Donnerstag , 6 Mai 2021
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Interview: Demokratie in Syrien würde zu einem Blutbad führen

demo_syriaGeorge hat mich gebeten, seinen vollen Namen nicht zu nennen. Er selbst ist zwar vor fast dreißig Jahren nach Kanada ausgewandert, doch leben gleichnamige Verwandte von ihm in der syrischen Stadt Homs. Nachdem es seltene Berichte über Demonstrationen zur Unterstützung der herrschenden Regierung gibt, wollte ich verlässliche Informationen über die Situation in Syrien einholen. Im Gegensatz zu Libyen, ist es in Syrien unumstritten die Mehrheit der Bevölkerung, die sich gegen die Regierung Assad erhebt. Sollte diese jedoch tatsächlich gestürzt werden, droht ein verheerendes Blutbad.

The Intelligence (TI): George, wie Ihr Vorname schon sagt, sind Sie Christ. Haben Sie Syrien verlassen, weil Christen verfolgt wurden?

George (G): Überhaupt nicht. Mehr als zehn Prozent der Syrer sind Christen. Bis heute – zumindest bis vor kurzem – gibt es diesbezüglich überhaupt kein Problem. Einige meiner Jugendfreunde sind Muslime. Ich wünsche ihnen fröhliche Weihnachten und sie mir einen fröhlichen Ramadan. Beides ist nett gemeint und wird auch so verstanden. Ich bin 1983 nach Kanada ausgewandert, weil mir die ganze Region politisch zu instabil war.

TI: Was meinen Sie mit politisch instabil? Im Jahr 1983?

G: Ich war 1967 zwar noch ein Kind, doch da gab es den Krieg gegen Israel. 1982 fand das Massaker von Hama statt. Gleichzeitig der Bürgerkrieg im benachbarten Libanon. Mein ältester Sohn war damals gerade zwei Jahre alt. Ich wollte ihm und meinen späteren Kindern einfach eine gesicherte Zukunft bieten.

TI: Was ist bei diesem Massaker von Hama genau passiert? Was waren die Ursachen?

G: 1970 kam Hafiz al-Assad durch einen Militärputsch an die Macht. Zwar folgte danach eine gewisse Stabilität. Doch, drei Viertel der Syrer sind Sunniten. Die Assads sind Alawiten (Anm.: auch Nusairier genannt). In der Stadt Hama begannen die Leute, sich immer mehr dagegen aufzulehnen. Auch die Muslimische Bruderschaft hatte dabei ihre Finger im Spiel. Jedenfalls kam es Anfang 1982 zum Angriff durch die Armee. Auf direkten Befehl von Präsident Hafiz al-Assad. Dessen Bruder, Rifaat al-Assad leitete die Operation. Mit Panzern, Granatwerfern und sogar unter Einsatz der Luftwaffe wurde die Stadt beschossen. Dabei sollen 36.000 Menschen ums Leben gekommen sein. Gut, viele sagen, es waren nur 20.000. Wie auch immer, von da an hat es einfach niemand mehr gewagt, sich gegen die Regierung zu erheben. Offiziell galt ununterbrochen Kriegsrecht. Die Leute haben gelernt, damit zu leben. Durch dieses Massaker, gefolgt von einer harten Herrschaft durch eine andersgläubige Minderheit, ist ein tiefer Hass entstanden. Das wäre das gleiche, wenn in einem Land mit überwiegend muslimischer Bevölkerung fast nur Christen in öffentlichen Ämtern säßen.

TI: Was ist der Unterschied zwischen regulären Schiiten und den Alawiten? Das ist doch eine schiitische Sekte, nicht wahr?

G: Die haben im Grunde genommen absolut nichts miteinander zu tun. Es ist sogar umstritten, ob man Alawiten überhaupt als Muslime bezeichnen kann. Das ist eine Geheimreligion, so wie die Drusen. Nur ihre Mitglieder wissen, worum es bei diesem Glauben überhaupt geht. Und die sind zu strengstem Stillschweigen verpflicht.

TI: Aber sie glauben an den Propheten Mohammed und den Koran?

G: Das ist ungewiss. Es heißt, diese Religion sei aus der Sekte der Assassinen hervorgegangen. Das sind wirklich alte Orden, die sich nach außen hin zwar an den Islam, als dessen Verbreitung eingesetzt hat, angelehnt haben. Im Kern steckt – wie soll ich sagen: Vielleicht? Sicher? Wahrscheinlich? – es steckt einfach ein wesentlich älterer Glaube dahinter. Als Christ bin ich demgegenüber tolerant. Die Muslimen haben da aber ihre Probleme damit.

TI: Aber warum werden die Alawiten dann so oft auch als Schiiten bezeichnet?

G: Das war erst 1973, dass ein schiitischer Imam (Anm.: Imam Musa al-Sadr) aus dem Libanon die Alawiten als Muslime anerkannt hat. Das war ein politischer Schachzug von Assad. Nach seinem Putsch haben die Sunniten in Syrien nämlich gefordert, dass nur ein Muslim Präsident sein sollte. Und deswegen wurde aus Assad dem Alawit, Assad der Muslim gemacht.

TI: Dieser Hass, von dem Sie sprechen, richtet sich der jetzt überwiegend gegen Baschar, also den Sohn vom alten Assad, oder gegen alle Alawiten?

G: Gegen alle. Da können Sie Gift drauf nehmen. Sollte Assad dem Druck nachgeben, sollte sich die Armee zurückziehen, dann fallen die Sunniten über die Alawiten wie die Bestien her. Ich fürchte sogar, dass sich der blinde Hass dann auch gegen die Christen und die Drusen richten wird. Einfach gegen alle, die nicht Sunniten sind. Zusammen ist das ein Viertel der Bevölkerung. Wenn Massen, die sich über Jahrzehnte unterdrückt fühlten, ja, unterdrückt waren, ihrem Zorn freien Lauf lassen, dann führt dies zwangsläufig zu Ausschreitungen. Und die werden grauenhaft sein.

TI: Glauben Sie, dass dies der Grund ist, warum es in Syrien zu keinem Einschreiten von NATO-Truppen kommt, so wie in Libyen?

G: Mit Libyen lässt sich die Situation in Syrien überhaupt nicht vergleichen. Aber, grundsätzlich ja. So glaube ich zumindest. Würde die internationale Gemeinschaft, so wie in Libyen, einschreiten, um das Leben von Zivilisten zu schützen, und danach folgt ein Blutbad zwischen den Zivilisten, dann stünden sie doch als die Blamierten da. Außerdem, vergessen Sie nicht Israel. Die stehen mit Assad in bestem Einvernehmen. Für die gilt Assad als ein Garant für den Frieden.

TI: Gelegentlich hört man von Demonstrationen, die Assad unterstützen. Finden solche tatsächlich statt?

G: Aber natürlich. Was glauben Sie, wie sehr sich die Alawiten um ihre Zukunft sorgen. Diese Demonstrationen werden zwar von der Regierung organisiert, doch viele Tausende, Zehntausende nehmen begeistert daran teil. Wie gesagt, es geht um ihre Zukunft. Und das letzte, was Assads Unterstützer sich wünschen, wären freie Wahlen. Wie ich gesagt habe, drei Viertel sind Sunniten. Millionen von Menschen müssten schlagartig aus dem Land fliehen. Doch den meisten fehlen dazu die Mittel. Ohne Geld in ein fremdes Land reisen, auf Hilfe hoffen, das ist nicht jedermanns Sache.Viele würden trotzdem bleiben und einfach kämpfen.

TI: Solange Assad die Oberhand behält, sterben protestierende Sunniten, doch zwei Millionen Alawiten sind relativ sicher. Was für eine Möglichkeit sehen Sie, ein Massaker zu verhindern? Der derzeitige Zustand ist doch langfristig nicht haltbar?

G: (überlegt lange) Nein. Das ist er nicht. Die einzige Lösung, für den Moment, wäre eine Militärdiktatur. Die müssten Assad aber stürzen, dass die Leute ihnen vertrauen. Und im Militär sind alle Gruppen vertreten, also Sunniten, Alawiten, Christen und Drusen.

TI: Wenn zwischen den Gruppen aber Feindschaft herrscht. Wäre es möglich, dass die Armee zerfällt?

G: Ja, also, ausschließen kann man auch das nicht. Die Armee hat aber, nach so vielen Jahren des Kriegsrechts, einen gesellschaftlichen Sonderstatus. Die Armee ist eine Gesellschaft innerhalb der Gesellschaft. Ich glaube doch, dass hier ein starker Zusammenhalt herrscht. Sie genießen Privilegien, und die können sie sich nur sichern, wenn sie zusammenhalten.

TI: Und zur Erhaltung dieser Privilegien schießen zur Zeit sunnitische Soldaten auf sunnitische Demonstranten? Oder werden dafür die Alawiten eingesetzt?

G: Nein, nein. Innerhalb der Armee gibt es keinen Unterschied. Durch ihre Uniform sind sie miteinander verbunden. Es gibt aber trotzdem eine Menge von Soldaten die desertieren. Die nicht auf ihre Landsleute schießen wollen. Und wenn ein Soldat den Befehl, also auf die Demonstranten zu feuern, verweigert, dann erschießt ihn auf der Stelle sein Offizier. Die syrische Regierung meldet immer wieder tote Angehörige der Militärs. Die wurden von ihren Vorgesetzten erschossen, nicht von den Demonstranten. Die haben keine Gewehre. Waffenbesitz war streng verboten.

TI: Wie lange glauben Sie, wird es noch dauern, bis die Armee diesen Schritt unternehmen wird? Also, eine gewaltsame Übernahme der Regierung?

G: Ich weiß es nicht. Mit Sicherheit wird an solchen Ideen gearbeitet. Assad muss als der Geschlagene dastehen, will aber trotzdem sein Gesicht wahren. Das einzige was ich sagen kann ist, dass ich hoffe, dass es bald passiert.

TI: Und wie lange könnte es dauern, bis sich eine Demokratie einführen ließe.

G: Ich glaube, das lässt sich zum gegebenen Zeitpunkt überhaupt nicht beurteilen. Da müssen sich die Wogen erst einmal ordentlich geglättet haben. Und ob dies überhaupt jemals der Fall sein wird, das weiß wohl niemand.

TI: George, vielen herzlichen Dank für dieses aufklärende Gespräch.

G: Keine Ursache. Und viele Grüße an Ihre Landsleute. Deutschland genießt in meinem Land wirklich hohen Respekt. 

 

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