Montag , 20 Januar 2020
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Demokratie: Dogmen ohne Hand und Fuß

statue_of_libertyWir schütteln unsere Köpfe über die Verblendung der Vergangenheit. Als Völker in den Krieg zogen, um andere Völker mit dem Kreuz Christi zu beglücken. Und wieder andere mit „Feuer und Schwert“ den Islam zu verbreiten versuchten. So etwas gibt es heute natürlich nicht mehr. Heute töten und sterben Menschen aus anderen Gründen. Heute lautet der Schlachtruf: „Demokratie!“ Hören oder lesen wir von bösen Diktatoren, die ihrem Volk das bedeutendste aller Grundrechte, das Recht auf Mitbestimmung, verwehren, so ist unser Urteil ebenso rasch gefällt wie einst über Heiden und Götzendiener. Und wehe dem der da zweifelt. „Wir werden keine frevelhaften Verschwörungstheorien dulden!“, brüllte George W. Bush in die Welt hinaus, als Bedenken bezüglich des Wahrheitsgehalts der Al-Kaida-Predigt laut wurden.

Die meisten von uns waren noch nicht geboren, als die Gräuel des Zweiten Weltkrieges ihr Ende genommen hatten – und damit auch die wirtschaftlichen Probleme der Vorkriegszeit. Es gab Wiederaufbau. Es gab Arbeitplätze. Es boten sich Geschäftsmöglichkeiten. Und, zumindest westlich des Eisernen Vorhanges, durften die Menschen über ihre Zukunft selbst bestimmen. Gut, vielleicht nicht ganz. Sie duften zumindest regelmäßig zu den Urnen schreiten.

Demokratisch gewählte Politiker gaben ihr Bestes, um Wohlstand für die Bürger der Gegenwart ebenso zu garantieren wie eine gesicherte Zukunft! Die klügsten Köpfe der Welt hatten ein Finanzsystem ausgearbeitet, das den Märkten die notwendige Liquidität bescherte. Mit Staunen durfte die Welt die Errungenschaften in diesen glorreichsten aller Zeiten erleben. Die Menschheit erfüllte sich den Jahrtausende alten Traum einer Reise auf den Mond. Gleichzeitig wurden für den gemeinen Bürger immer exotischere Urlaubsdestinationen erschlossen. In regelmäßigen Zeitabschnitten wurden gigantische Sportveranstaltungen zelebriert, durch welche die Völker aller Kontinente Vereinigung finden sollten. Die Unterhaltungsindustrie brachte Barden hervor, die für Hunderte von Millionen zum Idol wurden. Wahrlich, wahrlich, was mehr hätte sich der Mensch erträumen können? Und noch lange schien kein Ende des Fortschritts, des Wachstums, der Verbesserungen in Sicht. Was versprachen die Zukunftsforscher der 1970er-Jahre nicht alles für das 21. Jahrhundert. Zwanzig Arbeitsstunden pro Wochen sollten ausreichen, um ein über alle Maßen komfortables Leben zu genießen. Roboter würden die Hausarbeit erledigen. Autos würden ganz von selbst ihr Ziel finden. Elektronisch gesteuerter Verkehr würde Unfälle zu einem Relikt einer barbarischen Vergangenheit werden lassen. Nicht zu reden von den erwarteten Errungenschaften der Medizin.

Das bittere Erwachen kam nicht über Nacht. Zumindest nicht für diejenigen, die sich die Mühe machten, einen Stift zur Hand zu nehmen, um nachzurechnen, wie viele Jahre es wohl dauern würde, bis nicht einmal mehr die Zinsen für die Staatsschulden aufzutreiben wären. Den gemeinen Bürger interessierte so etwas natürlich nicht. Der wusste nämlich noch lange nicht, und viele wissen es auch heute noch nicht, wo Geld überhaupt herkommt. Solange wir in einer Demokratie leben, wird schon alles seine Richtigkeit haben. Sprach man vor gar nicht so langer Zeit noch mit Experten, so erklärten sie das bestehende System als in alle Ewigkeit funktionierend. Das Zauberwort lautete einst: „Deficit-Spending“, und danach immer noch: „Wachstum“.

Der Bürger vertraute dem System aber nicht nur deswegen, weil er seine Volksvertreter ja schließlich selbst auswählen durfte, es gab und gibt ja auch noch die „freie Presse“. Eine Unzahl idealistischer Journalisten schaut den Mächtigen also regelmäßig auf die Finger. Skandal um Skandal wurde und wird aufgedeckt. Eine wahre Demokratie basiert ja schließlich auch auf Transparenz.

Nachdem sich in der Demokratie alles nach dem Willen des Volkes richtet, so müssen wir davon ausgehen, dass jede soziale oder demographische Veränderung letztendlich auch dem Volkeswillen entspricht. Nur unverbesserliche Verschwörungstheoretiker – die Ketzer der Neuzeit – faseln darüber, dass es angeblich Institute wie Tavistock geben könnte, in denen Umerziehungspläne ausgearbeitet werden, die dann durch Medien sowie die Film- und Unterhaltungsindustrie Anwendung finden. Umerziehung! So ein Unsinn. Nur weil der Mehrheit von uns endlich das Licht aufgegangen ist, weil wir endlich erkennen, dass praktisch alles, was unsere Vorfahren dachten, taten, anstrebten, zu verstehen glaubten, falsch war, will uns jemand einreden, dass wir Opfer einer groß angelegten Manipulationskampagne sind?

Niemand ist manipuliert. Wir leben im Informationszeitalter. Und alles geschieht so wie es das Volk sich wünscht – und zwar aus eigenem Antrieb.

Leider ist noch nicht die ganze Welt befreit. Aber Schritt um Schritt kriegen wird das hin. Da gab es doch auch diesen Saddam Hussein, diesen verbrecherischen Diktator, der es doch tatsächlich gewagt hatte, sich gegen Kurdenaufstände durch Waffengewalt zur Wehr zu setzen. Das dürfen nur die Türken, die schon vor Jahrzehnten zur Demokratie bekehrt wurden. Darauf zu bestehen, dass Ölquellen im Staatsbesitz verbleiben, ist im demokratischen Sinne einer Blasphemie gleichzusetzen. (Hugo Chavez wurde zwar mehrheitlich gewählt, doch mit den Geboten der Demokratie scheint er nicht wirklich vertraut zu sein.) Dass im Irak über eine Million Menschen ihr Leben verloren, während ausländische Armeen unter Führung der Vereinigten Staaten das Land endlich von seinem tragischen Schicksal erlösten, dabei handelt es sich um unvermeidliche Kolalateralschäden. Saddam war böse. „So steht es geschrieben!“ Nicht in der Bibel. Dafür aber in der Zeitung.

Und nicht nur, dass das irakische Volk, also der Teil davon, der die Befreiung überlebt hat, nun endlich auch die Vorteile der Demokratie genießen darf, wie viele Arbeitsplätze wurden durch die Waffenproduktion geschaffen? Deswegen liefert ja auch der Bürger voller Begeisterung sein halbes Einkommen an den Staat ab. Nicht nur, um die Zinsen für die Schulden zeitgerecht zu begleichen, sondern auch, um Arbeitsplätze zu schaffen. Und sobald ein junger Amerikaner, der heldenhaft sein Vaterland in irgend einem entfernten Winkel der Welt verteidigt, vom Widerstand – pardon: von Terroristen –  in die Luft gesprengt wird, bietet sich gleichzeitig schon wieder ein neuer Arbeitsplatz. Demokratie ist doch etwas Herrliches. Dafür lohnt es sich doch wirklich, sein Leben einzusetzen.

Über wie viele Jahrhunderte sind Menschen blind den christlichen Dogmen gefolgt? Aus Angst vor der Hölle und aus Hoffnung auf ein Paradies? Wie dumm diese Menschen doch damals gewesen sein müssen. Demokratie, so heißt die wahre Ideologie. Wenn sich diese erst einmal über die ganze Welt verbreitet haben wird, dann – ihr werdet schon sehen – dann haben wir das Paradies hier auf Erden. Dann brauchen wir auch keine Heiligen mehr, denn Bill Gates und Warren Buffet leben schließlich in unsere Mitte. Wir brauchen auch keine Erzengel, denn die Herren über die Märkte wandeln ja schon jetzt auf unserem Planeten und in ihren Adern fließt richtiges Blut.

Hartz-IV-Empfänger, Arbeitslose, Unterbezahlte, Obdachlose, das sind jene Menschen, denen es am Glauben an die Demokratie fehlt. In unverzeihlicher Verblendung haben sie die falsche Ausbildung absolviert oder auch gar keine, haben sich den falschen Idealen verschrieben. Oder sie sind einfach nicht mit den Fähigkeiten ausgestattet, um in diesem faszinierenden Wettkampf um den besseren Arbeitsplatz zu bestehen.

„Das Geld ist der Gott unserer Zeit und Rothschild sein Prophet!“, erkannte Heinrich Heine schon vor fast zwei Jahrhunderten. So richtig manifestieren ließ sich der neue Gott aber erst, als auch die passende Religion dazu entstanden war. Und Religionen werden erst dann zu effektiven politischen Instrumenten, wenn die Zahl derer, die ihnen bedingungslos und blind vertrauen, auch groß genug angewachsen ist.  Was die Zahl der Gläubigen betrifft, so steht Demokratie mit Sicherheit bereits an erster Stelle. Im Namen des Kapitalismus, der freien Marktwirtschaft und Wohlstand in Ewigkeit.

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