Dienstag , 4 August 2020
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Keine Morgendämmerung in Davos – Ein Nachblick

world economic forum Nach ihrer Wahl zur Bundeskanzlerin stellte Frau Merkel fest, dass die Mehrheit der Bevölkerung mittlerweile den Kapitalismus ablehne. Ein wohl noch größerer Teil der Bevölkerung hat sich aus politischen Auseinandersetzungen um den Werdegang der deutschen Gesellschaft ganz zurückgezogen. Sie erhoffen sich keine Verbesserung ihrer Lage mehr, egal von wem sie gerade regiert werden. Vermutlich handelt es sich hierbei hauptsächlich um Prekariat und Proletariat. Ihnen kann aufgrund der täglichen Erfahrung mit Arbeitsamt und Arbeitswelt niemand mehr etwas vormachen über die Wirklichkeit im Lande. Die schöne heile Kapitalismus-Welt der Medien, Politiker und Wissenschaftler kommt dort nicht mehr an.

Zu der wirtschaftlichen Krise, die nun schon seit 2007 wütet, gesellt sich zunehmend auch die politische Krise in Form einer Legitimationskrise. Je länger die wirtschaftliche dauert und je größere Teile der Bevölkerung von ihr erfasst oder bedroht werden, umso mehr rücken selbst die Kerntruppen des Kapitalismus von ihm ab, der Mittelstand und das akademisch gebildete Milieu. Nicht dass sie den Glauben an den Kapitalismus verloren hätten, aber massiver Arbeitsplatzabbau und die Aussicht auf langjähriges Praktikariat zehren an der Zuversicht. (2011 stellte OECD fest, dass seit 2007 weltweit 13 Millionen Arbeitsplätze vernichtet wurden, andere Quellen sprechen sogar von 20 Mio.).Die alten Glaubenssätze der Perspektive in guter Ausbildung verlieren an Überzeugungskraft und Wahrheitsgehalt.

Der Gipfel der Verunsicherung kommt von den Gipfeln von Davos. Hier traf sich am Wochenende die Elite des Kapitalismus, um sich weitab vom Tagesgeschäft der Krisengipfel und Brandbekämpfung der Diskussion um seine Perspektiven zu widmen. Die Veranstalter hatten das Thema gesetzt, sodass ihm keiner ausweichen konnte: Das System passt in seiner heutigen Form nicht mehr in diese Welt. Wohlgemerkt, hier traf sich keine kommunistische Internationale, sondern die kapitalistische. Auch das Thema war nicht zu verstehen als Abgesang auf den Kapitalismus sondern als Suche nach neuem Aufbruch. Die Fragestellung war, wie Kapitalismus gestaltet werden könne, dass er wieder in die heutige Welt passe, unter veränderten Bedingungen wieder neues Ansehen gewinne. Es ging also um seine Verbesserung, um neue Legitimation und Akzeptanz in weiten Teilen der Bevölkerung. Es sollten neue und einleuchtende Argumente gefunden werden für den Kapitalismus, neue Weltbilder zu seiner Verteidigung.

Der Gipfel ging ohne große Erklärungen zu Ende. Der Abstieg von den Gipfeln der Erkenntnissuche ins Tal des Alltagslebens war beschwerlich. Man ging ihn still, den Weg. Das Ergebnis war ernüchternd. Selbst die Führungskräfte konnten nichts mehr an ihm finden, womit sie hätten Begeisterung verbreiten können. Niemand braucht die Enttäuschung über dieses Ergebnis, aber auch die eigene Ratlosigkeit bissiger zum Ausdruck als der Kommentar der Frankfurter Allgemeine Zeitung vom Tage danach. „Teile der westlichen Weltelite des Kapitals leiden offenbar schmerzlich am Kapitalismus“. Verbittert beschimpfte sie der FAZ als Heuchler und Feiglinge, die sich der Occupy-Bewegung wenn nicht unterwürfen so doch anbiederten. Manager und Banker ertrügen „das kapitalistische Wirtschaftssystem nur noch, weil man kein besseres hat“.

Welch ein Verriss! Aber trotz allem Schaum vor dem Maul kommt die FAZ um eine Tatsache nicht herum. Selbst den höchsten Vertretern des Kapitalismus fällt offensichtlich nichts Überzeugendes mehr ein, womit man die Bevölkerung der Industrienationen noch innerlich an ihn binden könnte. Die Vorgabe von Frau Merkel ist nicht nur nicht erfüllt worden, sondern in noch weitere Ferne gerückt. Wenn schon die größten Nutznießer des herrschenden Wirtschaftssystems ihm nichts mehr abgewinnen können außer dem materiellen Vorteil, den sie daraus ziehen, wie will man dann noch die gewinnen, die auf Grund von Arbeitslosigkeit und Verarmung nicht einmal diesen Vorteil für sich feststellen können?

Und auch die FAZ konnte nur geifern, aber selbst nichts beitragen zur Sinnfindung außer den Verdiensten des Kapitalismus in der Vergangenheit und der Vermutung, dass in anderen Gegenden der Welt die Menschen froh wären, wenn sie ihn hätten. Aber das ist doch eine recht fettarme Suppe. Die Menschen in den Industrienationen werden nicht satt von der Vergangenheit, sie wollen Zukunft haben, freundlichen Ausblick in eine sympathische Welt mit erstrebenswerten Aufgaben und Zielen. Trägt der Kapitalismus diese Zukunft noch in sich? In Davos war davon jedenfalls nichts zu sehen und zu spüren.

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