Donnerstag , 6 Mai 2021
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Die schleichende Verzerrung – kaum bemerkt und trotzdem schmerzhaft

verzerrte_wirklichkeitDie klassische (Ver-)Zerrung macht sich meist akut, stechend, abrupt und äußerst schmerzhaft bemerkbar. Die raffinierte Variante verzerrt subtil, sozusagen in homöopathischen Dosen, wann genau sie einen erstmals befiel, kann man nicht mehr nachvollziehen. Es ist schon als Glücksfall anzusehen, wenn man überhaupt irgendwann begreift, dass etwas nicht mehr stimmt. Die ersten Anzeichen einer möglichen Wahrnehmungsverzerrung zeigten sich mir um Ostern: Die Medien schluckten gierig den von E10ophiler Seite ausgelegten Köder und malten Mobilität bedrohende Tags der Benzinknappheit ans öffentliche schwarze Brett.

Umgehend sahen die Osterfeiernden statt Ei gefüllter Nester nur mehr trockengeleerte Zapfsäulen vor dem geistigen Auge und trugen politikgesteuert mit ihrem Tankverhalten beinahe dazu bei, dass dieses Bild real in einigen Regionen existiert. Noch fühlte ich mich nicht infiziert, schließlich durchschaute ich das Spiel und boykottierte Zapfsäulen jeglicher Art und Firma. Das Unwohlsein in der Magengegend rührte eher von der Vorstellung verhungernder Menschen her, während Nahrungsmittel ohne Not in eine profitversprechende Spritvariante umgewandelt werden.

Erste Symptome einer ernsthaften Verzerrung stellten sich bei mir ein, als ich die Berichterstattungen über Aktivitäten in Baden-Württemberg einerseits und die Endlosschleifen über die Hochzeitsvorbereitungen rund um Buckingham Palace andererseits verglich. Die Gewichtungen schienen doch leicht in Schieflage. Immerhin möchte der neuergrünte schwäbische Ministerpräsident das Wahlalter auf 16 Jahre herabsetzen – von einer entsprechend modifizierten Anwendung des Erwachsenenstrafrechts war nicht die Rede – so ganz nebenbei dachte er noch ein Atommüllendlager auf der Schwäbischen Alb an. Bei den kommenden Landtags- und Kommunalwahlen wird sich noch zeigen, ob sich der Mann da zu weit hinausgekretscht hat.

Ein Endlager in erdbebengefährdeten Regionen zeugt nicht unbedingt von erneuertem, gewissensorientiertem Handeln der gewendeten Koalition. Selbst dann nicht, wenn nur ein taktisches Kalkül hinter der Äußerung stecken sollte: Biete etwas nicht Durchführbares an, lasse es abschmettern und unterstreiche Schulter zuckend, dass Du Dich konstruktiv an den Planungen beteiligt hast. Sollten die 16jährigen tatsächlich wach genug sein, dürfte es rote Karten für das grüne Eigentor hageln – aber auch sie wurden dieser Tage abgelenkt von majestätischen Gästelisten und Speisefolgen, vermutlich diskutierten sie genauso couragiert über zivile Bekleidungsmöglichkeiten vor der Spektakel übertragenden Leinwand, wie diejenigen, die mal wieder zur rechten Zeit in Schläger bedrohten U-Bahnhöfen und Bussen fehlten.

Die Schmerzattacken nahmen mit jeder weiteren von rund zwei Milliarden Menschen ignorierten Meldung zu: Wie sehr würde es z.B. den Tornado verwirbelten Amerikanern helfen, wenn die oben erwähnten auch nur jeweils einen Euro für sie investierten, die William&Kate-Kitschsouvenirbranche würde dennoch nicht Hunger leiden. Aber warum sollte man sich die majestätisch glänzenden Gedanken unnötig trüben lassen, die Opfer von Tschernobyl oder Fukushima hatten da auch wenig Chancen.

Aber nehmen Sie meine Überlegungen nur nicht ernst! Ich brauchte ärztlichen Beistand, das wurde mir selbst klar. Zu lange zögerte ich die Konsultation schon hinaus, jetzt stand ich jedoch schmerzverzerrt vor verschlossener Tür. Verständlich, sollte jemand in Westminster Abbey kollabieren, kann genau diese hunderte Kilometer entfernte Kapazität meiner Wahl helfen.

Bei mir kollabierte der Restverstand, Halluzinationen breiten sich ungehemmt aus: So bin ich mir plötzlich absolut sicher, dass meine Energiesparlampe nebst Giftstoffen bewusstseinsveränderte Drogen verströmt. Deshalb auch die EU-weite Zwangseinführung ohne Glübirnenalternative. Oh, jetzt verschwimmt die Lampe vor meinen Augen, sie verzerrt sich und nimmt Gestalt an. Oskar Werner schwebt vor mir, in der Rolle des legendären Feuerwehrmanns Montag. In dem Klassiker Fahrenheit 451 verbrannte er kritische Bücher, die der Gleichschaltung der Bevölkerung im Wege standen. Gequält wirkt er, enttäuscht. Die ganze Anstrengung hätte er sich sparen können. Es ist nämlich völlig egal, wie viele kritische Informationen über Atomenergie, Verrohung des menschlichen Charakters und Raubbau an der Natur auch geschrieben, wenn sie aus Desinteresse nicht gelesen werden. Und wenn der gewiefte Lobbyist etwas durchboxen möchte, inszeniert er einfach ein royales Spektakel mit geladener Prominenz und zieht sein Ding im Schatten dieser Show durch, derweil sich der mündige Bürger ertaubt und verstummt vor den Empfangsgeräten verze(h)(r)rt.

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