Donnerstag , 6 Mai 2021
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Nationalität und Gesinnungsorientierung

kinder_schule_parisAm Mittwoch richtete ein afghanischer Pilot ein Blutbad unter seinen “Kameraden” von der NATO an. Schon im Februar hatte ein neu rekrutierter Afghane drei deutsche Soldaten erschossen. Gesprochen wird von eingeschleusten Taliban-Kämpfern. Dass es sich bei derartigen Fällen schlicht um Patriotismus handeln könnte, kommt natürlich nicht zur Sprache. Schließlich treten die NATO-Truppen nicht als Besatzungs-, sondern als „Befreiungs“-Einheiten auf. Afghanen werden von Afghanen befreit, Iraker von Irakern und Libyer von Libyern.

Hoimar von Ditfurth erzählte in seiner, kurz vor seinem Tod veröffentlichten, Autobiographie, „Innenansichten eines Artgenossen“, von einer Erinnerung als junger Wehrmachtsangehöriger, der vorübergehend in Schweden stationiert war. Gegenüber einem Freund seiner Familie, der über seinen Besuch in deutscher Uniform nicht sonderlich erbaut schien, erwähnte er, dass er überrascht sei, wie hartnäckig die Russen kämpften. Der Familienfreund klärte ihn darüber auf, dass die Russen schließlich ihre Heimat verteidigten. Das war dem jungen Hoimar bis dahin aber keinesfalls bewusst gewesen. Von seinen Nazi-Vorgesetzten hatte er ja gelernt, dass die Russen unter dem System des Kommunismus litten und Nazi-Deutschland zur ihrer Rettung in Russland einmarschiert war.

Kurz nach Beginn des Irak-Feldzugs im Jahr 2003 ließ ein amerikanischer Fernsehsender, es müsste CNN gewesen sein, einen amerikanischen Soldaten zu Wort kommen: „Wir sind hier um die Leute zu befreien – und die schießen auf uns!“ Der junge Mann schien von dem was er sagte auch wirklich überzeugt.

Lassen wir uns ausschließlich von den etablierten Medien mit Informationen über Kriegsgebiete versorgen, so könnten wir leicht zu Opfern eines ziemlich verzerrten Bildes werden. Ganz Irak litt, so scheint es den harmonisch abgestimmten Berichten zufolge, unter der Diktatur von Saddam Hussein so wie die Afghanen von einer Gruppe namens Taliban und die Libyer von Muammar Gaddafi geknechtet wurden. Interviews, ausschließlich mit Oppositionellen, unterstützen diese Darstellung überzeugend. Und wer sind die Regierungstreuen, deren Zahl schließlich auch beachtlich ist, ansonsten die Kämpfe nicht Jahre andauern würden? Auf welcher Seite steht der überwiegende Teil der Zivilbevölkerung? Wir wissen es nicht, denn die Medien zeigen schließlich ausschließlich Interviews mit Oppositionellen. Und wie eine Wahl im Irak mit Saddam Hussein als Kandidat ausgegangen wäre, darüber lässt sich bestenfalls spekulieren.

Stellen Sie sich vor, sie sitzen mit Ihrem Bruder in eine Kneipe und geraten mit ihm in Streit. Plötzlich mischt sich ein Fremder ein und droht, Ihren Bruder zu verprügeln. Wessen Partei ergreifen Sie? Die des Fremden? Oder verblasst nicht doch eher der innerfamiliäre Konflikt im Angesicht einer Bedrohung von außen? Und was sollen die Bewohner der Kriegsgebiete von jenen Mächten halten, die mit unaufhaltbarer Waffengewalt über das Land herfallen, ihre Häuser zerbomben und Zivilisten töten? Kann jemand im Ernst davon ausgehen, dass die NATO-Soldaten für Befreier gehalten werden?

Gelegentlich finden sich vorsichtige Hinweise darauf, dass die Unterstützung für die Taliban unter der Bevölkerung mit den Jahren der Besatzung zunimmt. Auch der kürzlich gelungene Ausbruch von rund 500 Gefangenen aus einem Lager in Kabul dürfte von außen her unterstützt worden sein. (Ob Hollywood jemals einen heroischen Film darüber drehen wird wie 1963 „Gesprengte Ketten“ mit Steve McQueen und Charles Bronson?) Und am Mittwoch stellte sich heraus, dass ein „guter Afghane“, der sich von den Streitkräften der Marionettenregierung hatte anheuern und ausbilden lassen, letztendlich doch ein „böser Afghane“ war und wild auf seine „Kameraden“ – sprich: Besatzungssoldaten – schoss. Neun Ausländer kamen ums Leben, bevor der afghanische Offizier selbst erschossen wurde.

Doch die Frage, auf wessen Seite einzelne Personen stehen, erstreckt sich weit über die Kriegsgebiete hinaus. Am 5. November 2009 griff ein amerikanischer Militärpsychologe in Fort Hood zur Waffe und erschoss 13 Armeeangehörige. Weitere 30 wurden verletzt. Beim Amokläufer handelte es sich um den 39-jährigen Nidal Malik Hasan. Zwar in den Vereinigten Staaten geboren, entstammte er jedoch einer palästinensischen Familie und gehörte der muslimischen Glaubensgemeinschaft an. Wie sich nach der Bluttat herausstellte, hatte sich Hasan seit Jahren um seine Entlassung aus der Armee bemüht, der jedoch nicht stattgegeben wurde. Vermutlich von der Überheblichkeit des modernen Zeitgeists geprägt, erkannten seine Vorgesetzten nicht den Gewissenskonflikt. Seinen Papieren nach war er Amerikaner. Und warum sollte sein religiöses Bekenntnis ein Problem darstellen? Schließlich erklärte Amerika dem Terrorismus den Krieg, und nicht dem Islam, auch wenn es sich bei den Opfern der US-Angriffe seit 2001 ausschließlich um islamische Länder handelt.

Was ist tiefer im emotionalen Bereich eines Menschen verankert: Die Volks- oder die Staatszugehörigkeit? Denkt ein Iraker, nachdem ihm ein amerikanischer Reisepass ausgehändigt wurde, auch wirklich wie ein Amerikaner? Fühlt sich ein Sudanese mit deutschem Reisepass ernsthaft als Deutscher? Wird ein Deutscher, der lange genug in Peking lebt, um die dortige Staatsbürgerschaft zu erlangen, dadurch wirklich zum Chinesen? Wird ein Afghane, der dringend Geld braucht und sich deswegen für die von der NATO kontrollierten Streitkräfte zur Verfügung stellt, dadurch automatisch zum verlässlichen Verbündeten?

Auf den ersten Blick scheinen die beiden Fragen nur entfernt miteinander verwandt zu sein: Wie loyal verhält sich der Bewohner eines besetzten Landes gegenüber den Besatzungsmächten? Wie loyal verhält sich ein Einwanderer gegenüber seinem Gastland? Was die beiden Fragen jedoch gemein haben ist die Thematik der ethnischen Wurzeln. Schließe ich mich wirklich dem Fremden an, der droht, meinen Bruder anzugreifen? Wird das Gefühl der eigenen Nationalität von der Familiengeschichte, der Tradition, der angestammten Lebensweise oder von einem Stück Papier geprägt?

Es handelt sich um ein durchaus wünschenswertes Ideal, Menschen unterschiedlicher Herkunft zu einer Menschheit, die trotz oberflächlicher Gegensätze fähig ist, harmonisch einen gemeinsamen Weg in die Zukunft zu beschreiten, zu vereinigen. Die Hoffnung auf ein Leben in Harmonie und Brüderlichkeit, in der weder die Hautfarbe noch die Art der Gottesvorstellung von nennenswerter Bedeutung ist. Voraussetzung, um diesem Ideal näher zu kommen, wäre jedoch die Abstinenz jeglicher Aggression. Voraussetzung wäre, das Nichtvorhandensein von Dominanzansprüchen und die Regelung aller möglichen Konflikte durch intelligente Konversation, anstatt durch Waffengewalt. Länder Andersdenkender mittels Militärmacht zu überrennen und gleichzeitig Andersdenkende in Massen umzusiedeln, bevor der Zustand einer konfliktfreien Welt gegeben ist, können nur schwer der Entwicklung eines friedvollen Zusammenlebens dienen. Einen Einzelnen zu verdächtigen, dass ihm seine Wurzeln näher stehen könnten als sein Reisepass, mag in vielen Fällen sicher sogar ungerechtfertigt sein, in allen Fällen wird es jedoch durch die moderne Ideologie der sogenannten „politischen Korrektheit“ unterbunden. Die Zukunft wird letztendlich zeigen, wohin dieses Experiment führt. In der Zwischenzeit sollte sich wohl jede sein eigenes Bild darüber machen.

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