Dienstag , 20 August 2019
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Offener Brief an Herrn Wulff

offener_brief_wulffGuten Tag Herr Wulff,

ich hoffe, diese Zeilen erreichen Sie noch rechtzeitig, bevor Sie unseren öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten das über alle Medien angekündigte „Erklärungs-Interview“ geben. Warum mich diese Hoffnung treibt, möchte ich Ihnen gerne erklären, auch auf die Gefahr hin, dass sie mich nach der Lektüre dieser Zeilen nicht mehr mögen. Das beruht dann aber auf Gegenseitigkeit, also kann ich damit leben.

Als Ihr persönlicher Amtsvorgänger im Jahr 2010 das Handtuch geworfen hat und es darum ging einen neuen Bundespräsidenten zu wählen, hätte ich ihrem Gegenkandidaten Gauck meine Stimme gegeben, sofern mich irgendjemand zur Bundesversammlung eingeladen hätte. Das war leider nicht der Fall und so konnte ich nur untätig mitverfolgen, wie es die „Opposition“ versäumt hat, bereits im ersten Wahlgang den Deckel zuzumachen und den „Bundespräsidenten der Herzen“ auch zum Amtsträger zu ernennen. Aber damit muss man als demokratischer Mensch umgehen können und so habe ich mich eben mit der finalen Situation abgefunden. Soviel also zu unserer gemeinsamen Vorgeschichte.

Die Tatsache, dass sich Politiker, egal welcher Couleur oder welcher Ranghöhe, hin und wieder einen kleinen Vorteil verschaffen ist für mich keine neue Erkenntnis. In Ihrem ganz speziellen Fall war es ja nicht einmal die Entgegennahme von Bargeld, sondern „nur“ die unzweifelhaft extrem günstige Beschaffung eines Kredites. Wer kann dazu schon Nein sagen. Ich nehme mich da persönlich nicht aus, was übrigens einer der Hauptgründe ist, warum ich mich bis zum heutigen Tag aus politischen Parteien herausgehalten habe und auch für die Zukunft keine politische Karriere in meine Lebensplanung einbeziehe. Als Privatperson finde ich es allerdings durchaus legitim, das als Vitamin-B bekannte Hilfsmittel an strategisch günstigen Stellen einzusetzen.

Gewundert hat es mich schon ein wenig, dass ein Privat-Kredit ans Licht der Öffentlichkeit kommt, aber auch darüber konnte ich nur müde lächeln, da ich annehme, dass wahrscheinlich 99,7% ihrer Politiker-Kollegen ebenfalls eine solche „Leiche“ im Keller liegen haben, die nur noch nicht ausgegraben wurde. Weniger witzig fand ich dann jedoch, dass Sie nach der Aufdeckung mit der unschönen Salami-Taktik ans Werk gegangen sind. Krisenmanagement sieht für mich anders aus und um es mal mit ganz klaren Worten zu sagen:

Wenn man herummauschelt und dabei erwischt wird, sollte man auch die Eier haben, alles auf den Tisch zu packen und dazu zu stehen. Ohne Wenn und Aber – Punkt!

Noch dazu, wenn das „Vergehen“ eher moralischer Natur ist und rechtlich keiner Würdigung unterliegt. Sofern man dazu nicht den Mut aufbringt, sollte man es besser unterlassen, sich in solch eine Situation zu bringen. Bis zu diesem Punkt der Chronologie darf ich ihnen also lupenreine Feigheit attestieren.

Wie wir nun seit einigen Tagen wissen, haben Sie aber noch eine Schippe draufgelegt. Dabei war ich im ersten Moment hin- und hergerissen, ob ich Sie nicht für eine Heiligsprechung vorschlagen sollte. Der B*** zu drohen ist aus meiner ganz persönlichen Sicht ein heldenhafter Schritt, den wesentlich mehr ihrer Kollegen wagen sollten, allerdings nicht um sich selbst aus der Schusslinie zu nehmen, sondern diesem *********-Blatt endlich der Garaus zu machen.

In diesem besonderen Fall musste ich mich dann allerdings mit Herrn Diekmann und seiner Postille solidarisieren, schließlich bin auch ich im journalistischen Bereich tätig und die Vorstellung, meinen Anrufbeantworter abzuhören und eine Drohung des Bundespräsidenten darauf vorzufinden, würde ich, sie mögen mir die Formulierung verziehen, als feuchten Traum bezeichnen. Dass dieser Vorfall drei Wochen unter der Decke geblieben und dann bei Spingers Mitbewerbern aufgetaucht ist, stimmt mich natürlich nachdenklich, aber da will ich mal drüber wegsehen. Denn zusätzlich zur bereits erwähnten Feigheit kommt nun auch noch abgrundtiefe Dummheit hinzu.

Um es kurz zu machen und bei allem Respekt vor dem Amt: Einen dummen Feigling oder einen feigen Dummkopf mag ich nicht als Bundespräsidenten haben. Sollten sie im angekündigten ARD/ZDF-Interview also nicht ihren Rücktritt bekanntgeben, werde ich mich in bundespräsidialen Dingen fortan nur noch an Ihren Stellvertreter wenden. Für mich persönlich sind Sie Geschichte!

PS. In Ihren eigenen Interesse möchte ich Sie bitten von Anrufen bei mir abzusehen, ich würde mit der Veröffentlichung keine Sekunde zögern!

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