Dienstag , 23 Oktober 2018
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Machtwechsel in BaWü – Nach der Feier kommt die Pflicht!

landtagswahl_mappus„Schau dich hier um und dann in dich hinein, denn jeder braucht ‘nen Platz zum glücklich sein, wir laden dich und deine Leute ein, um heute da zu sein wo man sich liebt“, singen die Fantastischen Vier über die Stadt, die es nicht gibt. Seit gestern Abend, 18 Uhr, weiß es ganz Deutschland besser: In Stuttgart ist es zu einer Revolution mit demokratischen Mitteln gekommen. Die Baden-Württemberger haben Geschichte geschrieben und sich nach fast 58 Jahren von ihrer schwarzen Landesregierung losgesagt. Zukünftig regiert mit Winfried Kretschmann erstmals ein grüner Landesvater, unterstützt vom neuen Hoffnungsträger der Sozialdemokraten: Nils Schmid. Heute scheint alles möglich, Politikverdrossenheit war gestern.

Sonntagabend, 22 Uhr auf dem Stuttgarter Schlossplatz. Die Demonstranten und Kopfbahnhof-Sympathisanten haben den Heimweg bereits angetreten, Bühne und Pavillons der „Mappschiedsparty“ werden gerade abgebaut. Eigentlich ist alles wie immer. Aber eben nur eigentlich: Rund um das Neue Schloss haben die Gesetzeshüter Hamburger Gitter aufgestellt, alle 30 Meter steht ein uniformierter Schutzmann und bewacht die Bannmeile rund um den dahinter liegenden Landtag. Die kleinen roten Kontrollleuchten der Funkgeräte funkeln in der Dunkelheit, die Beamten frieren. Vom Gebäude des Württembergischen Kunstvereins schallt tanzbare Musik herüber: Hier feiert heute die Partei der Wahlsieger, Werner Wölfle und Cem Özdemir genießen das Bad in der Menge. Die Nachricht von angeblichen Rangeleien zwischen Stuttgart21-Gegnern und der Polizei am Hauptbahnhof kann die Freude über den Triumph nicht trüben. Die Stimmung ist ausgelassen, die Balkendiagramme des vorläufigen amtlichen Endergebnisses wirken auf den Großbildschirmen noch immer surreal: Das Musterländle der Automobilhersteller, Häuslebauer und Kehrwochen-Fanatiker, gelenkt von der Partei mit der Sonnenblume im Logo?

Es ist das Verdienst eines besonnenen Berufspolitikers aus dem Wahlkreis Nürtingen, der im vorherigen Leben Gymnasiallehrer war. Winfried Kretschmann, der sich mit seiner immerzu knarzigen Stimme, seinen weißen Igelhaaren und mitunter etwas komplizierten Ausdruckweise in die Herzen der Bürger geschlichen hat. Unauffällig, aber bestimmt. Wer bei den Geißler’schen Schlichtungsrunden noch an der rhetorischen Kompetenz des 62jährigen zweifelte und sich lieber an der Redekunst des Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer ergötzte, dem wurde mit immer näher rückendem Wahltermin mehr und mehr klar: Winfried Kretschmann ist wie geschaffen für den Bau einer tragfähigen Brücke zwischen grünen Stammwählern und Wutbürgern mit konservativer Vergangenheit. Menschen, die in ihrem Leben nichts anderes als CDU gewählt haben, taten plötzlich öffentlich kund, das Kreuz in diesem Jahr bei Kretschmann zu machen.

Nach dem beeindruckend hartnäckigen und ausdauernden zivilen Protest der Stuttgarter Bürger für einen modernisierten Kopfbahnhof – und zuletzt auch wieder vermehrt gegen Atomkraft – muss nun die politische Klasse grün-roter Färbung ihr Können beweisen und bis zur konstituierenden Sitzung des neuen Landtages am 11. Mai eine verlässliche Regierung zusammenstellen. Es nähme Wunder, wenn dem Kabinett dann nicht auch ein gewisser Boris Palmer aus Tübingen angehören würde: Wer, wenn nicht der ehemalige verkehrspolitische Sprecher der grünen Landtagsfraktion könnte sich als neuer Verkehrsminister dem Projekt Stuttgart 21 annehmen?

Die grüne Wahlparty ist überfüllt, vor dem Eingang hat sich eine lange Warteschlange gebildet. Noch immer kommen Menschen in die Stadt um an diesem historischen Abend dabei zu sein. Und dann spricht ein Polizist am Absperrgitter ganz unerwartet einen Satz aus, der Gänsehaut hervorruft: „Ich darf Sie hier nicht durchlassen, aber das hier ist eine gute Stelle: Wenn Sie noch einen kleinen Moment warten, sehen Sie gleich den neuen Ministerpräsidenten vorbeilaufen.“

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