Donnerstag , 13 August 2020
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Gott wurde vom „Großen Bruder“ abgelöst

cameras skyWarum ist die Zahl jener Menschen, die eine tiefe Abneigung gegen jede Form von Religion entwickelten, während der vergangenen Jahrzehnte so angewachsen? Es kann nicht nur an einzelnen fanatischen Auswüchsen liegen oder am Fehlverhalten einer verschwindenden Minderheit von Repräsentanten kirchlicher Organisationen. Könnte es sein, dass die Idee verworfen wird, für jede seiner Handlungen oder sogar Gedanken vor einem „höheren Gericht“ zur Verantwortung gezogen zu werden? Lebt es sich nicht angenehmer mit diesem Gefühl der grenzenlosen Freiheit? Doch gänzlich wird dabei vergessen, dass so vieles, was wir tun, mehr denn je unter Beobachtung steht. Nachdem sich daraus jedoch nur selten direkte Konsequenzen ergeben, sehen wir darüber hinweg.

Es ist mir restlos entfallen, aus welchem Film diese Szene stammt, und es tut auch nichts zur Sache. Sie beleuchtet lediglich eine Ideologie: Eine Äbtissin erklärte einer Novizin, dass sie jederzeit Jeden, auch sie, belügen könne – außer sich selbst und Gott.

„Im Auftrag des Teufels“ war der Titel eines Films (1997) mit Al Pacino in der Hauptrolle. Gegen Ende, wenn sich offenbart, dass dieser niemand Geringeren als Satan personifiziert, spricht er aus, was zweifellos eine ganze Menge Leute an der christlichen Lehre sonderbar finden: Gott stattet den Menschen, seine eigene Schöpfung, mit Trieben und Begierden aus, schreibt ihm gleichzeitig aber vor, diesen nicht zu nachzukommen. Er konfrontiert ihn unentwegt mit Versuchungen, provoziert ihn, gegen seine Gebote zu verstoßen. Was steht, nach dieser Auffassung, zur Wahl? Sich entweder regelmäßig durch Verzicht und Unterdrückung seiner Triebe selbst zu quälen oder seine angeborenen Leidenschaften auszuleben und als Strafe Höllenqualen zu akzeptieren – und zwar für alle Ewigkeit. Natürlich liebt Gott seine Kinder, so heißt es, doch wehe dem, der da seinen Zorn weckt, denn dieser sei unerbittlich. Und zu allem Überdruss ist dieser Gott, der sich in so vielen alttestamentarischen Passagen als überaus rachsüchtig beweist, noch allwissend und allsehend. Rein gar nichts entgeht ihm.

Dass eine derartige Gottesvorstellung seine abschreckende Wirkung zeigt, ist kaum verwunderlich. Ich will jetzt jedoch nicht auf die vielen Missverständnisse und Fehlinterpretationen eingehen, durch welche sich die allgemein verbreitete christliche Lehre, oder was darunter verstanden wird, auszeichnet. Ich drücke meine Gedanken darüber aus, wie das hellsehende Auge Gottes durch jenes des „Großen Bruders“ abgelöst wurde.

Dieser Begriff entstammt, wie allgemein bekannt ist, dem Roman „1984“ von George Orwell, geschrieben im Jahr 1948. Orwell beschreibt einen totalen Überwachungsstaat. Nicht nur der Informationsfluss unterliegt ständiger Kontrolle, auch der einzelne Bürger wird beinahe unentwegt beobachtet. Überall, bis hin ins eigene Wohnzimmer, sind Kameras und Mikrophone installiert. „Der Große Bruder hört und sieht alles“.

Lassen wir den Datenschutz, auf den wir uns schließlich nicht verlassen dürfen, beiseite und werfen wir einen Blick auf die heute gegebene Situation:

Sie sitzen gerade vor Ihrem Computer und lesen auf einer Webseite mit Namen „The Intelligence“. Durch Ihre IP-Adresse sind sie identifizierbar (nicht für mich, aber für den „Großen Bruder“), auch wenn sich diese täglich ändert. Jede einzelne Webseite, die Sie aufrufen, ist gespeichert. Auf die Sekunde genau lässt sich nachprüfen, wie lange jede Unterseite geöffnet war. War es einst notwendig, einen Blick auf Ihr Bücheregal zu werfen, um zu wissen, für welche Themen Sie sich interessieren, heute stehen dafür elektronische Daten zur Verfügung, mit wesentlich mehr Details.

Im Film „Das Leben der Anderen“ wird der abtrünnige Stasi-Mitarbeiter gegen Ende noch gezeigt, wie er mittels Dampf Briefumschläge öffnet. Wer schreibt noch Briefe? Mittels Email ist es nicht nur einfacher und schneller, auch bleiben alle Ihre Schreiben, die erhaltenen und die abgeschickten, auf bestimmte Zeit gespeichert. „Aber doch nicht in Deutschland. Wir haben doch den Datenschutz“! Es steht Ihnen natürlich frei, daran zu glauben.

Nicht viel anders ist es mit Telefongesprächen. Auch hier bewirkt der Datenschutz lediglich, dass abgehörte Gespräche nicht gegen Sie vor Gericht verwendet werden können, weil dies ja schließlich ungesetzlich ist. Doch praktisch jedes Telefon wird mit einem Stichwortsystem überwacht. Dieses internationale System trägt den Namen „Echelon“. Unter Verweis auf verlässliche Quellen hat Konrad Hausner schon vor längerer Zeit einen Artikel darüber verfasst.

Dass es im Internet Software zu kaufen gibt, mit der sich anderer Leute Handys überwachen lassen, ist zwar bekannt, wird aber ebenfalls selten bedacht. Auch zu diesem Thema gibt es bei The Intelligence bereits einen ausführlichen Artikel. Und was Ihnen mittels frei käuflicher Software mit den Mobiltelefonen ihrer Familienmitglieder gelingt, geschickten Hackern auch auf Distanz, wäre für Sicherheits- und Geheimdienste natürlich ein Kinderspiel. Also, wo immer Sie sich hinbewegen, sobald Sie Ihr Handy bei sich haben, ist es nachvollziehbar.

Dass durch Spyware – sehr bekannt ist mittlerweile der sogenannte „Bundestrojaner“ – sich sogar die Webcam Ihres eigenen Computers dazu verwenden lässt, um Bilder aus Ihrer Wohnung abzurufen, ist auch schon lange kein Geheimnis mehr. Abschließend noch darauf hinzuweisen, dass alles, was Sie per Kreditkarte bezahlen, auch irgendwo gespeichert ist, erscheint, all die anderen Bespitzelungsmöglichkeiten bedenkend, gar nicht mehr als sonderlich schockierend. Und ob Sie letztendlich in Ihrem Facebook-Profil über Ihre Hobbys berichten, trägt gar nicht mehr so viel zum Gesamtbild bei. Ihr Surfverhalten ist schließlich ohnehin nachvollziehbar.

Natürlich können wir alle davon ausgehen, dass nicht auf jeden Bürger ein Spitzel angesetzt ist. Auch in Osteuropa, vor dem Fall des Eisernen Vorhanges, wusste man, dass abgehört und mitgelesen wird. Und man wusste, dass es eigentlich nie Konsequenzen gab. Es lag lediglich ein Persönlichkeitsprofil vor. Und im Falle des Falles wusste man eben über viele Details bescheid.

Und genau so, bloß wesentlich umfassender, ist es auch heute. Alle Daten mögen irgendwo gespeichert sein. Doch unter normalen Umständen gibt es natürlich keinerlei Anlass, diese abzurufen. Es sei denn, jemand aus den Kreisen, die über Zugang verfügen, interessiert sich plötzlich für Sie. Doch, wie gesagt, als Normalbürger braucht man damit grundsätzlich nicht zu rechnen.

Als der Mensch noch davon ausging, rein gar nichts vor seinem Schöpfer verbergen zu können, durfte er trotzdem Versuche wagen, oder sich zu solchen hinreißen lassen, angenommene Gebote zu übertreten. Zeigten sich Konsequenzen? Nicht im geringsten. Sünde um Sünde – sofern wir die Möglichkeit zu solcher mit einbeziehen – lässt sich begehen, ohne dass sogleich Gottes Zorn über den Abtrünnigen hereinbricht.

Nun glauben wir uns frei von höherer Verantwortung. Doch das „wachende Auge“ schwebt nicht mehr im geistigen Sinne über uns, es existiert als beinharte Realität. Wir wissen es. Es stört uns auch kaum. Denn schließlich haben wir nichts oder zumindest sehr wenig zu verbergen. Bezeichnend finde ich diese Veränderung als Ausdruck des Zeitgeists, der vielleicht in Verbindung mit jener Epoche stehen könnte, die in Indien Kali-Yuga, das dunkle Zeitalter, genannt wird. Nicht überirdische, sondern durch und durch in der Materie verankerte Mächte wachen über uns. Und ob wir diesen gegenüber eines Tages vielleicht doch Rechenschaft ablegen müssen, das wird die Zukunft zeigen.

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