Dienstag , 21 Mai 2019
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Neukölln ist überall? Kultur selber machen: innovativ, sozial und nachhaltig

mareen schollInterview mit den Kulturarbeiterinnen Mareen Scholl und Dana Köhler – Aktuelle Studien legen den Schluss nahe, dass ein Kollaps der gegenwärtigen Zivilisation nicht mehr aufzuhalten ist. Doch in diesem Niedergang liegt auch eine einmalige Chance für einen gründlichen Neubeginn und für neue nachhaltige Gesellschaftsformen.

Barry Wellman, der den Begriff networked individualism prägte, reflektiert mit diesem die sich wandelnden Kommunikationsweisen der Menschen, die jetzt nicht mehr auf lokale soziale Unterstützung zur Verwirklichung ihrer Ideen länger angewiesen sind, sondern inzwischen auf eine riesige Zahl globaler Netzwerke zurückgreifen können.

Die hochgradige Individualität der Menschen, die sich u.a. daran zeigt, welche Netzwerke sie benutzen und welche nicht, ist auf einer Stufe nun ausgereizt, entwickelt sich aber auf einer anderen weiter, bei der es darum geht welche Kombination an Netzwerken wir auf welche Art genau nutzen. Dieser Schritt hin zu einer networked society hat weitreichende Auswirkungen darauf auf welche Art Menschen gemeinsam aktiv werden und was sie von ihren Regierungen verlangen. Wie Michael Gurstein beobachten konnte, verwandeln die sozialen Medien unsere lokalen Gemeinschaften innerhalb des städtischen Raumes, so dass ein tiefgreifender Gesellschaftswandel möglich wird. Denn durch die Vernetzung entsteht eine neuartige Dynamik, die uns dabei unterstützen uns nicht länger als fragmentierte Individuen wahrzunehmen, sondern als organisch und technisch mit der ganzen Welt verbundene Wesen. Aus dem inneren Wissen um diese Verbindung kann eine Kraft hervorgehen, die es ermöglicht die Welt im Sinne wahrer Nachhaltigkeit umzugestalten. Als miteinander verbundene Gefährten unterlägen wir nicht länger der lähmenden Entfremdung der bisherigen kalten und ausbeuterischen Informationsgesellschaft. Indem wir uns interpersonal wahrnehmen, entwickeln wir eine shared-identity.

Sozialer Wandel verlangt heutzutage auch nach einer neuen Rolle der Kunst. Es geht dabei vor allem auch um die Kraft, die in der Kunst steckt, soziale Konventionen aufzubrechen. Das Individuum erkennt sich bei solchen Prozessen als gleichermaßen politisches wie geistiges Wesen. Ein Denken, welches so vernetzt und komplex wäre, dass es solche Gebiete wie Kunst, Natur, Politik und Spiritualität zusammenführen könnte, ist im Entstehen. Wir können es an den unerwartetsten Orten um uns herum aufkeimen sehen, wenn wir nur bereit sind genau genug hinzuschauen. Das folgende Gespräch über Kulturarbeit mit Mareen Scholl und Dana Köhler fand statt im Rahmen der EXPERIMENTDAYS 2012 in Berlin.

Ansätze für eine einsetzende Transformation unserer gesamten Kultur sind z.B. das Kulturfestival 48 Stunden Neukölln, oder so ein Camp hier bei den EXPERIMENTDAYS. Statt nach bürokratisch oder kommerziell vorgegebenen starren Strukturen entwickeln sich solche Formen prozesshaft dynamisch. Ihr beschäftigt euch theoretisch wie praktisch mit der Entstehung solcher neuartigen kulturellen Strukturen der gemeinschaftlichen Verständigung.

Ansätze wie hier sind sicher noch die Ausnahmen innerhalb der nach wie vor durchkommerzialisierten Kunst-und Eventkultur, die uns umgibt.

Eine Grundaussage, die auch schon im Rahmen der EXPERIMENTDAYS letztes Jahr in Wien thematisiert wurde, ist: Leerraum bedeutet Kreativraum. Mareen, siehst Du Berlin mit seinen vielen Leerräumen als Wegbereiter einer neuen Art von Stadtkultur?

Mareen: Dies ist eine schwierige Frage, weil Berlin eine sehr spezielle Form von Stadt ist. Berlin hat sozusagen das Glück spezifischer Vorbedingungen, die allerdings auf einer leidvollen Historie von kriegerischer Zerstörung, parteiideologischer Gesellschafts(de-)konstruktion und ganz persönlichen wie kollektiven Dramen und Traumata basieren. Aufgrund der deutschen Nachkriegs- und Nachwendegeschichte konnten sich hier Kiez-, Sub- und Avantgardekulturen in einem Ausmaß entwickeln, wie es nur wenigen Orten vorbehalten bleibt. Dennoch ist diese Entwicklung ein historischer Sonderfall, der zum einen auch eine gewisse Form von provinziellem Inseldenken hervorgebracht hat und zum anderen aufgrund seines Sonderstatus so nicht eins zu eins auf andere Orte zu übertragen ist. Sicher wäre es toll, wenn mehr Orte auf solche Freiräume als urbane Grundstruktur zurückgreifen könnten. Wo nicht finanzieller Entwicklungsdruck, sondern kreativer und sozialer Tatendrang die städtische Gestaltung bestimmen. Wobei eben diese räumlichen wie ideellen Freiräume Berlins ja gerade im Verschwinden begriffen sind und die Bestehenden um ihre Existenz kämpfen müssen. So bedauernswert das ist, ist dies bis zu einem gewissen Grad eine normale Entwicklung. Zu weiten Teilen ist das aber vor allem hochgradiges politisches Versäumnis und kurzsichtige Dummheit. Dies wird sich in nicht allzu ferner Zeit rächen, wenn nicht schleunigst gegengesteuert wird, wie zum Beispiel beim Thema Liegenschafts- und Mietpolitik. Berlin steht gerade vor der Herausforderung zu lernen, wie eine zukunftsfähige Weiterentwicklung im Zuge der „Normalisierung“ der politischen, gesellschaftlichen und räumlichen Bedingungen aussehen könnte. Berlin passt sich zunehmend an die globalen Gegebenheiten an, wie andere Städte auch und verliert mehr und mehr seinen Sonderstatus. Insofern sehe ich die Stadt Berlin nicht unbedingt als Wegbereiterin, mehr als Impulsgeberin, die aufpassen muss, dass sie nicht von anderen Städten überholt wird bzw. sie ihre Einzigartigkeit nicht mit einer Marketingstrategie verwechselt. Eine Stadt muss auch mit und nach dem Hype weiterleben, Touristen kommen und gehen, die Bewohner aber bleiben und gestalten. Insofern sollte die Stadt Berlin die Leistungen ihrer Bürger anerkennen, all die kleinteiligen, kreativen und engagierten Akteure würdigen und ernst nehmen. Hier kann Berlin schon als Vorbild dienen, denn die Stadt hat eine Lebensqualität, die vielerorts fehlt, und es gibt immer noch genug Ideen und Kräfte, die bewusst oder unbewusst nachhaltige Strategien voranbringen und qualitativen sozialen und kulturellen Reichtum schaffen und nicht zu selten auch lokale und alternative Ökonomien stärken. Gleichzeitig müssen auch die kreativen und informellen Stadtakteure dazulernen, da die Zeiten des radikalen und sorglosen Experimentierens vorbei sind. Es ist Zeit für starke Kooperationen über die eigene Szene hinaus. Nachhaltigkeit darf sich nicht auf ökologische Belange beschränken. Jeder, dem Berlin am Herzen liegt, sollte Verantwortung übernehmen und sich bewusst sein, dass die alten Freiräume keine Selbstverständlichkeit mehr sind, sondern konkretes Handeln und energischen Einsatz erfordern. Davon abgesehen muss jeder Ort selbst herausfinden, was zu ihm passt, wo lokale Bedürfnisse und Notwendigkeiten liegen.

Ich kann auch mit dem Begriff der Leerräume nichts anfangen. Viel spannender und hilfreicher finde ich den Begriff der Zwischenräume. Ich bezweifle, dass es im städtischen Kontext einen Leerraum überhaupt gibt, ein Raum bzw. Ort hat immer eine Geschichte und existiert in bestimmten Zusammenhängen bzw. Spannungsfeldern, die ihn zu dem gemacht haben, was er ist und aus dem heraus er sich auch wieder wandeln wird. Das kann bewusst gestaltend geschehen, wenn man sich Zeit und Achtsamkeit nimmt, ihn zu begreifen und einzugreifen – welcher Art, sei mal ganz dahin gestellt. Oder aber das passiert von ganz alleine, wie sich eben alles im steten Wandel befindet. Hier deutet sich ganz klar die Verantwortung ab, die dem Menschen für seine Umwelt zukommt, denn immer ist es er, der Weichen stellt und Fakten schafft, der unternimmt oder unterlässt, der ausgrenzt oder integriert. Ein Leerraum ist auch nicht erstrebenswert. Dort ist etwas ins Stocken geraten und man wartet in der Isolation auf den nächsten Atemzug, weil die Luft ausbleibt. Offene Räume, die offen für alle möglichen Einflüsse sind, sind dagegen äußerst wichtig. Wo die Grenzen durchlässig sind und zu kommunikativen Schnittstellen werden, ohne, dass sie der Diktatur der Transparenz erliegen.

Da wird die Frage interessant, wie man mit Räumen umgeht, an denen sehr viele und sehr verschiedene Menschen aufeinandertreffen, wie eben in der Stadt. In den Diskursen der letzten Jahre wird immer wieder darauf hingewiesen, dass wir aus Europa hier noch eine Menge lernen können von Mega-Citys wie zum Beispiel Mumbai. Ich selbst habe solch eine Stadt noch nie erlebt, insofern sind die Strukturen für mich fast unvorstellbar. Zugleich verändern sich unsere schön geplanten und traditionellen Strukturen hierzulande merklich in Richtung weniger Sicherheit, weniger Planbarkeit und weniger Homogenität, einhergehend mit dem Rückgang unserer finanziellen Ressourcen. Hinsichtlich des Umgangs mit dem vermeintlichen Chaos, das für so manchen Bürger, Planer oder Politiker ein leidiges Übel und eine Fehlentwicklung darstellt, können wir uns vielleicht wirklich von dort inspirieren lassen – und sei es zunächst einmal die Anerkennung der selbstorganisatorischen Dynamik, das Entstehen sozialer wie ökonomischer Strukturen aus sich selbst heraus, das Auskommen mit wenigen Ressourcen. Was in Städten wie Mumbai aus dem schieren Kampf ums Überleben entsteht, ist auch grundlegend für unsere Städte: das rasante Entstehen und vielschichtige Nebeneinander von hochkomplexen gesellschaftlichen Strukturen, die die Grundlage einer Gemeinschaft darstellen, die zwar nicht romantisiert werden sollte, aber die dennoch in sich funktioniert.

Die Entwicklungen in Neukölln, wo das Kulturfestival 48 Stunden entstand, sind hiermit keinesfalls zu vergleichen. Das Chaos, welches tendenziell ebenso destruktiv wie produktiv wirken kann, ist zwar eine Vorstufe des Kreativen und beide Prinzipien können zur Bildung neuer Strukturen beitragen. In Neukölln handelt es sich aber um eine kreative und soziale Entwicklung, die sehr zwiespältig ist. Seitdem das Festival besteht, hat sich viel im Bezirk verändert. Die sozialen Bedingungen sind in Neukölln zwar teilweise drastisch, trotzdem sind sie keineswegs mit dem Kampf ums Überleben und der Verslumung der Riesenmetropolen zu vergleichen, wo es keine staatliche Hilfe und korrupte Strukturen gibt. Ohne die sozialen Probleme in Neukölln kleinreden zu wollen, gibt es dort einfach auch große Bevölkerungsgruppen, die zunächst von Teilen der Gesellschaft abgewertet oder missachtet werden, die aber auch die Lebendigkeit und die Offenheit des Bezirks ausmachen. Die kreative Entwicklung in Neukölln konnte dort ansetzen, weil sie auf etwas bereits Existierendem aufbaute. Es gab bereits viele Künstler und Lebenskünstler, die sich zusammengeschlossen hatten, um zu zeigen, dass es in Neukölln mehr gab, als das gängige Elendsklischee suggerieren wollte, als Reaktion auf eine mediale Schlammschlacht, die Neukölln als Ghetto pur darstellte. Die kulturellen Akteure sind in Neukölln im Kiez verankert. Es sind vor allem Menschen, die selbst in Neukölln leben und ihre Nachbarschaft kennen. Die ganz aktuellen Entwicklungen ziehen mittlerweile aber unter dem Schlagwort Gentrifikation zumindest teilweise an vielen sozial schlechter gestellten Bürgern vorbei. Ein Teil der kreativen Klasse, die hier maßgeblich mitwirkt, ist nicht unbedingt gleichzusetzen mit dem Teil der Bevölkerung, der direkt von den größten Problemen betroffen ist. Insofern gibt es vielleicht aber doch Ähnlichkeiten zwischen Neukölln und den Megametropolen: Die Probleme sind zahlreich, aber man kämpft zunehmend um Anerkennung und Beachtung der alltäglichen Strukturen und Kulturen, die letztlich Stadt ausmachen. In Neukölln hat die kreative und kulturelle Entwicklung an beiden Entwicklungen Anteil: am Boom des Stadtteils und somit auch der Verdrängung bestimmter Bevölkerungsgruppen, aber auch am Aufbau einer neuen Kiezkultur, die vor allem lokal orientiert ist und auch hiesige Themen und Problematiken aufgreift, die die Gemeinschaft fördert und Potenziale sichtbar macht.

Ihr arbeitet innerhalb verschiedener miteinander vernetzter Gruppen unterschiedlicher Größe und Ausrichtung. Auch 48 Stunden Neukölln entstand ja aus einer Eigendynamik, in die verschiedenste Gruppen miteinander traten, die gemeinsame Interessen entdeckten.

Aus der Kommerzialisierung herausfindend entwickeln wir uns in Richtung Partizipation, offenes Experiment, Nachhaltigkeit. Dies schreibt auch den bisherigen Institutionen, die unsere Kultur verwalteten, eine neue Rolle zu. Statt autoritärer Verwaltung werden sie zu einem Dialog in Augenhöhe sich bequemen müssen, wollen sie nicht ihre Bedeutung ganz verlieren. Wie seht ihr diese Entwicklung?

Mareen: Projekte, die öffentlich gefördert sind, sehen zwar oft von Außen betrachtet toll aus, haben aber dennoch nicht immer ideale Bedingungen. Oft sind sie trotz Förderung hinsichtlich des Aufwands ziemlich unterfinanziert. Auch sind wir mit den EXPERIMENTDAYS zwar keine kommerzielle Kultur, aber eben auch keine wirkliche Sub- oder Kiezkultur. Wie auch die 48 Stunden Neukölln bieten wir solchen Projekten eine Plattform, haben selbst aber vor allem eine vermittelnde Funktion. Wir sind zwar als ein lokales Projekt 2003 in der ufaFabrik entstanden, versuchen aber eher, durch Vernetzung und Kommunikation für Themen der Nachhaltigkeit zu sensibilisieren, auch mit internationalen Netzwerken, was gegenseitiges Lernen unterstützt. Oft sind die Orte und die Kommunikationsmittel, die man für ein Projekt auswählt, auch viel wichtiger als die Förderstrukturen, wenn es um die Frage geht, welche Leute man einbeziehen möchte. Wir wollen zudem keine Sub- und Nischenkultur sein, versuchen aber, diese Strukturen und Qualitäten zu fördern bzw. zu erhalten, wozu es mittlerweile einer offensiven Vermittlung bedarf. Die Qualitäten der selbstorganisierten und kleinteiligen Strukturen brauchen Aufmerksamkeit, um sie gegen die Kräfte der kapitalistisch-ökonomischen Verwertung von Stadt zu schützen, die immer stärker werden. Die Gratwanderung liegt darin, diese Strukturen dann aber auch nicht zu veräußern oder zu kommerzialisieren. Die meisten kleinen Projekte, die die Berliner Stadtkultur ausmachen, sind ja oft die, die sich um die klassischen Förderstrukturen gar nicht scheren, sondern einfach ihr Ding machen, egal, unter welchen Bedingungen und oft mit minimalen Mitteln. Ich denke, die große Herausforderung für nachhaltige Projekte wird es sein, Strategien zu entwickeln, die einen möglichst unabhängig von öffentlicher Förderung machen, was eine gewisse Langfristigkeit schon voraussetzt. Dieses Ideal ist aber für die meisten Projekte nicht realistisch, und so geht bei den meisten Projekten viel zu viel Energie bei Fragen der Geldbeschaffung verloren. Insofern ist es für uns und andere natürlich schon wichtig, von offizieller Seite anerkannt zu werden. Die gängigen Förderstrukturen berücksichtigen einerseits zwar immer mehr Projekte, vergessen dabei aber die notwendige langfristige Planungssicherheit für nachhaltige Sozial- und Kulturarbeit im Kiez. Die Förderung von Vernetzungs- und Kommunikationsarbeit innerhalb lokaler Strukturen wird indes noch kaum bedacht. Klassisches Kulturmanagementwissen bringt alleine auf die Dauer auch nicht weiter. Es geht mehr darum, längerfristige und tragfähige Kooperationen zu schaffen und einen echten Austausch zu initiieren. Das braucht sehr viel Aufbauarbeit.

Dana: Ich kenne diese Frage sowohl aus Deutschland wie auch aus der Schweiz. In Berlin ist das zum Beispiel ganz anders als in Basel. Trotzdem trifft man doch an beiden Orten auch immer wieder auf die gleichen Probleme. Du wirst ernst genommen, wenn du dich mit deinem Projekt über Jahre behaupten kannst. Der Idealismus, der oft im Bereich der Nachhaltigkeit auftritt, kann da die Triebkraft sein, die einen durchhalten lässt. Was sich als Vision schließlich behaupten kann, sind oft Projekte, die möglichst vielseitig organisiert sind. Dies ist auch eine Hauptkraft hier bei den EXPERIMENTDAYS in Berlin, wo ja ganz verschiedene Organisationen zusammenkommen. Wenn jetzt durch die jüngere Generation, die sich fest miteinander verknüpft, der Begriff der Nachhaltigkeit so komplex und zentral wird, dass er nicht mehr von der Öffentlichkeit weggeredet werden kann, tritt ein Wandel der Gesellschaft ein. Der Inhalt der EXPERIMENTDAYS, wie auch von 48 Stunden Neukölln, ist ja die Vernetzung. Beide Veranstaltungen sind auch auf Dauer ausgelegt und existieren bereits seit etwa 10 Jahren. Die eigentliche Arbeit beginnt in beiden Fällen erst nach dem Event. Andererseits gibt es auch viele kleine Initiativen mit ganz anderen Themen, und die möchten oft auch gar nicht alle auf Dauer ausgelegt sein. Oft scheren sich solche Initiativen auch nicht darum, was eine Kulturagenda will. Es ist für mich noch ein großes Rätsel, wie man solche kleine Projekte fördert, ohne sie gleichzeitig zu stören in ihren eigenen Prozessen.

Dana, Du hast gelebt innerhalb eines Projekts wie dem Heilungsbiotop Tamera in Portugal, bei dem eine alternative nachhaltige Lebensform erforscht wird. Auch arbeitest Du für das Netzwerk Green Phoenix, das alle Aspekte vom Ökologischen über das Ökonomische zum zwischenmenschlich Sozialen und dem Bewusstsein selbst berücksichtigt und umfasst. Hier bei den EXPERIMENTDAYS werden ganz unterschiedliche Zielgruppen wie Akteure der Wohnprojektszene, Politik und Verwaltung, Wissenschaftler und Künstler, Aktivisten und Experten, Interessierte und Suchende sowie die allgemeine Öffentlichkeit in lebhaften Austausch miteinander gebracht. Wir haben es also nicht mit dem Format Kongress noch mit dem eines Workshops zu tun, sondern wirklich mit einem Aufeinandertreffen, das von allen Beteiligten Motivation, Konzentration und Offenheit für Unerwartetes verlangt. Wie beziehen sich Deine Erfahrungen aus Tamera auf das, was Du hier erlebst?

Dana: Der Vorteil an einem metropolen Ort wie Berlin ist sowohl der unmittelbare, vielfältige Einfluss und die generelle Offenheit. Tamera ist eher wie von einer Schutzzelle umgeben, dort gibt es Ruhe vor dem direkten Einfluss von außen. Das gibt Tamera überhaupt erst die Möglichkeit, frei zu experimentieren. Radikalität bedeutet an einem Ort wie Berlin eher, genau zu wissen was man will, seinen Fokus nicht zu verlieren und trotzdem offen zu sein. Sich da nicht abbringen zu lassen und eine Beständigkeit im kreativen Chaos zu finden, ist eine Herausforderung. Die Frage, die sich immer stellt, ist: Was will ich verwirklichen und was für äußere Einflüsse fördern mich dabei?

In Tamera hast du eine verhältnismäßig lange Zeitspanne, bis dich eine Rückkoppelung von außen erreicht und verändert. Bei den EXPERIMENTDAYS ist alles sofort auch Teil der Vernetzung mit der Außenwelt, denn es geht ja hier darum, in der Stadt das Modell von Nachhaltigkeit durchzusetzen. In Tamera geht es nicht in erster Linie um Vernetzung, sondern direkt um Umsetzung eines möglichst nachhaltigen Modells. Damit bereitet es eine Grundlage zu bisher unbekanntem Wissen. Meistens durch Verknüpfung verschiedener Techniken oder auch Anwendungen in unterschiedlichen Lebensbereichen. Tamera verschiebt vor allem einen Punkt bisheriger Glaubensfesten, der in der Nachhaltigkeitsdebatte oft vernachlässigt auftaucht oder unterbelichtet dargestellt wird: das Soziale. Da geht es vor allem um die Kernfragen des Sozialen: Was bedeutet es, Mensch zu sein? Wer bin ich als Mensch? Wie verhalte ich mich nachhaltig unter Menschen?

Mareen: Nicht nur ausgehend von meiner Beschäftigung mit Beuys bin ich mittlerweile auf einen neuen Körperbegriff gekommen. Ich bin keine Expertin in Fragen der Anthroposophie, aber Beuys spricht ja auch vom Gesellschaftsorganismus oder dem Gesellschaftskörper. Ich finde es spannend, diese Begriffe mal ganz wörtlich zu nehmen, als etwas Lebendiges, das permanent kommuniziert und interagiert. Dann ist der Einzelne Teil dieses Körpers, und mit meinem Körper stehe ich in diesem Ganzen und positioniere mich darin. Das hat ja auch etwas Performatives. Sowie ich mit meinen Gedanken schon die Welt gestalte, noch auf einer ganz immateriellen Ebene, so bewege ich mich auch gestaltend darin. Physisch, aber auch energetisch. Und auch der ökologische Fußabdruck ist da ja nur ein Sinnbild von vielen, die sich aus dieser Gegebenheit ableiten lassen. Ich denke, die Frage des Körpers wird bei der ganzen Debatte um die Nachhaltigkeit vernachlässigt. Obwohl immer mehr Theorien und die kulturelle Praxis davon ausgehen, dass sich nachhaltige Inhalte nicht in erster Linie durch Wissen, sondern durch Erfahrung, insbesondere durch positiv besetzte Erfahrung, vermitteln lassen.

Mit dem Körperbegriff kann ich auch viel umfassender den Zusammenhang von Natur, Individuum und Gesellschaft begreifen. Hier spielt ein erweiterter Sexualitätsbegriff meiner Meinung nach eine Schlüsselrolle. Der Mensch greift ja nicht nur in die Natur ein, vor allem wirkt die Natur ja auch durch mich. In unserem Umgang mit anderen Lebewesen, seien es Tiere, Pflanzen oder Menschen, zeigt sich unsere Nähe oder eben auch Distanz zu den Wirkkräften der Natur, und hier lässt sich auch ein bewusster Umgang üben, noch bevor es um konkrete Umweltzerstörung oder Gestaltung durch Materielles – zum Beispiel Gebautes oder Produziertes – geht. Der Körper wirkt ja von und in zwei Richtungen. Zum einen ist er das Intimste, das ich besitze. Er bietet mir Schutz, in ihm kann ich mich frei entwickeln. Zum anderen stehe ich mit ihm in permanenter Kommunikation mit dem Außen, ob ich will oder nicht. Insofern ist er Schutz und Medium zugleich. Mein Körper trägt und kommuniziert meine Identität, mit all meinem Wissen und meiner Erfahrung, aber ebenso mit all meinen Ängsten, Blockaden und Zweifeln. Die Bedeutung der Geschlechtlichkeit und Sexualität sollte dabei nicht unterschätzt werden, denn aus diesem Verhältnis zu meinem Körper sprechen all unsere gesellschaftlichen, kulturellen und persönlichen Werte und Muster und somit auch Tabus und Bewertungen. So wie ich mich aber selbst begreife und mit mir umgehe, so gehe ich zunächst auch mit meinem engsten Kreis um – Familie, Freunde, Beziehung. Darüber hinaus bestimmt es, wie ich mich letztlich in der Gesellschaft positioniere. Wie frei, offen und ehrlich bin ich mit mir und kann ich so mit anderen sein? Wie begegne ich der Welt – dem Bekannten und Unbekannten? Man fängt bei Fragen der Nachhaltigkeit immer gleich bei der Gesellschaft an. Dabei ist das ja ein Wechselverhältnis. Es ist nicht nur die Gesellschaft, die angegangen werden muss, ich wirke doch schließlich auch selbst in die Gesellschaft hinein. Da hat Dana recht, wenn sie die Frage nach unseren zwischenmenschlichen Beziehungen anspricht. Wie werden diese gelebt? Ich denke, es gibt ein weit größeres emotionales Potenzial, das nicht gelebt und bearbeitet wird. Da lohnt auch ein Blick auf unsere Wohn- und Lebensstrukturen. Geben wir unseren zwischenmenschlichen Beziehungen genug Zeit und Raum, um sie zu vertiefen und in Austausch zu kommen? Hören wir uns eigentlich zu? Können wir uns überhaupt zeigen, auch mit unseren Schwächen, Fehlern und Ängsten? Leider wird Nachhaltigkeit oft auf ökologische und technologische Belange reduziert.

Dana: Wie gehen wir miteinander um? Wie gehen wir damit um, wenn wir vor der Herausforderung stehen, uns Vertrauen aktiv zu erschließen. Dabei gilt Vertrauen als Kernpunkt einer nachhaltigen Vernetzung. Persönlichkeiten, die dazu in der Lage sind, ruhen ganz fest in sich. Von solch einem Charakter aus gilt es, Fragen zu stellen. Fragen wie: Welche Arten von Kreisläufen beginne ich zu sehen, wenn ich verbunden bin mit der Kraft des Lebens selbst? Diese Kraft ist Eros. Im Generellen bleibt mir dazu zu sagen, dass ich Menschen bisher noch nie so schwitzen gesehen habe, wie in den Momenten, wo sie offenbaren was sie lieben und wie sie lieben. Wenn wir aber diesen Mutschritt immer wieder tun und mit der einhergehenden Offenheit unser Leben angehen, beginnen wir von allein, nachhaltig zu leben.

Mareen: Sie fangen an zu schwitzen, auch das ist spannend. In dem Moment, wo man sich offenbart, tritt das Innen nach Außen, das ist ein Moment von Schönheit und Wahrheit. Der Körper kommt in Fluss und öffnet sich, das ist auch eine notwendige und gesunde Reinigung. Ich beschäftige mich auch viel mit dem Thema Körperflüssigkeiten. Diese Flüssigkeiten und Sekrete sind etwas tief Intimes. Sie halten uns in unseren inneren Kreisläufen aber auch durch Austausch und Absonderung nach Außen am Leben. Unsere physische aber auch seelische Gesundheit basiert auf deren konstanten Fluss. Auch im übertragenen Sinne sagt man ja beispielsweise, die Dinge sind im Fluss, wenn wir in unserer Kreativität und Kraft sind oder auch mit anderen Menschen insbesondere nonverbal harmonisieren. Man kann die gesellschaftlichen Probleme auch auf unser Verhältnis zum Körper und zur Sexualität zurückführen. Wo gibt es dieses Vertrauen, von dem Dana spricht? Unsere Kultur ist ja eine, die auch die Existenz der Körperflüssigkeiten verdrängt. Sie sind in unserer Gesellschaft das größte Tabu, egal, ob es dabei um Schweiß geht, den wir mit Deodorants bekämpfen, oder aber um den Umgang mit Exkrementen, die  – wie auch der Müll unserer Wohlstandsgesellschaft – mit riesigem Aufwand vor dem kulturellen Bewusstsein verborgen werden. Aber wie kann ich mich bei dieser Verdrängung des Körperlichen überhaupt jemandem offenbaren? Das zeigt deutlich, wie stark wir mit Ängsten und Scham belastet sind, wir uns vor einer wirklichen Begegnung verschließen. Ich will bestimmte Errungenschaften der westlichen Zivilisation nicht vollkommen anzweifeln, aber ein Nachdenken über ihre Gestalt und deren Auswirkungen kann sehr erhellend sein. Die Struktur unserer Städte, wie wir Gebäude, Straßen, Plätze und Kanalisationen bauen, und wie wir in dieser physischen wie geistig-emotionalen Stadtlandschaft zusammenleben, ist eine direkte Spiegelung der Art, wie wir mit unserem Körper und seinem Geist umgehen.

Berlin zeichnet sich dadurch aus, dass es hier viele Initiativen gibt, die sich mit dem Thema Stadtentwicklung beschäftigen. Eine dieser Initiativen hat hier bei Euch auf den EXPERIMENTDAYS ein Vernetzungstreffen, sie heißt Team11 und sieht in Berlin gerade ein neues Paradigma ans Licht der Welt kommen, wie Stadt entsteht: Berlin als Stadt der Initiativen und unzähliger urbaner Innovationen, bei denen Bewohner Stadt selber machen. Seht ihr es so, dass durch eben solche Prozesse die soziale Wirklichkeit und die Kunst jetzt immer umfassender miteinander verschmelzen? Werden wir gleichzeitig nun zum Künstler und zum Kunstwerk, indem wir in jedem Augenblick unsere spontane Unmittelbarkeit so leben, dass sie uns zum Austausch mit anderen befähigt?

Mareen: Auf der Stadtentwicklungsebene finde ich das spannend und wichtig, dass selbstorganisierte Projekte dieser Art von sich aus Kraft und Einfluss gewinnen. Doch mit der Entdeckung des Körpers meine ich zunächst die Entwicklung eines ganz anderen Bewusstseins. Es ist wichtig, dass wir selbst bei dem, was wir tun, eine persönliche Weiterentwicklung erleben und auch anstreben. Und das auch immer im Austausch mit anderen, durch die wir uns ja zu Teilen überhaupt erst wahrnehmen können. In der Stadt geht es konkret darum, Kooperationen einzugehen, auf Projektebene voneinander zu lernen und miteinander zu arbeiten, um Stadtentwicklung- und Kiezkulturen zu schaffen, in denen sich gut leben lässt und die die Menschen inspiriert sind. Wenn ich vom Körper spreche, meine ich eher eine Bewusstseinsarbeit. Um Missverständnissen vorzubeugen: das ist auch eine konkrete Arbeit, die überhaupt erst zum wirklichen Austausch mit anderen befähigt. Auch hier ist das eine Wechselwirkung zwischen der Äußerlichkeit der Stadt und der Innerlichkeit der Bewohner, die sich gegenseitig unterstützen können.

Dana: Ich finde jede Initiative hin zur Nachhaltigkeit positiv, egal auf welcher Ebene. Doch bleibt der Aktivismus nach Außen unverbunden mit innerer Bewusstseinsarbeit, dann wirst du nicht wirklich durch ihn verändert. Ist er hingegen verbunden mit dieser Bewusstseinsarbeit, dann beginnst Du anders zu fühlen, wahrzunehmen, zu denken und schließlich auch anders zu handeln. Die ganze Welt wirkt durch dich hindurch und will auch einen vollständigen Ausdruck durch dich finden. An den Stellen, wo das gelingt, leben wir nachhaltig.

Mareen: Was ich draußen erlebe, wirkt sich zwangsläufig immer auch auf mein Innenleben aus. Tendenziell findet in den letzten Jahren vor allem ein Anerkennen der äußeren Prozesse statt, doch die inneren Prozesse finden noch viel zu wenig Anerkennung. Wenn man in der Öffentlichkeit von Bewusstseinsentwicklung spricht, wird man immer noch zunächst mit Kategorien wie esoterisch oder spirituell konfrontiert und findet sich in Nischengebieten wieder. Und es gibt ja tatsächlich diese Gebiete, die sich leider oft nicht genug auf das Außen und die Welt, in der wir leben, beziehen. Letztlich geht es darum, diese beiden Bereiche miteinander in Berührung zu bringen.

Dana: Da, wo du schon bewusst bist, wirkst du schon kreativ und nachhaltig. Aber wo du es noch nicht bist, wird dir das nicht gelingen. Du brauchst dann ein Umfeld, dem du vertraust und welches dir einen Hinweis auf bei dir nötige Wachstumsschritte geben kann.

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Das „id22 Institut für Kreative Nachhaltigkeit“ ist eine zivilgesellschaftliche Non-Profit Organisation, die sich für eine Kultur der nachhaltigen Stadtentwicklung einsetzt. id22 unterstützt und vernetzt hierfür selbstorganisierte engagierte Initiativen und städtische Akteure aus einer Vielzahl gesellschaftlicher Bereiche, um kreative und aktive Beteiligung an urbanen Entwicklungsprozessen als wichtige sozial-politische und gesellschaftliche Kraft zu fördern. Mareen Scholl ist Teil des Vorstandes des id22. Das weitere id22 Team ist eine transdisziplinäre und multikulturelle Gruppe aus Experten und Aktivisten, Studenten und Selbständigen, die auf Architektur, Stadtplanung, Design, Kommunikation und Kulturmanagement sowie Raumstrategien und community development spezialisiert sind: http://id22.net/

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