Montag , 8 August 2022
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Der Verlust der Stille

forestVergangenen September gelangte eine Studie der Technischen Universität in Dresden zur Veröffentlichung, die besagt, dass 38 Prozent der Europäer psychisch krank seien. Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen die Krankenkassen, die mit einer Explosion der Kosten für Psychopharmaka konfrontiert sind. Ein Grund für diese schlimme Entwicklung, der nicht unmittelbar mit der Politik und der unheilbringenden Globalisierung (Verlust von sozial gut abgesicherten Arbeitsplätzen) zusammenhängt, ist, meiner Meinung nach, der Verlust der Stille.

Im Jahr 2000 kam ein Film von Richard Attenborough bei uns in die Kinos, der leider nicht sehr populär wurde. Mit Pierce Brosnan in der Hauptrolle, erzählt er die Lebensgeschichte von Archie „Grey Owl“, einem in den kanadischen Wäldern lebenden Engländer, der sich in seinen selbst verfassten Büchern und bei Vorträgen als Indianer ausgab. In London ließ er das neugierige Publikum einige Zeit gespannt warten. Kein Laut war zu vernehmen. Dann sprach er: „Könnt ihr das hören? Das nennt man Stille!“ Und sogleich fuhr er fort, dass es so etwas bald nicht mehr geben werde. Der Lärm der modernen Zeit wird die Stille eines Tages restlos verdrängen.

 

Eine Gesellschaft, die der Stille keinen Platz mehr erlaubt, wird nicht nur arm und oberflächlich, sondern mit der Zeit unerträglich. Dies kann schon heute deutlich beobachtet werden. Das Potential, wegen einer Nichtigkeit Gewalt auszuüben, war noch nie so hoch. Und ich kann nicht umhin, zu glauben, dass hier ein Zusammenhang besteht.

Noch keine Generation auf diesen Planeten ist mit einer derartigen Dauerbeschallung aufgewachsen wie die jetzige. Die Welt wurde zu einer Nonstop-Diskothek. Ob auf der Straße, beim Einkaufen, im Büro oder zuhause (Lärm von draußen oder von den „netten Nachbarn“), es gibt kaum mehr eine Insel der Stille. Diese Entwicklung macht uns nicht nur aggressiv, sondern auch krank. Und so bleibt für viele nur mehr die Flucht in Tranquilizer, Alkohol, Drogen oder Schlaftabletten.

Ist die Zeit denn noch immer nicht reif für einen Bewusstseinswandel, das Rückbesinnen auf längst verschüttete Werte?

Viele empfinden die Stille bereits als Bedrohung die mit möglichst leistungsstarken Lautsprechern oder zumindest mit Musik aus den Kopfhörer bekämpft werden muss.

Vielleicht würde es vielen gut tun, anstatt eines lärmenden Events, die Stille im Wald zu suchen. Vielleicht gelänge es dort so Manchem, zu erkennen, wie verwirrt unsere Gesellschaft ist. Vielleicht wäre es eine Gelegenheit, darüber nachzudenken, ob es nicht besser wäre, in Zukunft etwas leiser zu leben.

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