Donnerstag , 9 April 2020
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Zementierte Natur – Die Wanderausstellung des örtlichen Baumarktes

waschbetonOb nun die Gestaltung einiger unserer ureigenen Hausgärten in ihrer Gesamtheit tatsächlich die zunehmende Einfallslosigkeit unserer Zeit widerspiegelt, das vermag ich nicht zu sagen, zumindest aber scheint es mir erwiesen zu sein, dass an dieser Stelle eine gewisse Vereinheitlichung erkennbar ist, die diesen Verdacht durchaus erhärtet. Insbesondere sind es die sogenannten Vorgärten, die jene Einschätzung zulassen. Man muss, so meine Meinung, nicht einmal ein besonders kritischer Beobachter sein, um zu diesem Schluss zu gelangen.

Wie gesagt, weder fordert die Beurteilung einen besonders aufmerksamen Blick noch einen extravaganten Geschmack. Zwar kann ich mich mit der Formulierung Vereinheitlichung nicht so recht anfreunden, dennoch will ich hier aus einer Beurteilung keinesfalls eine Verurteilung vornehmen. Nein, sowohl die Abstimmung als auch – in Folge von ihr – die Anpassung haben eine Daseinsberechtigung, die ich nicht in Abrede stellen will. Vielmehr ist es die bereits erwähnte Einfallslosigkeit, der ich relativ skeptisch begegne, eine Abgegriffenheit, die sich immer intensiver in den Vordergrund drängt. Das Gehwegplatten-Betonsteinpflaster-Koniferen-Arrangement ist es, an das ich gerade denke, Metapher für eine Komposition, der man scheinbar gestattet, jede Alternative konsequent zu verdrängen. So jedenfalls registriere ich das, was mir im Rahmen meiner Stadtrand- bzw. Vorstadtspaziergänge stets und ständig begegnet.

Alles, was diesbezüglich der Baumarkt im Angebot hat, und unterm Strich handelt es sich gerne um Beton und Nadelgehölze, das wird nunmehr geradlinig für die Eingrenzung des Grundstücks gewählt, geradlinig, im wahrsten Sinne des Wortes. Hier fügen sie sich zusammen, die scharfkantigen rechten Winkel aus gegossenem Beton, systematisieren sich – schlussendlich will man es immerhin noch grün – mit den akkurat gepflanzten Reihen besagter Botschafter der Natur. Was sich auf den Gehwegen unserer Republik im Format 50 x 100 Zentimeter als verlässliche Konstante zeigt, das wird im Format 50 x 50 Zentimeter, ebenso verlässlich wie übergangslos, in den Gärten verarbeitet: Beton. Beton, in Form von Platten. Hier liegen sie flach am Boden, dort ragen sie, halb eingegraben, senkrecht aus dem Boden. Ja und gleich dahinter oder stracks links wie rechts der Standard- oder Waschbetonplatten, die Immergrünen, die Koniferen.

Klar, über Geschmack lässt sich nicht streiten (wieso eigentlich nicht?), dessen ungeachtet empfinde ich sie aber als hinlänglich bedenkenswert, diese frostsicher in die Natur eingelassene Einigkeit, die allzu gerne mit Anpflanzungen geschminkt wird, deren Grün vermutlich nicht allein mich an die verschriebene Ruhe von Friedhöfen erinnert. So, oder ähnlich so, taucht sie immer wieder auf, die Einfallslosigkeit, zeigt sie sich, gut verteilt und mit wachsender Tendenz. Einige Straßenzüge vermitteln mir den Eindruck, dass sich die angrenzenden Grundstücksflächen lediglich noch „mathematisch“ voneinander unterscheiden, und zwar einhergehend mit den Hausnummern an den Wänden. Die Tatsache, dass jene Zementwerk-Schöpfungen mittels Hochdruckreiniger und Unkrautvernichtungsmittel reinlich gehalten werden, die kann mich nicht gewinnen, und das mit der Elektro-Schere stets erneut in Form geschnitzte Grün der Koniferen ebenfalls nicht.

Nein, was die Gestaltung unserer Gärten betrifft, so haben wir nicht unbedingt Spektakuläres geleistet, jedenfalls nicht im positiven Sinne. Letzteres bezieht sich nicht allein auf die immer enger ausfallenden Grundstücke der Neubausiedlungen, obwohl Besagtes dort in einem besonderen Maße Anwendung findet. Ob es nun, um ein weiteres Beispiel zu nennen, die imprägnierten Hölzer der Pergolen sind, die auffallend dicht aneinandergereiht dem Bedürfnis nach Sichtschutz gerecht werden sollen, oder die bis zu 50 Kilogramm schweren Pflanzsteine aus Beton, die ebenfalls dem Ruf nach Abgrenzung genüge leisten, egal, immerdar wird der natürlichen Beschaffenheit, ergo der Natur, eine Symmetrie aufgedrängt, die sie mehr einrahmt denn hervorhebt. Die Natur präsentiert sich weder grau noch im rechten Winkel, niemals und an keiner Stelle ist das der Fall, sondern in lebhaften Farben und individuell in den Konturen. Ist das vollends in Vergessenheit geraten?

Allerdings gibt es sie noch, die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Das in dem Zusammenhang nicht zu erwähnen, wäre Schwarz-Weiß-Malerei. Hin und wieder und zwischendurch wird die Morbidität des Gehwegplatten-Betonsteinpflaster-Koniferen-Arrangements erholsam von einer Gartengestaltung unterbrochen, die eben nicht an eine Wanderausstellung des hiesigen Baumarktes erinnert. Dort wird dann spontan und einmal mehr erkennbar, dass es durchaus auch ohne den Einsatz von Massenware geht, ohne Synthetik und somit ohne Gleichschaltung. Und ja, zugegeben, da bleibe ich als Spaziergänger dann gerne stehen, verweile für einige Sekunden, und freue mich still über das Ergebnis der Bemühungen, freue mich über die Menschen, die sich ganz offensichtlich ihre Gedanken darüber gemacht haben, wie man was tun oder lassen kann, um das Häuschen nebst Umfeld nicht auf die Natur, sondern in die Natur zu stellen.

© Peter Oebel

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