Dienstag , 7 April 2020
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Was wäre Europa ohne Golfstrom?

montmerency_fallsWie uns der italienische Physiker Dr. Gianluigi Zangari kürzlich wissen ließ, melden Organisationen wie NOAA (die Wetter- und Ozeanographiebehörde der USA) eine „beträchtliche Abnahme“ des Golfstroms. Auch wenn die Frage, ob der diesjährige Kälteeinbruch damit in Zusammenhang stehen könnte, noch nicht beantwortet werden kann, so möchten wir trotzdem daran erinnern, wie weit nördlich Europa auf der Weltkarte liegt. Montreal liegt am selben Breitengrad wie Mailand. Hamburg liegt nördlicher als die Hauptstadt von Labrador!

Das kürzlich über große Teile Europas hereingebrochene Schneechaos ließ Kanadier bloß milde lächeln. Am Flughafen von Montreal stehen fast 100 riesige Räumgeräte zur Verfügung. Ungeachtet der Schneemenge, in längstens 15 Minuten ist die Landebahn gesäubert. Und wie der Schnee aus den Straßen „abgesaugt“ und auf LKWs verfrachtet wird, zeigt das folgende kurze Video. Wenn die Situation es erfordert, sind die Maschinen und Fahrzeuge 24 Stunden pro Tag im Einsatz:

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Es gilt als allgemein akzeptiert, dass der Golfstrom warme Wassermassen aus der Karibik, über den Golf von Mexiko und danach quer über den Atlantik, nach Europa befördert und somit für das relativ milde Klima verantwortlich ist. Ob die Winter in Mailand ohne Golfstrom wirklich so extrem kalt wären wie in Montreal, darüber lässt sich bestenfalls spekulieren. Kälter wäre es mit Sicherheit. Doch stellen wir den Vergleich einmal weiter nördlich, mit deutschen Städten, an. Auf welchem Breitengrad liegt München? Am 48. – und verfolgen wir diesen bis nach Kanada, so stoßen wir u. a. auf eine Stadt namens Chicoutimi, westlich des Sankt Lawrence Stroms und rund 200 km nördlich der Stadt Quebec gelegen. Zur Zeit herrschen dort ähnliche Temperaturen wie in München, zwischen 0 und -14°C. So richtig kalt wird’s erst im Januar. Die Durchschnittstemperatur beträgt – 16,8°C und oft genug sinken die Werte auf unter -20 oder gar -30°C.

Auf der folgenden Graphik haben wir Deutschland maßstabgetreu und nach den Breitengraden ausgerichtet nach Nordamerika verlagert, um zu verdeutlichen, wie hoch im Norden unser Land gelegen ist.

canada_deutschland

Labrador City liegt knapp südlich des 53. Breitengrades, etwa auf der gleichen Höhe wie Bremen und südlich von Hamburg. Die durchschnittlichen Tageshöchstwerte betragen in Hamburg im Januar 3,5°C, in Labrador City hingegen nur -17°C. Während an der Elbe die Quecksilbersäule im Normalfall auch nächtens nur knapp unter den Gefrierpunkt absinkt, zeigt die Statistik für Labrador City -28,4°C als Durchschnitt. Die kältesten Nächte liegen dort bei -40°C.

Wie sehr der Golfstrom, weiter nördlich Nordatlantikstrom genannt, wirklich abgenommen hat, wird sich während der nächsten Wochen zeigen. Auch sind die in Europa milderen Temperaturen vermutlich nicht ausschließlich auf die warmen Meeresströmungen zurück zu führen. Trotzdem erinnern die derzeitigen Wetterbedingungen deutlich daran, dass nicht der bewohnte Teil Kanadas im Hohen Norden liegt, sondern Deutschland. Und die seit vorigem Winter zu beobachtenden Kälteeinbrüche könnten sich fortsetzen. Nachdem ich selbst lange genug in Kanada lebe, kann ich aus Erfahrung berichten, dass es bloß einige Jahre dauert, sich daran zu gewöhnen. Die gesteigerten Umsätze in der Bekleidungsbranche kurbeln jetztendlich sogar noch die Wirtschaft an. Nach weiteren zwei oder drei Wintern dieser Art, werden sich hoffentlich auch die städtische Schneeräumdienste auf die neuen Anforderungen einstellen.

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Ein Kommentar

  1. Friedhelm Stuckenschmidt

    @Konrad Hausener, vielen Dank für diesen interessanten Bericht. Der ist schon 8 Jahre alt, aber noch immer aktuell, zumal jetzt im Frühjahr 2018 eine Studie belegt, dass der Golfstrom tatsächlich schwächelt. Paradox:
    Während es auf der Welt jedes Jahr wärmer wird (2017 und 2016 waren die wärmsten Jahre auf dem Globus), gehen die durchschnittlichen Jahrestemperaturen in Deutschland seit 2014 seither jedes Jahr zurück. 2014 war das bisher wärmste Jahr in Deutschland, auch die Hitzewellen 2015 und 2003 ändern nichts daran: die Rangfolge sieht derzeit so aus: 2014 auf Platz 1, dahiner 2015, 2016 und 2017, gemeinsam mit 1934. Ob die Jahrestemperaturen im Schnitt tatsächlich abnehmen, bleibt abzuwarten. Sollte sich der Trend 2018, 2019, 2020. etc. fortsatzen, würde das zu denken geben.
    https://de.statista.com/statistik/daten/studie/164050/umfrage/waermste-jahre-in-deutschland-nach-durchschnittstemperatur/

    Die Winter sind in den letzten Jahren tatsächlich frostiger geworden, 2016 und 2017 gabs sogar noch Ende April Frost. Dieses Jahr das totale Gegenteil.
    Wenn wir jetzt noch mildere Somme bekommen würden mit weniger Hitzretagen, dann wäre das ein untrügliches Zeichen für ein Nachlassen des Golfstroms.

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