Sonntag , 19 Mai 2019
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„Freier Journalismus“ und das falsche Bild des Iran

teheranWarum halten so viele Menschen an einem Weltbild fest, das jeder Logik widerspricht? Zweifellos leistet die vereinheitlichte Berichterstattung in den Medien ihren Beitrag. Wie „frei“ ist also „freier Journalismus“? Sind sich Redakteure ihrer Eingeschränktheit bewusst? Was passiert, wenn einer aus der Reihe tanzt? Das jüngste Beispiel dafür bietet Ken Jebsen, ehemaliger Mitarbeiter von Rundfunk Berlin-Brandenburg. Seine Analyse über die Situation im Iran – Jebsen ist persischer Abstammung – bietet einen objektiven Einblick in die bedrohlichen Entwicklungen. Neben nicht konformer Berichterstattung, wirft man ihm obendrein aber auch noch eine antisemitische Einstellung vor, damit es ja niemand wagt, sich zu seiner Verteidigung zu erheben.

Es liegt schon einige Monate zurück, dass ich ein Gespräch mit einem Mitarbeiter einer namhaften deutschen Zeitung führte. Ich gehe davon aus, dass es auf allgemeines Verständnis stößt, dass ich keinen der beiden Namen zitierte. Ich wollte von ihm jedenfalls wissen, ob ihm und seinen Kollegen exakte Richtlinien für die Art ihrer Berichterstattung vorgegeben seien. Er erklärte mir, dass dies nur gelegentlich der Fall sei. Doch im allgemeinen weiß einfach jeder, was bei der Redaktion willkommen ist – und was nicht. Die Linientreue wird nicht direkt erzwungen. Allerdings, verstößt jemand gegen die ungeschriebenen Verordnungen, so kann es durchaus passieren, dass er zu einem Gespräch gebeten wird. Und den eigenen Job zu erhalten, hat logischerweise Vorrang.

Einer der schwarzen Schafe ist der 45-jährige Ken Jebsen. Er verfügt über mehr als zwei Jahrzehnte journalistischer Erfahrung  18 Jahre arbeite er mit RBB zusammen. Seit April 2001 moderierte und produzierte er die von ihm selbst konzipierte äußerst beliebte Radioshow „KenFM“. Am 6. November wurde seine Sendung als Warnung erst einmal ausgesetzt. Am 23. November wurde die Zusammenarbeit endgültig aufgelöst.

Als Anlass dafür zitiert Der Spiegel Claudia Nothelle, die Programmdirektorin des RBB: „Der Sender hat Herrn Jebsen gegen den Vorwurf verteidigt, er sei Antisemit und Holocaust-Leugner. Allerdings mussten wir feststellen, dass zahlreiche seiner Beiträge nicht den journalistischen Standards des RBB entsprachen.“

Was und wie berichtet werden darf, um den „journalistischen Standards des RBB“ zu entsprechen, wird nicht näher erläutert. Es ist aber auch zu lesen, dass ihm nahegelegt wurde, sich weniger um politische Themen anzunehmen. Kein Wunder, wenn man seine Ansichten einmal kennt.

Aber, leuchten nicht sofort die roten Warnlichter im Hinterstübchen des Gehirns auf, läuft es einem nicht sofort kalt über den Rücken, drängt sich nicht sofort ein „Ach so ist das“ auf, beim Lesen der Worte „Antisemitismus“ und „Holocaust-Leugner“? Verspüren wir nicht sogleich eine Tendenz, das Thema abzuhaken? Wer will denn auch nur irgendetwas mit „so Einem“ zu tun haben?

Aber langsam. Bleiben wir erst einmal am Boden der Objektivität. Was genau wird Ken Jebsen hier vorgeworfen?

Der Spiegel zitiert den Stein des Anstoßes. In einer Email, das er nach einer Sendung an einen Hörer schrieb, fand sich folgender Satz: “Ich weiß, wer den Holocaust als PR erfunden hat!”

Erst einmal tief schlucken, dann aber trotzdem objektiv bleiben.

Abgesehen davon, dass es sich bei dieser Email offensichtlich um eine Antwort auf eine Zuschrift handelte und wir über keine Informationen bezüglich des Zusammenhangs verfügen, lesen wir diesen Satz ein zweites Mal: “Ich weiß, wer den Holocaust als PR erfunden hat.” Ja, zweifellos finden sich darin die beiden Worte, die grundsätzlich niemals im selben Satz stehen dürften: „Holocaust“ und „erfunden“. Aber, steht zwischen diesen beiden Worten nicht: „als PR“?

Hier würde ich gerne auf ein durchaus lesenswertes Buch verweisen: „Die Holocaust-Industrie: Wie das Leiden der Juden ausgebeutet wird“, von Norman Finkelstein. Ausführlich erklärt der Autor, welche Geschäfte sich um diesen überaus tragischen und unverzeihlichen Massenmord ranken. Er erklärt, wie es dazu kam, dass, obwohl nicht mehr als 100.000 Juden bei Kriegsende aus nazi-deutschen Konzentrationslagern befreit wurden, die Zahl der sogenannten „Holocaust-Überlebenden“ im Laufe der Jahrzehnte auf eine Million ansteigen konnte. Und das letzte, was man Finkelstein vorwerfen könnte, wäre Antisemitismus. Seine eigene Mutter zählte zu den Opfern des Holocaust, wurde glücklicherweise befreit und später mit einer lächerlich niedrigen Summe entschädigt.

Nochmals zitiere ich Jebsen: „Holocaust als PR.“

Trotz einiger demagogischer Ansätze im zitierten Spiegel-Artikel, wird die Stellungnahme des Journalisten-Kollegen, die er zu den Vorwürfen des Antisemitismus bei Youtube eingesetzt hatte, verlinkt. Immerhin, wenn auch ein kleiner, aber doch ein fairer Zug.

Doch warum wollte man Ken Jebsen nun tatsächlich loswerden? Wegen eines einzigen Satzes, der missverstanden werden könnte? Oder doch eher, weil er sich nicht an vorgegebene Richtlinien hielt?

Wie schon anfangs erwähnt, ist Jebsens Vater Perser. (Jebsen ist der Mädchenname seiner deutschen Mutter.) Zwar sind seine Analysen über die politischen Entwicklungen in und um den Iran bei weitem nicht der einzige Stein des Anstoßes, doch, nachdem gerade dieses Thema zur Zeit wieder einmal sehr aktuell ist, lässt sich dadurch vielleicht sogar am besten beleuchten, warum es nicht willkommen ist, dass sich seine Meinung verbreitet.

Seine, am Ende dieses Artikels eingesetzte, 14-minütige Erklärung beginnt mit dem Satz: „Der Krieg gegen den Iran ist beschlossen. Basta!“ Und warum? Weil der Iran eine Bedrohung für die Welt darstellt? Weil dieses Land – wie George W. Bush es einst formulierte – der „Achse des Bösen“ angehört? Solche und ähnliche Kommentare sind wir gewohnt. Jebsen kann nicht umhin, seine gewohnt spitze Zunge einzusetzen. Er berichtet von den Menschen im Iran und fügt hinzu: „Und ja, Iraner sind auch Menschen!“

Das Problem ist jedoch, dass sich in diesem Land, neben Saudi Arabien, die größten Öl- und Gasreserven befinden. Und es wird immer offensichtlicher, dass sich einige internationale Konzerne nun endgültig dieser Energiequellen zu bemächtigen versuchen. Immerhin, die ersten Bohrungen und Förderungen wurden von British Petrol, dem Vorgänger von BP, ausgeführt.

Doch Anfang der 1950er-Jahre kam es, unter Präsident Mohammed Mossadegh, zu einem folgenschweren Ereignis. Das Volk erhob sich gegen seine Regierung. Und warum? Weil sie es gewagt hatte, Verträge zu brechen, um das iranische Erdöl dem iranischen Volk zugute kommen zu lassen. Dass sich das Volk mit allen Mitteln gegen die Verstaatlichung von nationalen Rohstoffen, die von privaten ausländischen Konzernen ausgebeutet werden, zur Wehr setzt, mag der Logik widersprechen. Doch was versteht das Volk schon? Hinter den Revolten standen natürlich die amerikanische CIA und der britische MI6. Mossadegh wurde verhaftet und Schah Reza Pahlavi konnte wieder in den Iran zurückkehren. Über die staatliche Medienkontrolle und schwere Menschenrechtsverletzungen, inklusive Folter und politische Morde, unter dem Schah-Regime, konnte man leicht hinwegsehen. Hauptsache, das Öl floss durch die richtigen Kanäle. Der Schah galt als willkommener Bündnispartner. Sowohl die USA als auch Israel belieferten den Iran zur dieser Zeit mit den modernsten Waffensystemen.

Eines Tages erfolgte eine neue Revolution. Obwohl unter Ayatollah Khomeini der Ölhandel mit dem Westen fortgeführt wurde, unterstützen die Vereinigten Staaten beide Seiten in dem acht Jahre andauernden Krieg zwischen dem Iran und Irak. Ja, auch das scheint vergessen zu sein, dass der spätere „böse Diktator“ Saddam Hussein einst ein willkommener Bündnispartner der USA war.

Dass Menschenrechte von der derzeitigen iranischen Regierung nicht sonderlich respektiert werden, darauf verweist Jebsen ohne jegliche Beschönigung. Was er in diesem Zusammenhang jedoch deutlich hervorhebt, ist der Umstand, dass der Westen in vergangenen Zeiten damit überhaupt keine Probleme hatte. Erst jetzt sorgen Menschenrechtsverletzungen immer wieder für Schlagzeilen. Und zwar, um die wahren Gründe für den bevorstehenden Konflikt zu verschleiern: Iranisches Erdöl.

Und wie sieht es mit der Gefahr einer atomaren Bewaffnung aus? Selten erinnern die Medien daran, dass es sich beim Iran um ein großes und mächtiges Land handelt. 74 Millionen Menschen leben auf einer Fläche, die fünfmal größer ist als die von Deutschland. Und der Iran ist von Atommächten umgeben. China, Russland, Indien, Pakistan und Israel. Staaten wie Irak, Afghanistan, Turkmenistan, die Türkei, Kuwait und Saudi Arabien dienen den Amerikanern als Militärbasen. Warum soll es dem Iran nicht zustehen, für seine eigene Verteidigung zu sorgen? Weil es sich um einen Schurkenstaat handelt? Wer Ahmadinedschad unberechenbar ist? Ja, genau diesen Eindruck versuchen die westlichen Medien uniform zu verbreiten. Und genau dagegen lehnen sich Journalisten wie Ken Jebsen auf. Und genau deswegen, wurde seine Zuhörerzahl auf den Kreis jener reduziert, die ihm auch auf Youtube folgen.

Auf seiner langjährigen journalistischen Erfahrung beruhend, verfügt Jebsen bereits über eine gewisse Vorstellung, wie sich der Krieg gegen den Iran abspielen wird. Er erwartet, dass eines Tages eine Reaktion auf die unzähligen Provokationen erfolgen könnte, etwa der Abschuss eines Spionage-Flugzeuges. Er erwartet, dass der Konflikt in den Medien in einer Art und Weise dargestellt werden wird, die den Eindruck erweckt als hätte der Iran einen Angriff gegen seine Nachbarstaaten durchgeführt, und dass sich diese bloß zu verteidigen versuchten. Ohne Hinweis auf gezielte Koordination durch die Westmächte.

Und wieder einmal kann Ken Jebsen es nicht unterlassen, ein Tabu zu brechen. Und zwar erinnert er an einen Vorfall aus dem Jahr 1967, über den nur wenige Menschen bescheid wissen. Während des sogenannten Sechstagekrieges, wurde das amerikanische Aufklärungsschiff USS-Liberty von israelischen Kampflugzeugen angegriffen und schwer beschädigt. 34 US-Matrosen wurden getötet und 172 weitere verletzt. Obwohl der Funkverkehr der USS-Liberty gezielt gestört wurde, um Notrufe zu unterbinden, erklärte die damalige israelische Regierung den Vorfall als Irrtum. Der Schluss liegt nahe, dass Ägypten für den Beschuss zur Verantwortung gezogen werden sollte, um einen amerikanischen Angriff auf Kairo zu provozieren. Bis heute bemühen sich Überlebende um eine Wiederaufnahme der damals unglaublich rasch abgebrochenen Ermittlungen. (Ergänzend möchte ich auf den, von den Amerikanern selbst inszenierten, Angriff auf die USS-Maddox im Jahr 1964 verweisen, der den Nordvietnamesen in die Schuhe geschoben wurde, um einen Kriegseintritt der USA zu rechtfertigen.)

Allein dieser abschließende Hinweis auf moderne Kriegsstrategien belegt, dass Ken Jebsen nicht viel von vorgegebenen Richtlinien  in seiner Sendungsgestaltung hält. Wie die allgemeine Berichterstattung durch die etablierten Medien deutlich zeigt, wird über derartige Vorfälle, die den Verdacht von Kriegsverbrechen erwecken, der Mantel der Vergessenheit ausgebreitet.

Leider wird Kritik an der Politik des Staates Israel sehr leicht mit Antisemitismus, der verblendeten und oft in Gewalttätigkeit ausartenden Abneigung gegen eine ganze Volks- bzw. Glaubensgemeinschaft, verwechselt. Allerdings, jemandem Antisemitismus deswegen zu unterstellen, weil er auf den lange vergessenen Mord an 34 Angehörigen der amerikanischen Kriegsmarine verweist, wäre kontraproduktiv. Gerade die Erinnerung daran ist schließlich nicht willkommen. Derartige Berichterstattung fällt somit in den Bereich des „Nichteinhaltens verbindlicher Vereinbarungen“ – oder, besser gesagt, der Nichtbefolgung von Weisungen, die es im freien Journalismus eigentlich nicht geben dürfte.

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