Dienstag , 20 August 2019
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Berufsarmee könnte zu einer Bedrohung werden

deutsche_soldaten_bosnienDie Formulierung ist zwar ungewohnt, doch bei verbindlicher Wehrpflicht handelt es sich um Zwangsarbeit, auch wenn Sozialdienst als Alternative angeboten wird. Das Aussetzen der Zwangsrekrutierung ist so gut wie beschlossen. Auf den ersten Blick wirkt eine Berufsarmee, wie sie in Amerika seit fast vier Jahrzehnten besteht, als perfekte Lösung. Allerdings könnte sie auch Gefahren mit sich bringen, und auf einige davon verweist der „weise alte Mann“ Deutschlands, Helmut Schmidt, in einem Gespräch mit Die Welt. Eine Armee, die aus langfristig verpflichteten Profikämpfern besteht, könnte ihre Bevölkerungsnähe einbüßen. Das Tempo, mit dem diese neue Entwicklung vorangetrieben wurde, sollte vielleicht auch etwas zu denken geben.

Ende März, als noch Diskussionen um eine Verkürzung der Wehrpflicht im Gespräch standen, veröffentlichte The Intelligence einen Artikel, der sich mit den moralischen Grundsätzen dieser unfreiwilligen Dienstleistung auseinander setzte. Mit Sicherheit passt es nicht in das Konzept einer demokratischen Gesellschaft, dass jungen Menschen ein Jahr ihres Lebens abverlangt wird, um die Verteidigung eines Landes zu sichern, das keiner erkennbaren militärischen Bedrohung ausgesetzt ist.

Vom Kabinett ist es bereits beschlossen, Bundesrat und Bundestag müssen noch abstimmen, dass die allgemeine Wehrpflicht per 1. Juli kommenden Jahres „ausgesetzt“ wird, was bedeutet, dass sie in Krisenzeiten sofort wieder eingeführt werden könnte. Nach der letzten Zwangsrekrutierung am 1. Januar 2011 sollen nur noch Freiwillige in der Bundeswehr Dienst leisten. Neben dem damit verbundenen Ende der „Sklavenarbeit“, bringt eine Berufsarmee, die eine Stärke von 185.000 Mann umfassen soll, auch den Vorteil der Arbeitsplatzbeschaffung mit sich. Außerdem ist der Dienst mit der Waffe gewiss nicht jedermanns Sache, und die Freiwilligkeit bringt natürlich auch mit sich, dass nur Männer, die sich als Kämpfernaturen betrachten, diesen Beruf wählen werden.

Diejenigen, die sich zur Verfügung stellen, sollten sich natürlich auch darüber bewusst sein, dass die Anforderungen, die an Berufssoldaten gestellt werden, deutlich höher liegen. Immerhin wählen sie ihr Schicksal aus freien Stücken. Öffentliches Interesse, die letzten Reste von Menschenwürde zu erhalten, versiegt. Wie sich bei der amerikanischen Armee zeigt, steigt der physische ebenso wie der psychische Druck. Die Freiwilligkeit endet mit dem Unterzeichnen der Verpflichtung. In den folgenden Jahren gibt es kein Zurück.

Josef Jotte von Die Zeit sprach mit Altbundeskanzler Helmut Schmidt. Die ersten Bedenken, die dieser äußerte, bezogen sich auf Auslandseinsätze. Während sich Wehrpflichtige nicht ohne weiteres in Kriegsgebiete entsenden lassen, könnte von einem deutschen Berufsheer durchaus mehr Engagement verlangt werden. Doch dann kam Helmut Schmidt auf die langfristigen gesellschaftlichen Auswirkungen zu sprechen, die einstweilen noch nicht bedacht sind. Zur Begeisterung des Publikums verwies er noch auf die Zweifel am Afghanistan-Einsatz, die von allen außer Bush junior geteilt werden. „Oder von Guttenberg“, fügte Josef Jotte hinzu, der kürzlich in Goebbelsmanier die Propagandamühlen durch die Mitnahme seiner Frau als „Gattin und Mutter“ an die Frontlinien in Bewegung brachte.

Der nächste, der wichtigste Punkt fand seine Einleitung durch einen Blick in die Vergangenheit, zurück in die Weimarer Republik. Ein isoliertes Heer, das zum „Staat im Staate“ werden könnte. Wie sich am Beispiel Amerikas zeigt, verpflichten sich vorwiegend Männer und Frauen aus den untersten sozialen Schichten dem Militärdienst. Auf unsere Situation bezogen, verwies Altkanzler Schmidt auf „die Aufmischung der europäischen Gesellschaft durch die Einwanderung aus völlig fremden Zivilisationen“, was, wenn auch lösbare, Zerwürfnisse mit sich bringen mag. So könnte sich ein Heer, das aus freiwilligen Berufssoldaten besteht, aus „Migranten“ – wie Schmidt es formulierte – zusammensetzen. „Bildungsferne Schichten“, korrigierte ihn Jotte. „Bildungsferne Schichten, prekäre Schichten, lauter neue Stichworte. Wir meinen in Wirklichkeit das selbe“, fuhr Schmidt fort. „Es kann sich eine ganz andere Zusammensetzung der Armee ergeben wie die Zusammensetzung der Gesellschaft im übrigen.“ Nicht, dass es so kommen muss, doch es sollte darüber nachgedacht werden, „dass es nicht auf diese Weise schief geht“.

Wir möchten uns hier keinesfalls für die Weiterführung der Zwangsrekrutierung aussprechen. Doch handelt es sich bei der Armee und das mächtigste Instrument eines Staates. Rund 200.000 Männer, die mit Sturmgewehren und anderen Waffen ausgerüstet sind. Handelt es sich bei diesen überwiegend um junge Menschen, die ein Jahr ihres Lebens zu opfern gezwungen werden, Menschen wie Sie und ich, so wäre es kaum vorstellbar, dass sich dieses Machtinstrument vielleicht eines Tages gegen Sie und mich richten könnte. Doch wie sieht es aus, wenn es sich um eine isolierte Gruppe handelt? Um Menschen, die über Jahre hinweg zu bedingungslosem Gehorsam gedrillt werden? Menschen, die sich aus – was auch immer für Gründen – von der Gesellschaft ausgegrenzt fühlen?

Ungeachtet der rechtlichen Frage, Militäreinsätze im eigenen Land liegen fern unseres Vorstellungsbereiches. Darauf zu verweisen, dass wir uns vor gar nicht so langer Zeit auch keineswegs vorstellen konnten, uns vor dem Besteigen eines Flugzeuges bis auf die Haut durchsuchen zu lassen, mag als harmloser Vergleich klingen. Trotzdem erinnert es daran, dass jede neue Entwicklung Veränderungen mit sich bringt. Ausnahmesituationen, von einem möglichen wirtschaftlichen Zusammenbruch, echten oder inszenierten Terroranschlägen, bis hin zu Naturkatastrophen könnten eines Tages Situationen mit sich bringen, die das Undenkbare zur Realität werden lassen. Auch Polizisten führen Schusswaffen bei sich, doch setzen sich die Polizeikräfte aus Menschen zusammen, die in unserer Mitte leben, nicht aus trainierten Kampfmaschinen, die sich unter Umständen sogar niemals als Teil unserer Gesellschaft betrachteten.

Wir hoffen, dass derartige Fälle niemals eintreten werden. Wir sind gewohnt, ohne Waffen zu leben. Somit sollten wir aber auch unbedingt darauf achten, wem solche in die Hand gedrückt werden.

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