Mittwoch , 5 August 2020
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Stell Dir vor es ist Fußball und eine ganze Stadt steht Kopf

hsv_st_pauli_derbyAm Sonntag ist es wieder soweit: Derby-Zeit in der Hansestadt Hamburg. Nun, solche Fußballspiele sind in der Bundesliga doch nichts Besonderes, zumal man die Mutter aller Derbys hat: FC Schalke 04 vs. Borussia Dortmund. Doch dieses Spiel ist für die Stadt und die Region wirklich etwas ganz Besonderes. Warum, wird sich der nicht so fußballaffine Leser jetzt fragen? Diese Frage ist in einem Satz nicht zu beantworten, aber lassen sie es mich trotzdem versuchen: St. Pauli ist eben St. Pauli und der HSV der HSV.

St. Pauli: Es handelt sich hier um einen kleinen Hamburger-Stadtteil, der die Frechheit besitzt nun auch im Oberhaus des deutschen Fußballs zu spielen. Damit aber nicht genug, denn dieser Verein, und auch der Stadtteil, fordert nun den nordisch unterkühlten „großen“ Hamburger Sport Verein heraus. Es treffen die feinen Hamburger-Kaufleute, mit ihren großen, wenngleich auch lange zurückliegenden Erfolgen, auf eine Mannschaft, die von sich selbst sagt sie seien Freibeuter.

Diese ganz besondere Situation spaltet nun die Stadt. Es geht hier bei weitem nicht um nur zwei Fußballclubs, nein hier geht es um Lebensphilosophie. Da haben wir auf der einen Seite St. Pauli, mit seinem Rotlicht-Milieu, wo man das Astra aus der Pulle trinkt. Eine Fankultur, deren Macht selbst der Verein schon des Öfteren zu spüren bekam. Wenn diese Fans etwas nicht wollen, dann wird es aber mal ganz schwer für den Club dieses durchzusetzen. Hier mischen sich Ärzte mit Hartz IV Empfängern, Unternehmensberater mit dem Malocher im Hafen. Im Stadion sind sie dann alle gleich und begleiten singend, zu Hells Bells (einmalig in der Fußball-Bundesliga), ihre 11 Freibeuter aufs Spielfeld. Wer bei St. Pauli die großen Stars sucht, der wird leider enttäuscht. Hier ist jemand ganz anderes der Star: Der Stadtteil.

Das sieht bei den Rothosen, wie der HSV von seinen Anhängern genannt wird, ganz anders aus. Der HSV hat Jahr für Jahr den Anspruch um die Deutsche Meisterschaft mit zuspielen, dementsprechend herrscht dort eine ganz andere Transferpolitik. Beim HSV zählen nur große Namen, der aktuelle Superstar ist Ruud van Nistelrooy. Hier erwartet der Fan einfach große und spektakuläre Transfers und verknüpft eine sehr hohe Erwartungshaltung daran. Der HSV will der „Weltverein“ sein und das wollen seine Fans auch sehen. Der HSV ist vornehm, wie es sich für Hamburger-Kaufleute eben gehört. Im Stadion gibt es einen Familien-Block und das Vereinslied erscheint als Karaokeversion auf der Videoleinwand. Natürlich hat der Verein auch eine sehr stolze und gewachsene Fankultur, aber die haben es zum Teil sehr schwer das ganze Stadion mitzureißen. Das Publikum ist kritisch und mehr oder weniger erfolgsverwöhnt.

Der HSV muss einfach abliefern, dass erwarten die Zuschauer. Die Spieler und in der letzten Zeit auch zahlreiche Trainer sind sich dieser Aufgabe nicht immer bewusst. Die Fans tragen die Raute, das Vereinssymbol, im Herzen und verlangen diese Leidenschaft auch von ihrer Mannschaft. Das war jetzt doch nicht ganz in einem Satz, wie sich die Situation aktuell in Hamburg darstellt.

Heute ist Freitag und beide Lager bereiten sich auf den Sonntag vor. Es gibt wenige, die das Spiel an sich aus den Augen verlieren und mit Gewaltaktion aufwarten. Ich hoffe es wird friedlich sportlich verlaufen.

Das Derby beschäftigt natürlich auch die Hamburger Öffentlichkeit. Die Gazetten sind voll von Vergleichen der einzelnen Spieler. Fragen wie zum Beispiel: Schafft es der Kleine gegen den Großen, werden im Vorfeld dieses Spiels zig-fach gestellt und so schön nicht beantwortet. Jeder der auch nur im Ansatz mal etwas mit den beiden Vereinen zu tun hatte meldet sich zu Wort. Aber auch in den Büros, in den Fabriken und wo sonst auch immer, wird über das Derby gesprochen und jeder hat eine Meinung, wenn er denn Fußball-Fan ist. Die anderen, also die sich nicht für diesen Sport interessieren, die haben es richtig schwer, denn sie müssen sich für ein Lager entscheiden ob sie wollen oder nicht.

Ein Derby, egal in welcher Stadt, ist sicher kein kulturelles Ereignis ähnlich den Wagner-Festspielen in Bayreuth, aber dennoch bringt es eine ganze Region in Bewegung. Das ist auch gut so, denn in der Bewegung liegt die Kraft. (Zitat Fanta 4).

Sonntag um 17:15 hat das ganze Spekulieren ein Ende und wir haben ein Ergebnis – hoffentlich kein Unentschieden, das ist kein Fisch und kein Fleisch – und es geht sofort wieder von vorne los, denn das Schöne ist ja: Es gibt ein Rückspiel! Also Schluss der vielen Worte, sollen die Jungs doch Sonntag zeigen was sie drauf haben. Mir persönlich ist es nämlich völlig egal, denn mein Fußball-Herz schlägt seit 36 Jahren für einen anderen Club und ich bin nur im „Exil“ in Hamburg.

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