Montag , 30 März 2020
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Experte oder Selbstdarsteller

thilo sarrazin 2009Ich muss gleich einmal vorausschicken, dass ich schlicht vom Standpunkt des gesunden Menschenverstandes ausgehe. Und wenn ich mir Kritik am Expertentum erlaube, dann möchte ich auch feststellen, dass es mit Sicherheit Fachleute gibt, die wissen was sie tun oder empfehlen. Werfen wir allerdings einen Blick auf die Entwicklung unserer Gesellschaft, so müssen wir leider feststellen, dass viele Ratschläge unserer Experten keineswegs erstrebenswerte Früchte mit sich bringen. Ungeachtet, ob im Bereich Finanzen, Zusammenleben, Kindererziehung oder Bildung.

Bei Wikipedia lautet die Definition folgendermaßen:

Experte, von lateinisch expertus ‚erprobt‘, (auch Fachmann/Fachfrau, Pl. Fachleute , Fach- oder Sachkundiger, Spezialist) ist ein Schlagwort und bezeichnet als solches eine Person, die über überdurchschnittlich umfangreiches Wissen auf einem Fachgebiet oder mehreren bestimmten Sacherschließungen oder über spezielle Fähigkeiten verfügt, oder der diese Eigenschaften zugeschrieben werden.

Und weiter:

Schlüsseleigenschaften von Experten sind (nach Chi, Glaser und Farr 1988):

  1. Sie erkennen große Bedeutungszusammenhänge.

  2. Sie arbeiten schneller und machen weniger Fehler.

  3. Sie haben ein besseres Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis.

  4. Sie achten mehr auf Strukturen als auf oberflächliche Eigenschaften.

  5. Sie verwenden viel Zeit auf qualitative Analysen.

  6. Sie können ihre eigenen Fähigkeiten und Leistungen richtig beurteilen.

Nun ist der Leser wohl ausgiebig darüber aufgeklärt, was wir unter einem Experten zu verstehen haben. Personen, denen man nach dieser Beschreibung zutrauen sollte, ihr Fachgebiet tiefreichend zu verstehen.

Ganz besonders viele Experten gibt es im Finanzsektor. Zweifellos ist es gerade in diesem Sektor lukrativ, bestimmte Entwicklungen durch ein „Expertenurteil“ zu rechtfertigen. Und was wurde uns nicht alles erzählt, als es darum ging, den Euro einzuführen. Da wurde vorgerechnet, dass es durchaus positiv ist, die südeuropäischen Staaten, deren Einwohner gewiss eine andere Mentalität pflegen, mit der gleichen Währung auszustatten wie die „Streberstaaten” in Mitteleuropa. Wer die Entwicklung in Griechenland verfolgt, muss wohl zu dem Schluss kommen, dass sich hier ein Denkfehler eingestellt haben könnte, weit weg von den Ausführungen bei Wikipedia.

Boshaft könnte gesagt werden, dass „Bauernschläue“ wohl zu einem besseren Resultat geführt hätte als Expertenmeinungen. Solche hätte den Braten wohl gerochen und manche Länder nicht unter den gemeinsamen Schirm geholt.

Viel mehr ließe sich im Finanzbereich noch hinzufügen, bis hin zu einem Geldsystem, das durch Zins und Zinseszins regelmäßig mehr Schulden produziert als Geld vorhanden ist. Der „gesunde Menschenverstand“ hätte von Anfang an bemerkt, dass diese Rechnung nicht aufgehen kann. Experten haben es anders gesehen. Was dabei herauskam, lesen wir täglich in den Zeitungen. Und all zu viele Menschen spüren die Folgen am eigenen Leib. Auch wenn immer wieder Statistiken auftauchen, die zu beschönigen versuchen.

Es geht mir jedoch nicht bloß um die Finanzkrise. Ich denke über die Situation im Allgemeinen nach. Besonders viele Experten gibt es auch auf dem Gebiet der Partner- und Lebensberatung. Unzählige Bücher weisen uns den Weg ins harmonische Lebensglück. Experten auf dem Gebiet der Sexualität erklären uns genau wie er und sie es am liebsten haben, welche Techniken am besten zum Ziel führen, und welche Fehler zu vermeiden sind.

Seltsamerweise schlagen sich auch diese Ratschläge, wie Statistiken zeigen, nicht positiv nieder. Eheschließungen werden immer seltener, Scheidungsanwälte klagen nicht über Kundenmangel, und was Beziehungen ohne Trauschein betrifft, so sind es auch sehr wenige, die angeben, in glücklicher Harmonie zu leben.

Dann wissen wir auch noch vom ständig steigenden Verbrauch von Psychopharmaka. Wo waren die Experten, die rechtzeitig hätten erkennen sollen, wohin uns der moderne Lebensstil führt? Wo sind die Vorschläge, um Stress im Berufsleben abzubauen? Vorschläge,  die an Lebensziele erinnern, die nicht von immer schwieriger finanzierbarem Konsumglück abhängen?

Ein wahres Heer von Experten gibt es bei uns in Österreich auf dem Gebiet der Bildung. Alle wissen sie genau, was gemacht werden muss, um unsere Schüler zu Top ausgebildeten jungen Menschen zu machen. Sonderbar ist jedoch, dass sich, wie diverse Leistungsvergleiche immer wieder zeigen, das Niveau unserer Schüler schön langsam dem der Entwicklungsländer nähert. Brauchen die Experten vielleicht Ratschläge von anderen Experten?

Nicht vergessen will ich auf die Experten bei der Kindererziehung. Pädagogen weisen uns den Weg, wie Kinder zu glücklichen, lebensbejahenden Menschen herangezogen werden. Oje, was lese ich da? „Österreichs Jugend Weltmeister im Komasaufen.“ Auf so einen Titel würde ein Land wohl liebend gerne verzichten.

Es gibt auch Statistiken die ausweisen, dass immer mehr Kinder kriminelle Taten verüben. Auch in diesem Fall muss sich ein Expertenfehler eingeschlichen haben.

Nach dem Lesen dieser Tatsachen könnte direkt das Gefühl aufkommen, dass viele Experten gar keine sind, sondern eher in das Gebiet der Selbstdarsteller einzuordnen sind. Ist alles „nur Makulatur”, können sie sich die Weisheiten „auf den Hut stecken”, denn es entsteht der Eindruck, die wollen uns ohnehin nur „an der Nase herumführen”! Wissen die Experten von was sie reden oder ist es so, wie der österreichische Possenschreiber Johann Nestroy einst sagte: “Der Fortschritt schaut meist größer aus, als er ist“?

Insbesondere die neuesten Nachrichten erhärten jedoch einen ganz bestimmten Verdacht. Nachdem es genügend intelligente Menschen auf unserer Welt gibt, sollte es doch Fachleute geben, denen es nicht an „gesundem Hausverstand“ fehlt. Könnte es vielleicht sein, dass die Finanzmacht hier eingreift, und überwiegend jene Experten zu Wort kommen lässt, die in eine vorgegebene Richtung weisen? Erinnern wir uns an die Ausführungen bei Wikipedia, so sollte ein ausgebildeter Volkswirt mit Erfahrung in Politik und Bankenwesen eigentlich als Experte respektiert werden. Schreibt Thilo Sarrazin jedoch ein Buch, dessen Titel schon sagt: „Der Euro hat Europa destabilisiert“, fallen die Kritiker über ihn her, noch bevor das Buch überhaupt erhältlich ist.

Also, vermutlich darf der Fehler nicht dem „Expertentum“ als solches vorgeworfen werden, sondern bloß jenen Individuen, die ihre Expertisen, gegen gutes Honorar, dem Auftrag entsprechend erstellen. Und wie sollen wir, die Bürger, nun erkennen, ob ein Expertenurteil es verdient, respektiert zu werden? Dazu fällt mir bloß ein einziger Vorschlag ein: Mitdenken!

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