Dienstag , 2 März 2021
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Offener Brief an Ernst-Reinhard Beck (CDU) und Elke Hoff (FDP) zu dem entsetzlichen Thema „Krieg in Afghanistan“

bundeswehr_bundestag

Sehr geehrte Frau Hoff, sehr geehrter Herr Beck, guten Tag!

Als Satiriker habe ich mich bisher geweigert, eine Satire zum Thema „Afghanistan“ zu schreiben. Dies werde ich auch in Zukunft so halten. Das, was mit den Menschen dort geschieht, es ist zu schrecklich, um es für die Satire oder eine Farce zu instrumentalisieren.

Die eine oder andere Spitze gegen die Menschen, welche vorgeben, für uns Politik zu machen, die kann und werde ich mir auch in Zukunft nicht verkneifen. Der Grund ist ein ganz einfacher. Ich verstehe Sie und ihre Einstellung zum Töten nicht. Ferner ist mir nicht klar, wie das mit unserem Grundgesetz vereinbar ist. Sie schütteln mit Recht den Kopf über meine Worte, ich bin kein Jurist. Es geht mir vollkommen ab, Abschnitte, Paragraphen und ganze Gesetze so hinzubiegen, dass die Tötung anderer Menschen ohne Angriff auf die Bundesrepublik Deutschland ein legaler Akt ist. Das geht mir gänzlich ab, dafür beherrschen Sie im Bundestag dies umso besser.

Als der Hauptmann in der letzten Woche starb, da hat sich in meinem Kopf ein Haiku abgebildet, welches ich Ihnen gerne hiermit anbiete:

„Freiheit verteidigt,
am Hindukusch in Asien.
Bis an sein Ende“.

Es fiel mir nicht nur für ihn ein, auch für alle anderen Gefallenen, gleich welcher Nationalität.

Und dann ist es geschrieben für jene Menschen, für all die Frauen, Männer, Kinder, die jungen und die alten, welche in den offiziellen Berichten als Kollateralschaden bezeichnet werden. Dies scheint ein Sammelbegriff zu sein, ein Sammelbegriff für alles, was mit gutem Gewissen vergessen oder ignoriert werden darf. Dabei wollte ich den Kollateralschaden, welchen sie in den Familien unserer Soldaten mutwillig anrichten, nicht vergessen wissen.

Sicherlich interessiert es Sie, warum ich Sie direkt anschreibe, was ich eigentlich von Ihnen will. Auch dies ist einfach.

Auf „Spiegel.de“ las ich heute, dass Sie einen Gegenschlag nach der Taliban-Attacke fordern, bei der ein deutscher General verwundet wurde. Todesopfer waren auch zu beklagen – und jetzt fordern Sie beide jenes, was man Auge um Auge, Zahn um Zahn nennt. Wenn Sie so etwas fordern, dann haben Sie sich sicherlich darüber ausreichend Gedanken gemacht. Sollen unsere Soldaten jetzt ausziehen, um all jene zu kartätschen, zu erschießen, zu erbomben, welche für Taliban gehalten werden dürfen? Heißt das für Sie, jetzt mit Karacho und mit voller Kanne ins Feindesland, ein Lied auf den Lippen, um mit feurigem Herzen die Kameraden zu rächen? Darüber musste ich nachdenken, als ich Ihre Stellungnahmen las. Und dann habe ich noch die Frage, wie viele Afghanen muss man erschießen, um einen deutschen Soldaten zu rächen? Gibt es dafür schon eine Dienstvorschrift oder liegt das im Ermessen des Kommandeurs vor Ort. Hat der Bundesverteidigungsminister bereits einen Orden kreieren lassen, mit welchem besonders verdiente Rächer dann ausgezeichnet werden?

Sie sehen, eine ganze Reihe von wichtigen Fragen bewegt mich. Und jede Frage, da bin ich mir sicher, sie wurde in Gremien, Ausschüssen und Ministerien bereits gedacht, erörtert und in kleinstem Kreis vorbesprochen.

Eine letzte Frage liegt mir noch am Herzen, die es zu stellen gilt. Verbündete Streitkräfte haben bei ihrem Kampf gegen die Taliban aus Versehen zwölf Frauen und Kinder getötet. Der amerikanische Befehlshaber hat sich bei den Familien und Freunden der nicht mehr Lebenden von ganzem Herzen entschuldigt und gebeten, man möge weiter Vertrauen zu den Soldaten haben und sie unterstützen. Der hat schon Nerven, der Kollege. Diese Bemerkung mögen Sie mir nachsehen, Trauer und Wut bewegen mich.

Die Frage der Fragen lautet: Dürfen die Afghanen jetzt mit gutem Gewissen einen Gegenschlag durchführen und Soldaten der Koalitionstruppen erschießen, kartätschen oder erbomben? Erklärtes Ziel ist doch die Einführung und Sicherung der Demokratie, wenn ich Sie und Ihre Kollegen bisher richtig verstanden habe. Und theoretisch sind alle Menschen in einer Demokratie gleich, auch das habe ich staunend lernen müssen. Die Wirklichkeit hatte mich bis dato gelehrt, dass es einige Menschen, meist sind dies Politiker oder aus der Wirtschaft, dass diese Menschen etwas gleicher sind als Du und ich (nein, Sie meine ich nicht, Sie sind gleicher). Was also passiert, wenn die Afghanen zum Gegenschlag ausholen, weil sie kein Vertrauen mehr haben möchten? Rüsten wir dann, wenn deren Gegenschlag vorbei ist, zu einem neuen Gegenschlag?

Ich bin mir ganz sicher, Sie werden mir mangelnde Objektivität vorwerfen – und damit haben Sie Recht.

Es graust mich und ich habe Angst, dass mein Enkel in einigen Jahren für Sie und Ihresgleichen mit Splitterschutzweste in die Welt muss, weil Sie zum Gegenschlag ausholen wollen. Und er wird dann müssen, Sie werden nämlich die Wehrpflicht wieder einführen, damit wir wieder eine Armee bekommen, welche ihren Namen verdient. Egoismus lasse ich mir also gerne von Ihnen vorwerfen. Und weil Sie so sind, deswegen habe ich Angst vor Ihnen. Und deswegen werde ich alles Friedliche tun, damit dieser Wahnsinn endlich ein Ende hat.

Letzte Bemerkung, im Grundgesetz las ich nichts von Bündnisverpflichtung, Ansehen in der Welt, nichts von Sicherung der Rohstoffversorgung. Auch eine Pflicht zur Sicherung der Handels- und Absatzwege konnte ich dort nicht finden. Als Nichtjurist wollte ich es nur erwähnen, das müssen Sie unbedingt noch eintüten. Ansonsten gibt es echt Stress mit der noch einzigen verbliebenen und zuverlässigen Institution, mit dem Bundesverfassungsgericht. Wenn das passiert, da freue ich mich dann sehr darüber.

Sie haben es geschafft, ich bin am Ende mit meiner Schreiberei. Machen Sie sich um die Antwort keine Gedanken. Keine Antwort wäre lediglich ein Informationskollateralschaden, damit kenne ich mich aus.

Freundliche Grüße

Peter Reuter

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