Freitag , 24 Januar 2020
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Gibt es eine ideale Gesellschaftsform?

ausschnitt schule von athenJede Gesellschaft oder Gemeinschaft, auch wenn sie in ihrer Größe noch so überschaubar ist, braucht eine vorgegebene politische Ordnung. Sie dient sowohl der Stabilität und Sicherheit als auch dem Wohlergehen der Menschen. So sollte es zumindest sein. Um ein bestimmtes System zu verbessern, liegt es nahe, sich mit der Frage zu beschäftigen, was diesem Wohlergehen am ehesten gerecht wird. Würde es ausreichen, die Menschen schlicht danach zu fragen, was sie wollen?

Als Plato sein Werk „Politeia“ verfasste, lagen die ersten Demokratie-Experimente von Athen schon mehr als 100 Jahre zurück. Platos Niederschrift zufolge war es Sokrates, der erklärte, warum die Republik von Philosophen geführt werden sollte. Genau jener Sokrates, der in Athen zum Tod durch den Schierlingstrank verurteilt wurde.

Alle möglichen Staatsformen, von der absoluten Monarchie bis zu Republik und Demokratie, von unabhängigen Kleinstaaten bis zu zentral regierten Staatenvereinigungen, bieten sowohl Vor- als auch Nachteile. Würde den Bewohnern einer bestimmten Region die Möglichkeit offenstehen, ihren Staat nach eigenen Vorstellungen zu formen, wie würde sich die Mehrheit entscheiden?

Zweifellos würde nach einer Demokratie verlangt werden. Doch welche Art von Demokratie? Eine direkte, eine repräsentative oder eine ökonomische? Und wie sieht es mit der Wirtschaftsform aus? Nachdem Kommunismus zweifellos auf Ablehnung stoßen würde, bliebe nur der Kapitalismus als Alternative. Doch bedeutet Kapitalismus zwingend, dass gewaltige Kapitalkonzentrationen entstehen müssen, vor denen übrigens schon Karl Marx gewarnt hatte? Die Geldschöpfung ebenso wie öffentliche Einrichtungen (Transportwesen, Wasserversorgung etc.) und „systemrelevante“ Großbetriebe (Stahlindustrie, Autoproduktion etc.) durch öffentliche Institutionen zu verwalten, würde noch lange keine kommunistische Planwirtschaft mit sich bringen.

Wer würde sich gegen eine verfassungsmäßig gesicherte Pressefreiheit aussprechen? Doch was bedeutet „Pressefreiheit“? Dass es keine staatliche Kontrolle über die Medien gibt, keine staatliche Zensur. Wie ließe sich aber verhindern, dass Zensur von einer anderen Seite her erfolgt?

Zum besseren Verständnis, ein Beispiel: Nehmen wir an, ein fleißiger Journalist findet heraus, dass ein bestimmtes landes- oder gar weltweit konsumiertes Produkt zu gesundheitlichen Schäden führt. Begeistert sammelt er die Beweise und liefert beim Chefredakteur seine Story ab. Doch der weist sie zurück, denn gerade dieser Betrieb zählt zu den besten Werbekunden. Und, wie wir alle wissen, Zeitungen und Magazine werden nicht durch Abonnements finanziert, sondern durch Werbung. (Er bietet seine Informationen anderen Medien an, doch die befinden sich in derselben Situation. Letztendlich teilt er sein Wissen im Internet – und degradiert sich damit zum „Verschwörungstheoretiker.“)

Sollte das Volk auf diesem Wege versuchen, sich den idealen Staat zu schaffen, würde dieser Versuch schon daran scheitern, dass sich die Mehrheit mit den wesentlichsten Fragen noch niemals auseinandergesetzt hat. Doch selbst wenn diese erste Hürde überwindbar wäre, wie sieht es mit allen anderen Gesetzen und Regelungen aus? Wenn eine Mehrheit einer bestimmten Meinung ist, bedeutet dies noch lange nicht, dass es sich dabei um den bestmöglichen Weg handelt.

Wie entsteht eigentlich eine Meinung?

Gelingt es uns immer, unsere eigene Meinung auch vernünftig zu rechtfertigen? Sind wir uns sicher, dass wir alle wesentlichen Kriterien berücksichtigen? Bezieht sich diese Meinung ausschließlich auf unsere eigenen Interessen oder dient sie dem Gemeinwohl? Jemand, der gerne Haschisch raucht, wird sich zweifellos für eine Aufhebung aller diesbezüglichen Verbote aussprechen. Und warum sind andere für die Beibehaltung dieser Verbote? Feministinnen unterstützen die Idee, dass jeder zweite Chefsessel von einer Frau besetzt sein muss. Allerdings wurden bis heute noch keine Frauenquoten für Minenarbeiter gefordert.

Es ließen sich Hunderte Themen anführen, die letztendlich zu nichts anderem als polemischen Diskussionen führen, aber sicher zu keiner weisen Entscheidung.

Doch kommen wir zur eigentlichen Frage, nämlich, wie eine Meinung entsteht:

Wir sammeln bestimmte Informationen, speichern sie im Gedächtnis, vergleichen diese mit bereits vorhandenen Erinnerungen und Erfahrungen, bringen dementsprechend einige Emotionen ins Spiel und ziehen danach unsere Schlüsse. Überprüfen wir den Wahrheitsgehalt der gesammelten Einzelinformationen? Berücksichtigen wir, dass, wenn bereits bestehende Meinungen Einflüsse ausüben, es sich dabei vielleicht um Vorurteile handeln könnte? Berücksichtigen wir, dass unsere Emotionen vielleicht hin und wieder der Vernunft widersprechen? Sind wir uns bewusst, dass jeder Mensch über eine ausgeprägte Tendenz zur Nachahmung verfügt und deswegen so viele lieber „mit dem Strom schwimmen“, ungeachtet wo dieser hinführt?

Auch die Gewohnheit spielt eine Rolle. Kann sich jemand, der heute dreißig oder noch jünger ist, vorstellen, ohne Computer zu leben und ohne Handy mit allem, was dazugehört? Wie langweilig muss doch das Leben in den 1970er-Jahren gewesen sein. Drei Fernsehsender und daneben noch etwas Radio. Doch mit was für einer Musik. Wer würde den so etwas hören wollen! Und wenn man sich dazu noch die Kleidung ansieht, die die Leute damals trugen. Entsetzlich. Grauenhaft. Was waren das doch für arme Geschöpfe.

Glauben Sie mir, wir waren nicht arm. Auch war uns nicht langweilig. Und die Kleidung von damals fanden wir zwar nicht „cool“, dafür aber „lässig“, später „geil“, so wie unsere Eltern und Großeltern die Kleidung ihrer Jugendzeit für „chic“ hielten.

Wäre das, was wir heute erleben, was wir uns heute vorstellen, anstreben, erhoffen, wäre all dies die Essenz zivilisierten Lebens, dann würde dies bedeuten, dass Friedrich der Große ebenso ein Barbar war wie Goethe, Schiller, Beethoven, Mozart, Kant und Schopenhauer.

Ich bemühe mich jetzt nicht, den Wert moderner Errungenschaften zu minimieren. Ich möchte aber daran erinnern, dass die Annahme absurd ist, dass es sich bei der Verwendung technischer Hilfsmittel und den Kern des Daseins handelt, um ein Lebensziel. Andernfalls wäre das Leben über Jahrtausende hinweg ohne Sinn gewesen.

Buddhistisches Gedankengut geht davon aus, dass jedes Lebewesen nach Glück strebt. Die diesbezüglichen Überlegungen besagen, dass materielle, vergängliche Güter zu keinem Glücksgefühl führen. Im Gegenteil. Solange wir vom Verlangen nach bestimmten Objekten geleitet werden, leiden wir. Ist der Wunsch dann aber erfüllt, dann folgt die Sorge um den Erhalt.

Trotzdem können wir aber auf materielle Dinge in unserem Leben nicht verzichten. Selbst Mönche brauchen eine Behausung, Nahrung und Kleidung. Mit dem Hinweis auf den Buddhismus möchte ich bloß daran erinnern, dass es sich bei materiellen Gütern nicht um den alleinigen und auch nicht um den vorrangigen Lebenszweck handeln kann.

Dazu noch ein Denkanstoß: Wäre es ausschließlich der materielle Wohlstand, der zu Lebensglück führt, den aber immer nur ein relativ kleiner Anteil der Menschheit erreichen kann, dann wäre die überwiegende Mehrheit zwingend zum Unglücklichsein verdammt. Doch selbst wenn wir den von Natur gegebenen Überlebenskampf als unbarmherzig und brutal einschätzen, sollte die menschliche Vernunft wirklich nicht ausreichen, um bessere Bedingungen zu schaffen?

Plato oder Sokrates schlugen deswegen vor, Philosophen als Herrscher einzusetzen. Ihre Entscheidungen werden von Weisheit geleitet und nicht von Gewinnstreben. Sie verfügen über Weitblick. Sie verstehen, was langfristig zum Glück der Menschen beiträgt.

In meinen Gedanken erklingen Einsprüche: „Was wissen denn Philosophen schon vom wirklichen Leben?“ „Wer soll denn entscheiden, wer als Philosoph gilt und wer nicht?“ „Lasst doch die Leute selber entscheiden!“ „Das haben doch schon die Pfaffen behauptet, dass sie alles besser wüssten!“

Ja, natürlich. Stellen wir uns einen wirklich weisen Menschen vor, der in einer Rede seine Ideen zum Ausdruck bringt. Er spricht von innerer Harmonie, von Liebe und Mitgefühl. Er rät, sich Zeit für Meditationen zu nehmen, sich von der Hetze des Alltags zu befreien. Wir sollten auch darauf achten, die Tugenden in uns selbst zu wecken, auf dass wir unseren Kindern als Beispiel dienen. Denn sie sind die Träger der Zukunft. Sie verdienen es, schon früh den Wert von Anstand und Moral schätzen zu lernen. Wir müssen die Natur schützen und lernen, dem Leben selbst Respekt entgegenzubringen. Was nützt Wohlstand, wenn dabei die Seele erkrankt?

Danach folgt die Rede des Politikers: „Zu lange haben wir die Dinge einfach geschehen lassen. Jetzt ist es Zeit zum Handeln. Wir müssen unser Bestes geben, um den Wohlstand, den wir uns erschaffen haben, nicht nur zu erhalten, sondern wir wollen ihn noch weiter heben. Auch wenn vielleicht harte Zeiten vor uns stehen, ich garantiere Ihnen, in wenigen Jahren werden wir diese Krise bewältigt haben. Nur durch harte Arbeit, nur durch noch bessere Leistung können wir das Vertrauen der Märkte wiedergewinnen. Es sind die Märkte, die uns mit Jeans aus China versorgen, mit den neuesten Computern und iPhones aus Korea, mit Baumwolle aus Afrika, die in Indien und Bangladesh zu den Hemden verarbeitet werden, die Sie und ich gerade tragen? Machen Sie sich keine Sorgen, wenn unsere Schulden weiter steigen. Denn die Märkte werden dafür Sorge tragen, dass unsere eigenen Produkte auch genügend Abnehmer im Ausland finden.“ Er spricht laut, überzeugend, mitreißend. Wen würde die Mehrheit der Zuhörer wohl lieber über das eigene Schicksal bestimmen lassen?

Wollen wir uns darauf verlassen, dass die Mehrheit ihre Stimme dem wirklich besseren Konzept schenkt, dann sollten wir erst einmal sicherstellen, dass diese Mehrheit auch, unter Zuhilfenahme aller verfügbaren Informationen, die weiseste Entscheidung trifft. Ich würde sagen, eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr!

Die folgende Idee soll auf Edward Bernays zurückgehen. Er war ein Neffe von Sigmund Freud und gilt als Vater der „Public Relations“, zuvor „Propaganda“ genannt. Er meinte jedenfalls, dass die Menschen dazu gebracht werden müssen, das zu wollen, was der Wirtschaft dient. Das Volk soll nicht glauben, dass ihm kurzlebiger Ramsch verkauft wird. Nein, aus eigenem Antrieb heraus soll es immer wieder nach Neuem verlangen. Warum lösen sich Schuhe nach einem Jahr auf? Warum nicht, mag die Antwort lauten, denn im nächsten Jahr sind sie ohnehin aus der Mode? Warum halten Autos nicht länger als zehn, vielleicht fünfzehn Jahre? Wer würde denn schon ein noch älteres Modell fahren wollen? Und außerdem, die neusten Entwicklungen erhöhen ja auch die Sicherheit. Der Beispiele ließen sich Tausende anführen.

Stellen wir uns vor, eine Gruppe von Menschen aus dem 19. Jahrhundert, also nicht vom modernen Zeitgeist geprägt, wäre in unsere Zeit versetzt. Mit allen Errungenschaften vertrautgemacht, erarbeiten sie ein Konzept für ein neues Staatsgefüge. Stünde ihnen diese Möglichkeit offen, sie wären imstande, ein Paradies auf Erden zu schaffen. Doch der moderne Mensch ist zur Unersättlichkeit erzogen. Auch wenn das Meiste, nachdem er sich sehnt, zeitlebens ohnehin nur ein Wunschtraum bleibt.

„Konsum“ war übrigens einst ein durchaus negativer Begriff. Das englische Wort „Consumption“ bedeutet nicht nur „Konsum“, sondern gleichzeitig auch „Schwindsucht“, also Tuberkulose. Als positiv galt, Bestehendes zu pflegen und zu erhalten. Von der Kleidung zu den Möbeln, von Kutschen zu Wohnhäusern. Nicht abreißen, sondern renovieren. Nicht wegwerfen, sondern reparieren. Was immer verschwendet wird, ist unwiederbringlich verloren.

Natürlich soll dies nicht bedeuten, dass es so erstrebenswert wäre, alte Socken zu stopfen, wenn es um ein paar Euro neue zu kaufen gibt. Doch zweifellos ist die bewusste Erzeugung kurzlebiger Produkte, bloß um das Rad der Wirtschaft in Schwung zu halten, etwas Verwerfliches.

Wäre es wirklich ein so schwieriges Unterfangen, eine Staats- und Wirtschaftsform zu schaffen, in der die Mehrheit der Menschen in Zufriedenheit lebt? Harmonie zwischen den einzelnen Ländern aufzubauen, anstatt Armeen zu erhalten? Wäre es so undenkbar, sich nicht ständig von der Werbeindustrie einreden zu lassen, was wir brauchen, was wir „wollen“? Ist es wirklich so schwer zu verstehen, dass wir nicht Arbeitsplätze benötigen, sondern Wohnungen und Kleidung, Essen und Unterhaltung? Und wenn sich all dies mit weniger Aufwand bereitstellen lässt, dann arbeitet der Einzelne eben weniger. Was gäbe es an einem Wirtschaftssystem auszusetzen, das sich nach tatsächlichem Bedarf ausrichtet und nicht darauf angewiesen ist, Bedarf zu schaffen?

Was die Menschen sonst mit ihrer Zeit anfangen sollten, wenn sie nicht täglich acht Stunden arbeiten? Ich glaube, auch dieses Problem ließe sich rasch lösen, würde auf unseren Schulen mehr Bildung, statt Ausbildung geboten werden. Handelt es sich bei der Verfügbarkeit von Zeit nicht um die Grundbedingung von Lebensqualität? Glaubt tatsächlich jemand, dass es sich um ein ausgefülltes Leben handelt, von Termin zu Termin zu hetzen, auch wenn dafür ein teures Auto zur Verfügung steht? Was nützt es, in einem komfortablen Haus zu leben, wenn man ohnehin fast nie zu Hause ist?

Was würden Plato und Sokrates nicht alles vorschlagen, lebten sie heute und wüssten um die technischen Errungenschaften des 21. Jahrhunderts. Der Einblick in ihr Denken, der dank der erhaltenen Werke verfügbar ist, reicht aber völlig aus, um nachzuempfinden, wozu sie geraten hätten. Mit Sicherheit hätten sie zu unterbinden versucht, den Geist der Jugend durch falsche Ideale zu vergiften. Sie hätten sich Einfluss auf Kunst und Kultur ausbedungen. Sie hätten die Macht der Kaufleute, heute Investoren genannt, in Grenzen gehalten. Sie hätten darauf geachtet, dass jedem Menschen ausreichend Zeit zur Verfügung stünde, um sich selbst auf die faszinierende Suche nach den Geheimnissen des Seins zu begeben.

Doch anders als damals würde heute niemand auf sie hören. Somit bestünde auch keine Gefahr eines negativen Einflusses auf das Denken der jungen Kaufleute, wie es Sokrates einst vorgeworfen wurde. Man würde ihn nicht anklagen und auch nicht töten. Man ließe ihn einfach reden. Und die paar Leute, die ihm zuhörten, wären keine Gefahr für die Beibehaltung des bestehenden Systems. Schließlich hat sich die Demokratie durchgesetzt, in der die Mehrheit entscheidet. Und die lässt sich schließlich gerne in die gewünschte Richtung führen. Gewünscht von denen, die aus diesem System ihren Nutzen ziehen.

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