Mittwoch , 20 Oktober 2021
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Erster großer Wurf der Koalition – Gesundheitsreform greift

stethoskopMit Tränen in den Augen darf ich Ihnen mitteilen, die Reform des Gesundheitswesens steht. Wir alle wissen, Gesundheit ist das kostbarste Gut, sie ist uns mehr als lieb und teurer. Unter dieser Prämisse hat unsere marktwirtschaftlich-liberal-christliche Regierung den Ausweg aus den Streitereien und den Hinweg zum Glück gefunden. Übrigens, die Regierung ist fast noch eine neue Regierung. Für viele war diese Regierung ein Wunsch, welcher in Erfüllung gegangen ist. Ich zähle mich mehr zu den anderen – aber das hilft mir im Moment auch nicht so richtig weiter. Sei`s drum. 

Einen fast neuen Minister für das Randgebiet Gesundheit, den haben wir auch. Er ist Mediziner, also ein richtiger Arzt, keine schlechten Voraussetzungen für seine neue Aufgabe. Ich war so naiv, mir das so zu denken. Wir wissen alle, dass unsere vermeintlich leistungsfähige Gesundheitsindustrie, nämlich Ärzte und Apotheker, Krankenhäuser und Kurheime, Bäder und die Pharmaindustrie alles daran gesetzt hatten und haben, das System derart unüberschaubar zu machen, dass das Nachvollziehen der Mittelverwendung einfach nicht mehr möglich ist. Die Menschen, welche immer weniger zum Arzt gehen, denen auch immer mehr an Behandlungen vorenthalten werden, sie bekommen die soziale Schieflage der Ärzte immer mehr zu spüren.

Diese durch und durch armen Menschen müssen sich schon etliches einfallen lassen, um gerade einmal so über die Runden zu kommen. In einigen Praxen wird für die Benutzung der Toiletten schon ein Obolus erhoben. Besonders Urologen und Internisten mögen auf diese Einnahmequellen nicht mehr verzichten. Der Orthopäde verleiht jetzt Krücken, Augenärzte kassieren Gebühren für die Abnutzung von großen Tafeln, auf welchen Buchstaben oder Zahlen aufgeführt sind. Röntgenologen arbeiten höchst erfolgreich mit einer Basisgebühr von € 25,– für Ein- und Austiegshilfe beim Anlegen von Bleiwesten, dem Rest wird auch etwas einfallen.

Neues Ungemach droht. Der Ärzteminister will das marode System reformieren. Eigenverantwortung und mehr Wettbewerb sollen es wieder auf Vordermann bringen. Was bedeutet das für die Ärzte?

Ganz einfach: Die eben beschriebenen Leistungen werden in Zukunft weiterhin abgerechnet. Der Rahmen für die Verewiglichung findet sich in der Gebührenordnung, welche von den Standesorganisationen der Ärzte selbst erstellt wird, um jegliche Interessenskonflikte auszuschließen. Die Verordnung ergänzt lediglich die Regelung zur Durchführung von Zusatzleistungen um den zutreffenden Satz, dass die Leistungen grundsätzlich bei allen Kassenpatienten zur Anrechnung kommen, die Durchführung oder Zurverfügungstellung allein im Entscheidungsspielraum des Arztes liegt. Ist doch fair, oder? Der Wettbewerb regelt alles in unserem Sinn.

krankenschwesterDie Praxistoiletten verfügen in Zukunft über einen Internetzugang, natürlich wireless. Die Sprechstundenhilfen servieren gekonnt einen Milchkaffee oder ein Glas Rotwein, die Röntgenassistentin hat eine Zusatzausbildung und schneidet auf das Vortrefflichste die Haare. Der neu eingerichtete kleine Supermarkt zwischen Rezeption und Wartezimmer führt nicht nur Bioprodukte. Wenn man es will, ambulante Operationen werden gerne aufgezeichnet oder im verbandseigenen Fernsehkanal live übertragen. Natürlich wird Honorar bezahlt. Bis zur Dauer von 2 Stunden erhält der Delinquent von der Praxis 2 Kugelschreiber und 2 Päckchen Tempotaschentücher, dauert es länger gibt es noch einen Federhalter dazu.

Das Auto des Kassenpatienten wurde während der 4-stündigen Wartezeit inspiziert und repariert, ein Ölwechsel wurde auch nicht vergessen, der TÜV und die ASU können ebenfalls abgehakt werden. So haben wir alle was davon, von dem neuen System.

Der Besuch einer Arztpraxis kostet dann mindestens die Summe von € 1.145,– pro Stunde. Jetzt greift die Eigenverantwortung: Weil sich der Patient einen Besuch nur noch alle 3 Jahre leisten kann, und nur dann, wenn es nicht länger als 1,5 Stunden geht, geht er nicht mehr zum Arzt. Er ist also gesund. Den Ärzten und ihrem Minister sei Dank. Klasse, einfach klasse, echt gut gemacht, muss man doch zugeben.

Nun aber schnell zurück – zu Euch, zu Ihnen.

Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen all das, was Sie mir wünschen. Wenn das nichts ist.

Und am meisten wünsche ich aus übervollem Herzen Gesundheit, Gesundheit, Gesundheit.

© Peter Reuter

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