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Held oder Verräter?

vanunu mordechai 2009Dank Günter Grass wird dem Schicksal eines ansonsten vergessenen Mannes wieder einmal etwas mehr Aufmerksamkeit geschenkt: Mordechai Vanunu. 1986 hatte er die israelischen Atomgeheimnisse der Weltöffentlichkeit zugänglich gemacht. Vom internationalen Standpunkt aus betrachtet, zweifellos eine Heldentat. Bei seiner noch im selben Jahr vom israelischen Geheimdienst durchgeführten Entführung aus Rom handelt es sich um eine Verletzung internationalen Rechts. 2004 wurde Vanunu aus der Haft entlassen, und trotzdem ist er noch lange kein freier Mann. Doch auch gegenüber diesem Verstoß gegen die Menschenrechte hat die „internationale Gemeinschaft“ nichts einzuwenden.

Schon vor Monaten sorgte Günter Grass für Schlagzeilen, als er an die stillschweigend geduldete Tatsache erinnerte, dass der knapp acht Millionen Einwohner zählende Mittelmeerstaat Israel seit langem über Atomwaffen verfügt. Und nun wird er wieder der Provokation Israels bezichtigt, weil er in einem neuen Band eines von 87 Gedichten dem Schicksal von Mordechai Vanunu widmet, jenem Mann, der es als einziger gewagt hatte, die streng geheimgehaltene Herstellung von nuklearen Sprengköpfen in Israel der Weltöffentlichkeit preiszugeben.

Denken wir an jedes beliebige Land auf dieser Erde und stellen wir uns vor, dass dort heimlich an der Herstellung von Atomwaffen gearbeitet wird. Schmuggelt einer der Forscher Dokumente ins Ausland, durch welche die Herstellung nuklearer Sprengköpfe belegt wird, mag er in den Augen des betroffenen Landes sicher als Verräter gelten. Doch was würde der Rest der Menschheit über ihn denken? Wäre er nicht ein Held, der sich für die Erhaltung des Weltfriedens einsetzt?

Was bewegt nun deutsche Medien dazu, Grass’ Feststellung, dass es sich bei Mordechai Vanunu um einen Helden handelt, in Frage zu stellen? Zweifellos unter Einsatz seines Lebens gelang es ihm, jene Dokumente, durch welche die Herstellung von Massenvernichtungswaffen in Israel belegt wurde, nach London zu schmuggeln. Sein erster Versuch, die Öffentlichkeit in Kenntnis zu setzen, scheiterte. Robert Maxwell, Verleger von Daily Mirror, informierte kurzerhand Tel Aviv (so stellen wir uns „aufrichtigen Journalismus“ vor). Die Sunday Times nahm sich des Skandals jedoch an und brachte die Fakten, nach eingehender Überprüfung durch den britischen Atomexperten Frank Barnaby, am 5. Oktober 1986 zur Veröffentlichung.

Mordechai Vanunu befand sich an diesem Tag aber bereits in einem israelischen Kerker. Unter Mitwirkung eines weiblichen Mossad-Lockvogels wurde er am 30. September 1986 von Rom aus nach Israel entführt; eine illegale Geheimdienstaktion, die gewiss ebenfalls schwere Kritik nach sich ziehen würde, steckte ein anderes Land dahinter.

Es folgte eine Verurteilung zu 18 Jahren Gefängnis wegen Landesverrats und Spionage.

Was diese Haftstrafe betrifft, zeigt sich ein sonderbarer Irrtum gleich in mehreren deutschen Zeitungen. In einer ganzen Menge von Artikeln, u. a. bei Spiegel, Die Welt, Focus und Handelsblatt, findet sich exakt dieselbe Formulierung der Falschinformation: „Elf Jahre saß Vanunu im Gefängnis, kam danach unter Auflagen frei.“

Vanunu büßte die volle Strafe ab. Sowohl in der englischen als auch der deutschen Ausgabe von Wikipedia lässt sich nachlesen, dass er am 21. April 2004 – also nach 17 Jahren und knapp 7 Monaten – aus der Haft entlassen wurde. Auch die israelische Zeitung Haaretz, die über Grass’ neues Gedicht berichtet, bestätigt, dass Vanunu 18 Jahre in Einzelhaft verbrachte.

Obwohl er seine Strafe restlos abgebüßt hat, wurden trotzdem strenge Auflagen über ihn verhängt. Bis heute ist es Mordechai weder gestattet, Israel zu verlassen, noch steht im das Recht zu, mit Ausländern Kontakt aufzunehmen. Wegen diverser Vergehen gegen diese Auflagen wurde er während der vergangenen acht Jahre bereits mehrmals von neuem inhaftiert.

Wie ist es möglich, dass gleich mehrere deutsche Zeitungen die falsche Information in exakt demselben Wortlaut wiedergeben? Weil sie von Nachrichtenagenturen so übermittelt wurde. Verstöße gegen die journalistische Sorgfaltspflicht gelten gewiss nicht als schwerwiegend, wenn sie im Sinne des Zeitgeists passieren.

Und wie verhält sich die selbsternannte „Weltpolizei“, also die Vereinigten Staaten, gegenüber dem Umstand, dass Israel über Atomwaffen verfügt? Bei Wikipedia (englisch) findet sich im Artikel über Mordeachai Vanunu folgende Feststellung:

„Durch das Unterlassen einer Bestätigung bezüglich des Besitzes von Atomwaffen vermeidet Israel vom US-Verbot der Unterstützung von Ländern, die ihr Potential an Massenvernichtungswaffen vergrößern, betroffen zu sein. Ein entsprechendes Zugeständnis würde ein Fortführen militärischer und anderer Subventionen durch Washington in der Höhe von mehr als zwei Milliarden Dollar jährlich unterbinden.“

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