: In den Dogger-Sandschichten vor Friedrichskoog wurden sie in 2000 bis 3000 Metern Tiefe fündig. Die geschätzte Fördermenge schien rentabel genug, um 1985 mit dem Bau der Bohrinsel Mittelplate zu beginnen. Seit Produktionsbeginn 1987 förderte das Konsortium Mittelplate 25 Millionen Tonnen Öl. Das Ölfeld gilt als das größte deutsche Erdölvorkommen und zudem das einzige Erdölförderprojekt vor deutschen Küsten.

Dass dieses Prestigeprojekt äußerst sensibel gehandhabt werden musste, war den Anteilseignern RWE Dea und WINTERSHALL von vorne herein klar: Mittelplate liegt inmitten des 1985 gegründeten Nationalparks Wattenmeer Schleswig-Holstein, dessen Ziel es war und ist, die Salzwiesen besser zu schützen, sowie das Verbot der Jagd auf rastende Wasservögel und die Bestandserholung von Seehunden und Kegelrobben durchzusetzen. Das Projekt genießt breite Zustimmung der Öffentlichkeit für den Schutz, 2009 wurde der Nationalpark gemeinsam mit dem niedersächsischen und dem niederländischen Wattenmeer als UNESCO – Weltnaturerbe anerkannt.

Will man den Veröffentlichungen des Konsortiums Glauben schenken, wird mit Hilfe ausgeklügelter Technik alles Menschenmögliche getan, um angesichts der besonderen Bedingungen im sensiblen Wattenmeer-Fördergebiet speziell auf die umweltschonende Offshore-Förderung zurückzugreifen. „Sie gewährleistet seit Jahren eine sichere und umweltverträgliche Rohstoffgewinnung unter allen Naturbedingungen. Der Grundsatz des Nationalparkgesetzes, Nutzen und Schutz des Wattenmeers aufeinander abzustimmen, wird dabei zu jeder Zeit beachtet.“ Im Falle Mittelplate bedeutet dies, dass das Öl seit 2005 nicht mehr mit Öl-Transport-Leichtern nach Brunsbüttel verfrachtet wird, sondern über eine 10 km lange Pipeline durch das Watt nach Friedrichskoog und weiter nach Dieksand gepumpt wird. Seinerzeit wurden Bedenken gegen die Röhre, die mitten durch die höchste Schutzzone des Nationalparks verläuft, mit der Argumentation, „eine unterirdische Pipeline sei umweltschonender als der Transport mit Schiffen“ zerstreut.

Seit Mitte 2000 ergänzen High-Tech-Bohrungen die Ölförderung auch von Land, also onshore. „Mit den weit abgelenkten Bohrungen lässt sich der östliche Teil des Ölvorkommens erreichen und für eine Förderung nutzbar machen. Das geförderte Öl wird in der Landstation Dieksand aufbereitet und dann über Rohrleitungen nach Brunsbüttel zur dortigen Weiterleitung an die Abnehmer transportiert“, wie einer Pressemitteilung des Konsortiums zu entnehmen ist. Weiter wird darauf hingewiesen, dass die Förderinsel Mittelplate einschließlich ihrer Befestigung lediglich eine Fläche von knapp 0,02 km² in Anspruch nimmt. Das gesamte Schleswig-Holsteinische Wattenmeer umfasst 4.415 km². „Mittelplate ist mit nur 70 x 95 Meter relativ schmal. Sie wird durch eine Spundwand gesichert, die zum offenen Meer hin elf Meter hoch ist. Die nach gründlichen hydrographischen, strömungstechnischen und meteorologischen Untersuchungen gewählte Konstruktion bietet auch im rauen Watt optimale Standfestigkeit, selbst gegen Sturmfluten und Eisgang.“

Die Realität beschreibt eine andere Situation: „Bereits seit 2003 ist bekannt, dass der wandernde Priel Trischenflinge zum Problem für die Öl-Insel werde. Trotzdem hat RWE Dea erst 2007 das niedersächsische Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) informiert – mit dem Ziel, den Kolkschutz nachträglich zu legitimieren“, wettert Hans-Ulrich Rösler, Leiter des Wattenmeerbüros der Umweltstiftung WWF in Husum. Der Grund für die verspätete Information nimmt gewaltige Dimensionen an: Es geht um eine Fläche von 45.000 m² im Wattenmeer, die mit Beton, Mörtel und Vlies befestigt werden muss. Bildlich gesprochen: Mehr als 10 Fußballfelder. Dass dies ein massiver Eingriff in die Natur ist, räumt selbst RWE Dea ein: “Die natürliche Dynamik, die unter anderem für die Verlagerung des Priels verantwortlich ist, wird durch den Kolkschutz beeinträchtigt.” Als Ausgleich sollen deshalb “strukturverbessernde Maßnahmen auf 54 Hektar Salzwiesen vor Friedrichskoog durchgeführt werden.”

Vier der acht beantragten Hektar wurden seit 2006 bereits überbaut, obwohl das Planfeststellungsverfahren für die Maßnahme noch läuft. Rösner: “Mir fällt kein anderer Fall ein, bei dem so frech mit Genehmigungsbestimmungen umgegangen wurde.” Naturschutzverbände haben in 28 förmlichen Einwendungen Bedenken gegen die Pläne des Hamburger Konzerns geäußert. Ob auf diese Einwendungen Rücksicht genommen wird, ist mehr als fraglich: RWE Dea , konkurrenzlos fest im Sattel, weist immer wieder auf die wirtschaftliche Bedeutung der Bohrungen hin: “Es geht um das größte deutsche Erdölfeld. 60 Prozent der deutschen Erdölproduktion kommen von dort, und die Förderabgabe brachte dem Land Schleswig-Holstein im vergangenen Jahr 79 Millionen Euro.”  Zudem wurde vor kurzem, auf Geheiß des schleswig-holsteinischen Wirtschaftsministeriums, die Konzession um 30 Jahre verlängert. Dass es dabei nicht bleibt, befürchtet auch Johann Waller, Vorsitzender der Schutzstation Wattenmeer: “Selbst eine von RWE Dea geplante Ausweitung der Ölförderung mit Bohrungen außerhalb der Mittelplate wurde von der Landesregierung noch nicht ausgeschlossen”.

Der Husumer WWF-Chef Rösner hofft, dass das Geologieamt trotz dieser Zahlen “sorgfältig” mit den Bedenken gegen die Pläne von RWE umgeht. Die technischen Errungenschaften gaben der Menschheit ein gigantisches Machtinstrument in die Hand, um Profite zu erzielen – die charakterliche Reife, dieses Instrument bedienen zu können, blieb ihr bisher weitgehend verwehrt.

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