Dienstag , 19 Januar 2021
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Ronja, wir müssen!

schulkinder_1„Tschüss Ronja“, unmittelbar vor der großen Eingangstür bleibt die junge Mutter mit ihrem Töchterchen stehen, „du gehst gleich nach der Schule mit zu Rebecca. Rebeccas Vater holt euch beide nach der letzten Stunde ab.“ „Aber Mama … “„Du Ronja“, die Mutter unterbricht den Ansatz des Kindes, „es ist schon sehr spät. Du musst dich beeilen. Wir können später alles besprechen. Geh jetzt bitte rein.“ Ronja ist sieben Jahre alt und geht in die zweite Klasse. Die Uhr zeigt auf 8:55. Pünktlich um 9:00 Uhr beginnt der Unterricht.

Flüchtig, dennoch betont liebevoll, tätschelt die rechte Hand der Mutter mehrfach Ronjas Schulter. Ein Abschiedszeremoniell, ein Ersatz, für eine etwaige Handreichung, die aus der Situation heraus nicht möglich ist. Das Kind hat keine Hand frei. In der einen Hand einen Turnbeutel und in der anderen ein Blockflötenetui haltend, schreitet das kleine Mädchen die wenigen Meter in Richtung Eingang. Im Fortgehen blickt die Mutter sich mehrfach um, sieht, wie ein prall gefüllter, übergroß wirkender Schulranzen hinter der schweren Tür verschwindet. Ihre Tochter hat sich nicht mehr umgedreht. 9:00 Uhr – mit einem schrillen, langanhaltenden Läuten kündet die Schulglocke den Beginn des Unterrichts an, trennt konsequent die Freizeit von der Pflicht. Ein Schulranzen, ein Turnbeutel und ein Blockflötenetui hasten die letzten Treppenstufen zum ersten Stockwerk hoch. Wieder einmal kommt Ronja zu spät in das Klassenzimmer.

So, oder ähnlich so, beginnt für Mutter und Tochter in der Regel jeder Tag innerhalb der Woche. Die Zeit ist knapp, besonders die Minuten des Morgens sind streng eingeteilt. Montags und freitags beginnt die Schule um 8:00 Uhr, was das Szenario dann deutlich schneller ablaufen lässt. Dann kann es schon mal vorkommen, dass Ronja ohne zu frühstücken das Haus verlässt. Und ja, bis das für den Ablauf des Tages Erforderliche besprochen ist, beziehungsweise alle Sachen zusammengesucht und eingepackt sind … Es ist alles andere als leicht. Stets und ständig dieselbe Problematik, immer die gleichen Diskussionen. Die Mutter ist schlechtgelaunt, was sich auf das Kind überträgt. Klar, das bezieht sich auf Gegenseitigkeit. „Mein Aufgabenheft, ich finde mein Aufgabenheft nicht.“ „Liegt es vielleicht noch auf dem Wohnzimmertisch? Ronja, sieh doch mal schnell nach.“ „Wo ist meine grüne Mütze? Die Rote mag ich nicht.“ „Ronja, wir müssen!“

Was die knappe Zeit betrifft, das allmorgendliche Hetzen, so haben sich beide längst an diesen Umstand gewöhnt, jedenfalls nach außen. Gerade mal vierzehn Monate alt war Ronja, als sie von montags bis freitags so gegen 8:00 Uhr an der Haustür von Frau Dietrich in Empfang genommen wurde. Frau Dietrich ist Tagesmutter, sie hat das Kind dann jeweils bis um 16:30 Uhr betreut. Als sie dann drei Jahre alt war, stand ihr ein Platz im Kindergarten der hiesigen Gemeinde zu. Dort gibt es zwar stets mehr Anmeldungen als vorhandene Plätze, aber der Antrag lief bereits seit über eineinhalb Jahren, und es hat dann übergangslos geklappt. Dort wurde sie zwischen 8:45 und 8:50 Uhr abgegeben, und musste bis spätestens 16:00 Uhr abgeholt werden. Die Mutter konnte die Übergabe des Kindes in den meisten Fällen mit ihrer Arbeitszeit vereinbaren, allerdings mehr schlecht als recht, was in der Natur der Sache lag. Das Abholen hingegen war problematischer.

Vor rund acht Jahren zogen Mutter und Vater in den sogenannten Speckgürtel der Großstadt, finanzierten sich dort ein Reihenhaus in einer Neubausiedlung. „Unsere Kinder sollen auf dem Lande aufwachsen“, hieß es. Tagesmutter, Kindergarten und Schule sind im Ort, die Arbeitsplätze der Eltern in der Stadt, die nunmehr fünfundzwanzig Kilometer entfernt ist. Das Eigenheim muss bezahlt werden. Der Arbeitsplatz ist nun wichtiger denn je. „Letzten Endes ist doch alles eine Frage der Organisation.“ Was das Abgeben und das Abholen betrifft, so hatte und hat der Vater da wenig Spielraum, in seinem Beruf ist er viel auf Reisen. Die Mutter kann da eher variieren, kann einiges von zu Hause aus erledigen. Letzteres verlangt zwar hin und wieder eine zähe Verhandlung mit dem Chef, lässt sich dann aber irgendwie einrichten. Jedenfalls ist das der Verbleib, ja das Ergebnis der Organisation. Aus dem Freundeskreis heraus stößt man auch auf Hilfsbereitschaft.

Wie heute ist Ronja des Öfteren gleich nach der Schule verabredet. Der Unterricht ist um 13:00 Uhr beendet. Irgendwer holt sie immer ab. Meistens die Mutter, oft ist es die Mutter einer Klassenkameradin, eher selten ihr Vater. Entweder bekommt sie dann Besuch von einer Freundin, oder sie besucht eine Freundin. Heute wird sie die Nachmittagsstunden bei Rebecca verbringen. Heute ist Dienstag, da kann eine solche Verabredung stattfinden. Morgen und übermorgen geht das nicht. Mittwochs hat Ronja Ballett und donnerstags Judo. Ab Freitag sind dann wieder Treffen möglich. Allerdings werden bekanntlich vornehmlich die Wochenendtage für die Kindergeburtstagsfeiern gewählt, und bedingt durch ihren großen Freundeskreis wird ihr das ganze Jahr über, in regelmäßigen Abständen, die eine oder andere Einladung gereicht. Selbstverständlich lädt sie ebenfalls die meisten ihrer Freundinnen zu ihrem eigenen Geburtstag ein.

Eigentlich ist Ronja nach dem Unterricht noch bis 14:00 Uhr in der sogenannten Betreuung angemeldet. Im Rahmen dieser Stunde bietet die Schule den Kindern die Möglichkeit, auf dem Gelände ein Mittagessen einzunehmen. Danach werden dann unter Aufsicht die Hausaufgaben erledigt. Eine runde Sache. Heute isst sie bei Rebecca, vielleicht zusammen mit Rebeccas Eltern. Die Hausaufgaben macht sie dann später mit ihrer Mutter, spätestens, nachdem sie wieder abgeholt wurde, wenn sie wieder zu Hause ist … „Hallo, ihr beiden Räuber“, Rebeccas Vater hält die schwere Schuleingangstür für die Mädchen weit geöffnet, „da seid ihr ja.“ Zwei prall gefüllte Schulranzen, zwei Turnbeutel und zwei Blockflötenetuis kommen kichernd den Flur entlang. Ronja bleibt stehen, rempelt sich lachend mit einem Kind, das ebenfalls vor nur wenigen Sekunden den Klassenraum verlassen hat. Rebeccas Vater blickt zur Uhr: „Ronja, wir müssen!“

Anbei: Das, was unsere heranwachsenden Kinder heutzutage innerhalb ihres Tagesablaufes erleben, was ihnen die heutige, schnelllebige Zeit abverlangt, das zeigt sich nicht selten von einer Eile umrahmt, die besorgniserregend ist. Immer häufiger wird der berechtigte Wunsch nach einem Innehalten von einem Termindruck ausgeschlossen. Hektik ist der strenge Dirigent der Gegenwart, der mit seinem gewaltigen Orchester die Ruhe konsequent zu übertönen versteht. Kleine Seelen haben sehr leise Stimmen, wir wissen das doch, ihr zaghaftes Rufen verirrt sich oftmals im Raume, verhallt dann an den Wänden der Rasanz. Die Realität, die Auswirkungen unserer Ignoranz, wird kaum noch wahrgenommen, eher nicht. Obwohl wir immer spürbarer mit den Folgen konfrontiert werden, lassen wir das Rad kontinuierlich schneller drehen. Viele Kinder sind überfordert, haben keinen ausreichenden Freiraum, werden depressiv.

© Peter Oebel

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